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Vorbei führt mich der fast tägliche Weg

zu “ einem Blumenstrauß für mein Herzchen “ am so genannten „Böttcherberg“. Der Name rührt sicherlich her von einem Fass- und Bottichmacher, der hier ansässig war. Steil ansteigend erreicht man über den „Böttcherberg“ auf einer Pflasterstrasse eine Höhe,die als nordwestlicher Ausläufer des „Marienhöhe-Plateaus“ gelten kann.
Als „Stauchitzer-Berg“ fällt sie nach Norden zum Jahna-Tal hin steil ab.
Von dieser Höhe aus hat man ähnlich wie vom Kirchturm einen weiten Blick ins Jahnatal. Die Konturen vom Riesa-Park bis hin zum Gebäude des Riesaer Krenkenhauses werden sichtbar.
Mein Weg zu unserem „Berg“ führt an Wohnhäusern vorbei. Nach der Wende leuchten sie mit roten Dächern, gestrichenen Fassaden. Installierte Ölheizungen verbreiten kaum noch wahrnehmbaren Abgasgeruch. Wogegen man die Vorwende-Gerüche der Brikettfeuerung beinahe vermisst.
Das triste grau der Häuser wird allmählich verdrängt.
Vorbei komme ich an einer riesigen, die Nordseite des ehemaligen Rittergutes begrenzenden Scheune. Mit einem roten Ziegeldach versehen, beheimatet sie eine Firma, die sich mit Kleintierbedarf beschäftigt und erfolgreich verkauft.
Dieser große Scheunenbau erregte Aufsehen durch einen ziemlich breiten Riss in der westlichen Giebelwand.
Man musste sich ängstigen, dass einem eines Tages das alte Gemäuer auf den Kopf fallen könnte. Im Jahr 2004 wurde das gesamte Bauwerk innen und aussen rekonstruiert und der beschriebene Riss verschwand unter neuem Putz und neuer Farbgebung.

Mit diesem Riss in der Wand verbindet sich für mich

eine kleine Episode, die ich nachfolgend erwähnen möchte:

„Heute am Bustag, dem 18.11.1999 kommt mir ein Brief an einen Herrn Cushing in die Hand. Ihn traf ich zufällig bei einem Gang auf unseren „Berg“, der linker Hand auf dem Wege nach Treben liegt. Vom Wohnhaus bis dahin sind nur 350 m zurückzulegen.
Herr Cushing ist Amerikaner. Er war Gast bei der Frau Jentzsch und Fräulein Kunz, der ehemaligen Stauchaer Hebamme. Seine Gattin ist die Schwester von Fräulein Kunz.
Ich entsinne mich, dass er sich besonders besorgt zeigte über den erwähnten großen Riss im Gemäuer im Giebel dieser Scheune des Rittergutes an der Straße nach Treben, nun Kirchstraße genannt. Er sorgte sich offensichtlich, dass eines Tages die Trümmer der Scheune das Haus belästigen könnten, in dem seine Schwägerin wohnte.
Ende 1999 ist der Riss mit einem Drahtgitter stabilisiert worden und er wird unter Putz verschwinden. Lange Jahre ängstigte man sich darüber, dass diese Maueröffnung sich verbreiterte.
Mit dem besagten Herren kam ich ins Gespräch. Er sprach gut deutsch mit dem typisch amerikanischen Akzent.
Als amerikanischer Staatsbürger und Verwandter der Frau Kunz, der alten Dame, die einmal Hebamme war.
Sie hat mich als Debüt ihrer Tätigkeit, als erstes Kind, am 11.11.1925 zur Welt gebracht.
Man war damals, nach meiner Mutters Aussage, ein wenig besorgt, ob denn die junge Dame die notwendigen Fertigkeiten und Fähigkeiten dazu besäße. Offensichtlich hat’s aber geklappt, diese „Karnevalsfigur“ das Licht der Welt erblicken zu lassen.

Wie mir mein Herzchen inzwischen bestätigte, gab es einige ausgiebige Gespräche im Garten und auf dem Berge. Schließlich versprach ich, dem Herrn Chusing, meine Erlebnisse auf der Auto-Reise in die Sowjet-Union, die bei unserer Begegnung unmittelbar bevorstand, zu schildern. Während dieser Begegnung, hatte ich noch verschiedenes im Garten und am Hause zu erledigen. Unter anderem transportierte ich eine Leiter, mit der ich Obst pflückte, vom Garten nach Hause.
„Very interesting“ fand Herr Cushing das Leiter-Aufhängen. An der Wand unseres Nebengebäudes waren in die West- und Ostseite in die Wand hölzerne Zapfen eingelassen, die etws 20 cm herausragten. An ihnen können die Obstleitern aufgehängt und ein wenig witterungsgeschützt aufbewahrt werden.
Der Vorgang bedarf einer gewissen Geschicklichkeit. Mit einer Heugabel wählt man die Mitte der Leiter aus und das ziemlich schwankende Etwas wird hochgehievt. Unser amerikanischer Gast fotografierte den Balanceakt. Selbst so banale Dinge sind manchmal eben interessant.
Zum Verständnis sei gesagt, dass die Gattin Herrn Cushings während der letzten Tage seines Hierseins sehr schwer erkrankte.
Später hat uns ein Sohn des Herrn Chusing besucht. Ich entsinne mich nur noch daran, dass ich dem Sohn des Herrn Chusing unsere Genossenschaft und die EDV-Anlage zeigte. Dazu musste ich meine bescheidenen Englischkenntnisse zusammenkratzen. Radebrechend bin ich mit ihm durch die Genossenschaft gegangen. Erstaunlich, wie man sich dennoch verständigte. Er sprach im Gegensatz zu seinem Vater kaum Deutsch.
Besonders erinnerlich ist mir dabei noch, dass ich ihm unter Anderem erklären wollte, wie viele Lkw wir hätten. Die Lkw bezeichnete ich englisch mit ”lorrys”. Er korrigierte mich, sie hießen amerikanisch ”trucks“.
Er zeigte sich interessiert und war sehr erstaunt, wie wir mit unserer EDV-Anlage arbeiteten. Er wollte es kaum glauben, dass ein gärtnerischer Betrieb hinter dem „eisernen Vorhang“ über diese Möglichkeiten verfügte.
Bei seinem Besuch lief die Vergütungsrechnung. Beeindruckend war schon, welche Berechnungen für jedes Miglied unserer Genossenschaft dabei vollzogen wurden. 20 Sekunden benötigte der Rechner, um dem Genossenschaftsmitglied die Vergütung zu berechnen mit den aktuellen und kumulativen Daten und den dazu erforderlichen Vergütungsstreifen zu drucken. Für den damaligen Zeitpunkt und für unserer Genossenschaft bedeutete diese Leistung einen guten Fortschritt. Andere Landwirtschaftsbetriebe mussten zu diesem Zeitpunkt dem Rechenzentrum in Dresden aufwändige Datenerfassungsbelege einreichen. Nach Tagen erhielten sie die Unterlagen zurück. Nun begann die Fehlersuche.
Der Besichtigungsrundgang mit dem Amerikaner brachte mir einen erheblichen Rüffel beim Parteisekretär der SED ein. Ich wurde belehrt, dass Ausländerbesuche genehmigungspflichtig und langfristig zu beantragen seien. Der Stasi benötigte einen Zeitraum, um die Späher in Stellung zu bringen. Damit hatte ich gegen die ehernen Gesetze der Angst vorm Klassenfeind verstossen.
Das Vorwenderegime vermuteten hinter jedem Ausländer eine Affäre mit dem „Geheimzeichen LB 17″.
Ich ahne, dass ich den Vorgang und den Brief in meinen Stasi-Unterlagen wieder finden werde.
Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik teilte mir mit, dass Unterlagen vorhanden seien.
Eines Tages werde ich sie einsehen dürfen.

Ich löste mein Versprechen gegenüber Herrn Cushing ein und schrieb den nachfolgenden Brief;
“ Staucha, 2.1.1977
Werter Herr Cushing!
Sie werden erstaunt sein, aus der Deutschen Demokratischen Republik Post zu erhalten.
Wenn Sie sich bitte an Ihren Aufenthalt in Staucha erinnern wollen, werden Sie wissen, dass ich Ihnen versprach, einige Eindrücke unserer Autotouristikfahrt in die Sowjetunion zu schildern. Nachfolgend versuche ich es:
Zunächst gestatten Sie mir, dass ich Ihnen unsere aufrichtige Anteilnahme am Schicksal und Heimgang Ihrer Frau Gemahlin versichere.
Wir hatten uns kennen gelernt, als Sie uns nach dem Gartengrundstück der Frau Jentzsch um Auskunft baten über den auffälligen Riss in der neben dem Haus der Frau Jentzsch stehenden großen Scheune. Unser interessantes Gespräch setzten wir dann in unserem Garten fort. Wir entsinnen uns gern dieses Gesprächs.
Ich hatte Ihnen unter Anderem erzählt, dass ich zum Zeitpunkt des Kennenslernens, kurz vor unserer Autoreise in die Sowjetunion stand. Meinen Sohn Hardy, der in Donezk in der Ukraine studierte, wollten wir wieder in seinen Studienort bringen und gleichzeitig am Schwarzen Meer unseren Urlaub verleben.
Sie entsinnen sich sicherlich dieses Sachverhaltes.
Am 1. September 1976 sind wir mit unserem Wartburg-Tourist, es ist ein Wagen, der in unserer Republik hergestellt wird und unserer Meinung nach von vorzüglicher Qualität ist, losgefahren. Er ist fünftürig. Durch die günstige Raumgestaltung des Fahrzeuges und die Anordnung einer Hecktür gestattet er eine optimale Ausnutzung des Laderaumes. Es war uns somit möglich, in ihm die vier Familienmitglieder, meine Frau, meine beiden Söhne und mich sowie die notwendigen Utensilien für die dreiwöchige Reise zu verstauen. Die Autoreise sollte über 7500 Kilometer gehen. Das Fahrzeug musste also die notwendige Bequemlichkeit bieten, denn einen beachtlichen Teil der Reise mussten wir in ihm verbringen.
Unsere Route führte uns zunächst 200 Kilometer in östlicher Richtung durch unsere Republik. Etwa 1000 Kilometer mussten wir dann durch den südlichen Teil der Volksrepublik Polen fahren. Dabei durchquerten wir etwa 600 Kilometer ehemaliges deutsches Gebiet, welches wir durch den zweiten Weltkrieg an die Volksrepublik Polen verloren.
Unsere Autotour hätte ein jähes Ende nehmen können. Nach Hundert Kilometern in Polen, wechselten wir die Fahrer. Mein in der SU studierender Sohn übernahm die Lenkung. Er hatte in seinem Studienland die Fahrerlaubnis erlangt und wollte nun seine „ Fahrkünste ” unter Beweis stellen. Wenige Kilometer danach, an der rechten Straßenseite grasten von einer Oma behütet, paar Kühe. Als wir uns mit etwa 80 Stundenkilometern fahrend, auf gleicher Höhe damit befanden, raste plötzlich eine Kuh auf die Straße. Um Hornesbreite entgingen wir einem Zusammenstoß. Unschwer kann man sich vorstellen, dass bei einer Kollision mit diesem Rindvieh, unsere Tour im Krankenhaus oder schlimmerem geendet hätte. Unser Fahrer hatte den Vorgang nicht unmittelbar wahrgenommen. Als er unsere Erregung bemerkte, frage er :“ Ist ´was ?“
In der Stadt Krakow übernachteten wir bei von Bekannten meiner Frau vermittelten Bürgern, die uns sehr herzlich aufnahmen. Sie sprachen ein wenig deutsch. Der Dialog mit ihnen war interessant.
Man konnte erkennen, dass sich das Verhältnis von Deutschen und Polen zu bessern begann. Bei einem früheren Besuch bei den bereits erwähnten Bekannten meiner Gattin in Oberschlesien und einer Fahrt nach Warschau, schmierte man uns bei einem Stau an einer Baustelle ein Hakenkreuz an unsere Heckscheibe. Aus dieser Begebenheit ließ sich unschwer die Stimmungslage zu diesem Zeitpunkt von Polen und Deutschen erkennen.
Die Stadt Krakau hat reizvolle architektonische Bauwerke. Sie sind für uns interessant, weil die Geschichte des Landes Sachsen mit der Geschichte Polens durch den König von Polen und Kurfürsten von Sachsen verbunden ist. Dieser Herrscher hieß „August der Starke“. Er ist in Krakow, im „Pawel“, der Festung dieser Stadt, beigesetzt. Er muss tatsächlich ein Hüne gewesen sein.
Der Sarkophag seiner Frau neben seinem erschien wie ein Kindersarg. Wir konnten uns in der Gruft davon überzeugen.
Diesem Herrscher werden ungeheure Kräfte nachgesagt. Ihm soll es möglich gewesen sein, mit dem Daumen ein eisernes Brückengeländer in Dresden einzudrücken. Der Eindruck soll heute noch zu sehen sein. Ich habe mich davon allerdings noch nicht überzeugt. Seinem amourösen Dasein sollen über dreihundert Kinder entsprungen sein. Selbst die abgetretenen Treppenstufen zum Schloss in Dresden sollen Verschleißerscheinungen durch den sehr häufigen Besuch der Hebamme sein !? Betrachtet man den inzwischen verflossenen Zeitraum, dieser Wüstling lebte im 18. Jahrhundert, so muss man schlussfolgern, dass in einer beachtlichen Anzahl von Sachsen so genanntes blaues Blut fließt.
Angeregt durch diese illustren Episoden, interessierten uns die Bauwerke. Wir konnten sie ausgiebig besichtigen.
Am 2. September erreichten wir die sowjetische Grenze. Tagessiel war die Stadt Wlow, früher als polnische Stadt Lemberg bekannt.
Polen verlor durch den 2. Weltkrieg an die SU einen Teil Ostpolens. Der Hitler-Stalin-Pakt regelte diesen Zustand.
Das angespannte Verhältnis Polens zur SU ist damit begründet.
Als Äquivalent dafür erhielt Polen die deutschen Ostgebiete hinter der Neiße und Oder und Teile Ostpreußens. Für mich ist Wlow, damals noch Lemberg, insofern interessant, als ich im 2. Weltkrieg, wenige Tage nach dem Putsch gegen Hitler, nach einer Bahnfahrt von Rumänien über Ungarn kommend, mit den Resten meiner 24. Panzerdivision in Lemberg entladen wurde. Wir hatten den Auftrag, eine Frontlücke zu schließen. Sie war entstanden durch zu den Russen übergelaufene abtrünnige Deutsche. Nur durch ein Wunder entging ich damals einem Schicksal, dass den Tod oder die Gefangenschaft bedeuten konnte. Förmlich als wir die letzten Panzerspähwagen entladen hatten, fuhren auf dem entgegengesetzten Güterbahnhofsende die sowjetischen Panzer ein. Sie schossen wahrend der Fahrt wild um sich. Und wie durch ein Wunder konnte ich noch das Schutzblech eines Opel Lkw erreichen und bin so diesem möglichen Schicksal entgangen. Im Nachhinein muss man das unkluge Verhalten der Russen bewundern. Hätten sie angehalten und gezielt gefeuert, wir hätten sicherlich wenig Chancen, zu entkommen gehabt.
Gott sei’s gedankt, dass es anders kam!
In die Sowjetunion kann man nur mit Visa einreisen. Die Formalitäten waren jedoch völlig unkompliziert. Wir wurden weder bei der Einreise noch bei der Ausreise kontrolliert.
Ganz anders erging es allerdings vor uns im Grenzübergang Shaginia stehenden Polen. Deren Autos wurden regelrecht auseinander genommen. Wahrscheinlich wussten die russischen Zöllner, dass Polen mit allem Möglichen und Unmöglichem handeln.
Ganz ungefährlich war es auch für uns nicht, denn unser in der SU studierender Sohn hatte reichlich elektronisches Gerät mit. Und die Tonträger hätten sicherlich Anlass zu langwierigen Kontrollen sein können.
Durch das Reisebüro unserer Republik buchten wir die Reise als Individualreise. Damit hatten wir in allen Orten, in denen wir Quartier nahmen, Unterkunft in den Hotels des sowjetischen Reisebüros „Intourist“. Die Hotels dieses Unternehmens verbürgen sich für zu diesem Zeitpunkt vorzüglichen Services. Es gab bei der gesamten Reise keinen Anlass zur Unzufriedenheit.
Als Kosten hatten wir pro Person 900,00 Mark der DDR zu entrichten. Bemerkenswert waren noch die Preise für Benzin in der SU. Wir bezahlten in unserem Lande für einen Liter Treibstoff um 1,50 Mark der DDR. In der SU kostete ein Liter 0,096 Rubel. Das entsprach nach unserer Währung etwa 0,30 Mark für einen Liter Benzin. Unter diesen Umständen wurde die Reise in dieses Land sehr effektiv. Wir konnten uns dadurch jeden Abend eine Flasche sowjetischen Champagner leisten. Zur Verwunderung allerdings der Kellner in den Hotels. Dort ist die Flasche Wodka auf einem Tisch obligatorisch.
Als kleine Begebenheit will ich erwähnen, dass man an den Tankstellen nicht ohne weiteres tanken konnte. In den Hotels, in denen man untergebracht war, musste man sich mit den notwenigen Tallons versehen, um Benzin an den Tankstellen erhalten zu können. Nur mit ihnen konnte man tanken.
Die Tankstellen sind in der Regel sehr großzügig ausgebaut. Wichtig ist, dass man die tatsächliche Kraftstoffmenge beim Tankwart angibt. Die mit Tallon vor dem Füllvorgang bestellte Menge ist dann auch tatsächlich abzunehmen. Reicht der Tank nicht aus, so ist ein Kanister erforderlich. Ist er nicht rechtzeitig vorhanden, bleibt keine andere Möglichkeit, als den wertvollen Stoff dem nächsten Kunden zu belassen oder im Extremfall in´s Freie laufen zu lassen.
Aufsehen erregte unser Tankvorgang noch dadurch, dass wir, da unser Wartburg von einem Zweitakt-Ottomotor angetrieben wird, selbst mitgebrachtes Hyzetöl dem Benzin zufüllen mussten. Dieses Öl verbürgt sich zwar dafür, dass es sich sofort selbst mischt. Wir schüttelten jedoch immer unser Fahrzeug kräftig durch, damit wir sicher gehen konnten, um keinen Kolbenfresser zu erhalten. Die russischen Kraftfahrer haben den Füll- usw. -Vorgang immer mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Als Ausländer hatten wir an Tankstellen grundsätzlich Vorfahrt.
Die Reiseroute führte uns durch die gesamte Ukraine von Wlow nach Kiew. Diese Stadt hat etwa eine Ausdehnung, die dem Territorium von Moskau entspricht. Sie hat allerdings nur 2 Mill Einwohner. Sehr reizvoll liegt sie an den Ufern des Dnjepr. Völlig wiederaufgebaut, scheint sie schöner denn je zu sein.
Sie hat den Charakter einer Gartenstadt. An den Steilhängen zum Dnjepr sind die auffälligsten Sehenswürdigkeiten die golden glänzenden Zwiebeltürme des ehemaligen Klosters. Alle Baudenkmäler sind restauriert. In unterirdischen Katakomben sahen wir Stätten, in denen die Untergrundkämpfer existieren konnten, die den Deutschen Besatzern nicht geringe Schwierigkeiten bereiteten. Riesige Satellitenstädte prägen das östliche Ufer des Dnjepr. Die Bewältigung des Wohnungsproblems ist auch in diesem Lande noch aktuell.
Auffällig in dieser Stadt ist der enorme Autoverkehr in der Innenstadt. Die Verkehrszeichen sind in kyrillischer und lateinischer Schrift ausgelegt, so dass man auch als nicht der russischen Sprache mächtig, alle Ziele erreichen kann. Die Stadt ist so groß, dass wir eine Stunde benötigten, um sie wieder zu verlassen. Wir hatten uns allerdings auch ein wenig verfahren. Für eine Zahnärztin aus unserer Heimat, deren Schwiegereltern in Kiew lebten, erfüllten wir eine Gefälligkeit. Ihnen überbrachten wir ein Paket. Erstaunt waren sie über deutschen Besuch. Sie wohnten in einem riesigen Neubauviertel. Nur mit Hilfe der Ortskenntnisse des Taxifahreres fanden wir uns dorthin. Interessant war für uns, zu erleben, wie die Menschen wohnten. Auffällig an sowjetischen Wohnungen war, dass an den Wohnungstüren mehrere Schlösser ungebetenen Gästen den Einlass verwehrten. In relativ kleinen Zimmern mussten zahlreiche Bürger existieren. Erklären konnte man sich den ungewöhnlichen Fussgängerverkehr in sowjetischen Städten. Die Menschen brauchten den Bummel in den Straßen, um aus der Enge ihrer Wohnungen zu entfliehen. Die besuchte Familie war erfreut, auf diese Weise von ihrem Sohn und der Schwiegertochter zu hören. Familiär ergab sich die Verbindung während des Studiums der DDR-Bürgerin in Kiew.
Vor der Ankunft in Kiew, wir hielten an, da ein Zylinder des Motors nicht mehr richtig arbeitete. Wolfram, mein ältester Sohn, reparierte. Die ubrige“ Mannschaft“ vertrat sich die Beine. Plötzlich hielt ein sowjetischer Pkw vor uns und ein Herr redete auf uns ein. Mein Sohn Hardy konnte dem Anliegen folgen, da er der russischen Sprache mächtig ist. Den Hardy befragt, worum es denn in dem heftigen Disput gegangen sei, erzählte er uns, der Herr habe ihn nach dem Wetter auf der Strecke von Wlow nach Kiew befragt. Für diesen Herrn sei das wichtig gewesen. Er hätte seinen Bruder besuchen wollen. Nur bei trockenem Wetter sei das möglich, da er abseits der Fernstraße wohne. Aus dieser kleinen Episode kann man erkennen, dass die Straßenverhältnisse noch Sorgen bereiten.
Zugleich muss man sich vergegenwärtigen, welcher Materialverschleiß bei dem Vormarsch der Deutschen damals der begrenzende Faktor war und welche Hindernisse zu überwinden waren.
„General Winter“ und „General Schlamm“ waren auf der Seite der Verteidiger ihres Vaterlandes.
Der nächste Etappenort war Charkow. Täglich fuhren wir etwa 500 Kilometer. Diese Entfernung entspricht etwa der völligen Durchquerung unserer Republik.
Für uns sind diese Entfernungen enorm. Die Ukraine ist die Kornkammer der Sowjetunion. Riesige Schwarzerdegebiete, mit einer Mächtigkeit von mehreren Metern, lassen bei intensiver Nutzung beste Erträge aller landwirtschaftlichen Kulturen zu.
Auch hier sind die klimatischen Verhältnisse der begrenzende Faktor. Die Ukraine unterliegt dem so genannten Kontinentalklima.
Heiße Sommer sind die Regel. Die fast torfartige Erde wird zu Staub. Regnet es dagegen, verwandelt sich diese Bodenart in einen Schlamm, der mit Technik kaum befahrbar ist. In anderen Gebieten der SU begrenzt eine zu kurze Vegetationsperiode das Wachstum.
Verwunderlich ist deshalb nicht, dass dieses große Land, mit seinem riesigen Landwirtschaftspotential, in Ihrem Lande jährlich vergleichsweise riesige Mengen Weizen kaufen muss. Wissen muss man, dass für die Bürger dieses Landes das Brot zu jeder Mahlzeit in beachtlicher Menge verfügbar sein muss. In den Volksküchen, „stolowaja „genannt, konnte man deshalb als Leitmotiv lesen, etwa sinngemäß:“ Achte das Brot, denn es ist unser größter Reichtum! „.
Im zweiten Weltkrieg hat sich der Hauptkampf in der Ukraine abgespielt. Die Zerstörungen fast aller Dörfer und Städte hatte ein Ausmaß, dass beinahe unvorstellbar ist.
Es ist den sowjetischen Menschen gelungen, die Verwüstungen zu beseitigen. Entlang der „Trasse“, Fernstraße, konnte man kleine Häuser mit Strohdach nicht mehr feststellen. Alle Orte waren wieder errichtet. Obgleich mir die einförmige Bauweise der kleinen Häuser ein wenig uniformiert erschien.
Die Dörfer der Ukraine zeichneten sich aus durch die beschriebene kleinen Häuschen und die Landwirtschaftsbauten der Kolchosen und Sowchosen. Offensichtlich entspricht die geduckte Bauweise jedoch der Erfahrung, den harten Wintern mit den unerbittlichen Schneestürmen wenig Angriffspunkte zu bieten.
Erkennen konnte man eine relativ gute Ackerkultur. Der Stand der Kulturen, zu diesem Zeitpunkt waren noch Mais und Rüben auf den Feldern, ließ eine gute Ernte erwarten. Der Mais erreichte Zweimannshöhe. Mit meinen 1,87 Metern Körpergröße kam ich mir klein vor, wenn ich am Rande eines Maisfeldes stand.
In diesem Jahr erreichte die SU eine Rekordernte an Getreide.
Erneut finde ich es erstaunlich, dass dieses Land von Ihrem Lande und von Kanada,jährlich riesige Mengen Getreide kaufen muss.
Ein beachtlicher Exportschlager für Ihre Farmer!? Erstaunlich sind diese Beziehungen allerdings bei der Konfrontation durch den „kalten Krieg“ !?
Die Straßenverhältnisse waren, an unseren Straßen gemessen, gut bis sehr gut. In der Nähe der Großstädte fanden wir die Straßen zu vierspurigen Autobahnen mit Asphaltdecke ausgebaut. Die Anlage der Fernstrassen ist so gehalten, dass sie zu beiden Seiten von einem Windschutzstreifen umgeben sind. Diese Anordnung ist sicherlich notwendig, um im Winter die Straßen vor Verwehungen zu schützen und passierbar zu halten. Für den Autotouristen wurde dadurch allerdings die Aussicht begrenzt. Die Breite von 50 Metern gestattet den Ausbau zu Autobahnen. Der Straßenverkehr auch außerhalb der Großstädte war bemerkenswert. Besonders der starke Lkw-Verkehr war auffällig. Das liegt daran, dass riesige Gebiete transportseitig mit Lkw-Transporten abgedeckt werden müssen. Die Eisenbahnnetze sind für das große Land noch unzulänglich.
Jährlich produziert die SU jetzt 1 Mill Personenkraftwagen eines von Italien erworbenen Lizenzbaus, den Fiat „Chiguli“, zusätzlich zu den bisher bekannten Typen. Die Verkehrsdichte war auf den befahrbaren Straßen deshalb entsprechend.
Wir sind morgens bereits um 6 Uhr jeweils abgefahren, um wenigstens zwei Stunden den größten Verkehrsströmen auszuweichen. Für die Hotelgewohnheiten war dieses Verlangen ungewöhnlich. Der von uns geforderte Kaffee, wurde deshalb bereits abends gekocht.
Für die 500 km benötigten wir in der Regel 6 bis 8 Stunden.
Ein Stundenmittel von 60 bis 70 Kilometern wurde damit erreicht.
Als Höchstgeschwindigkeit dürfen 90 km/h gefahren werden.
Für Ihre Begriffe sicherlich eine Beeinträchtigung der Möglichkeiten Ihrer Wagen.
Mit Vorsicht musste man das Fahrverhalten der Lkw-Fahrer beachten. Die sehr klein gehaltenen Blinkleuchten waren Ursache von einigen Beinaheunfällen. Im letzten Moment konnte man das plötzliche Abbiegen nach links eines vorher fahrenden Lkw noch parieren, weil man die winzigen Blinker bei ungünstigem Licht kaum erkennen konnte.
Mit besonderem Interesse verfolgten wir die an den Bushaltstellen befindlichen Wartehäuschen. Sie waren von der Innenarchitektur her geradezu fantastisch gestaltet. Offensichtlich hatte man wettbewerbsartig jedem Kreis, Gebiet, oder Landesteil den Auftrag, der Ausgestaltung gegeben. Bei der Betrachtung musste man unwillkürlich an die kirchlichen Kultmale, die Ikonen, denken.
Es ist natürlich anzunehmen, dass die herrschende Klasse kirchliche Motive nicht im Schilde führte.
Von meiner Betrachtungsweise aus gesehen, sind diese kleinen Baudenkmale Kulturdenkmale. Wenn das vielleicht auch ein wenig überhöht beurteilt ist.
In der Nähe jedes Wartehäuschens befand sich auch eine Autorampe. Ein Service sicherlich für die vom flachen Lande auf die Fernstraße stoßenden Autofahrer. Sie hatten die Möglichkeit, ihr Gefährt vom Schmutz zu befreien und wenn erforderlich zu reparieren.
Besonders auffällig waren die sehr gepflegt, kurz gehaltenen Straßenränder. Dort wo die Kühe der Babuschkas, auf deutsch, der Omas, diese Pflege nicht durchführten, sah man junge Leute, die sich mühten, den guten Eindruck aufrecht zu erhalten. Es waren die Komsomolzen, die in so genannten Subbotniks, freiwilligen Sonnabendeinsätzen, den Touristen einen guten Eindruck präsentieren mussten.
Als Autotourist in der SU erhält man die Route vorgegeben.
Abweichen davon ist nicht ratsam. Wir hatten den Eindruck, dass die „GAI“=gaswodarftwoneu-aftomobil-inspektion = Verkehrspolizei, allgegenwärtig sei. Die Schreibweise ist eine eigene Version. Der Schreiber hat keine Ahnung von Russisch.
An jeder Kreuzung und Abzweigung befand sich ein Verkehrsturm und es wachte das strenge Auge der „GAI“, dass es zu keinerlei Abweichungen kam.
Am dritten Tage erreichten wir die Stadt Charkow. Sie ist im Kriege ebenfalls hart umkämpft worden und war dem Erdboden fast gleichgemacht. Die Stadt wurde wiedererrichtet. Auffällig ist auf dem riesigen zentralen Platz ein Gebäudeensemble, das amerikanische Bauweise vermuten lässt. Man glaubt“ Manhatten “ zu sehen.
Mein Sohn Hardy hat zum Beginn seines Studiums in der Sowjetunion in dieser Stadt einen Intensivlehrgang in Russisch absolvieren müssen. Er erinnert sich dieser Stadt ungern, da die Studentenunterkünfte nicht sonderlich gut waren.
Dagegen hat er in seinem Studienort, Donezk, recht gute Studenten – Wohnmöglichkeiten gefunden. Ein Zweibettzimmer mit Balkon beherbergt ihn gemeinsam mit einem russischen Kommilitonen.
Nach seinen Aussagen befindet er sich dort sehr wohl.
Wir näherten uns nun dem Studienort von Hardy. Zu gern hätten wir ihn dort persönlich abgeliefert, obwohl uns als Reiseroute eine Fahrt nach Donezk nicht vorgegeben war.
In unserem Hotel in Charkow unterhielten wir uns mit einem Hotelverantwortlichen über die Fahrtmöglichkeiten nach Donezk. Nach seinen Aussagen gab es überhaupt keine Probleme, nach Donezk einen Abstecher zu machen. “ Wer soll Sie daran hindern ? “ war seine für uns optimistische Auslassung. Frohen Mutes begannen wir die Fahrt am nächsten Morgen mit dem Vorsatz, unseres „Kleinen“ „Klamotten“ in Donezk an’s Ziel zu bringen und mit ihm dann die Ferienreise fortzusetzen.
Zwischen Charkow und dem nunmehrigen Etappenziel Rostow am Don verlor das Profil der Route seinen fast ebenen Charakter. Langezogene, quergelagerte Bergrücken versperrten den Blick in’s Land. Weite Talab- und Bergauffahrten wurden nun typisch für diesen Streckenabschnitt. Der letzte Teil führte durch steppenartiges Gelände, welches sich offensichtlich nicht für landwirtschaftliche Produktion eignete. Ausspülungen, die das Gelände zerklüfteten, wirkten irgendwie befremdend, nach dem bisher Gesehenen. Riesige Halden und Abraumberge kündeten die Nähe eines Industriegebietes, des Denezkbeckens, an. Es ist für die SU in etwa mit dem Ruhrgebiet in der Bundesrepublik zu vergleichen. Ein besonderes Merkmal dieses Gebietes muss eine anormale Konzentration von Eisenerz sein. Selbst die Nadel des Kompasses soll hier durch enormen Magnetismus beeinflusst werden.
Unser Sohn kannte sich durch Exkursionen in dem Gebiet aus und zeigte uns die Abfahrt nach Donezk. Es schien auch unproblematisch zu sein, die Fernstraße zu verlassen. Ein „Gai“-Kontrollpunkt war nicht zu sehen. Frohgemut, an nichts böses denkend, lenkten wir unseren „Tourist“ in Richtung Donezk. Nach etwa 3 km Fahrt überholte uns ein Milizionär auf einem Motorrad. Plötzlich zückte er eine Kelle und stoppte uns. Nachdem er sein Motorrad aufgebockt hatte, kam er ziemlich unwirsch zu uns ans Auto und verlangte von uns die Papiere. „Dokument !“ war seine im Befehlston gehaltene Anweisung. Hardy musste dolmetschen. Am heftigen Disput war unschwer zu erkennen, dass wir eine Gesetzesverletzung begangen haben mussten. Schließlich erhielten wir die Anweisung, umzukehren. Eskortiert vom Motorrad-Gai wurden wir auf die „Trasse“ zurückbefördert. Hardy erzählte uns, dass wir diese Straße nach Donezk nicht benutzen dürften. Bei der nächsten Abzweigung nach Donezk sollten wir uns beim Vorgesetzten des Motorad-GAI melden, er würde uns dann den Weg nach Donezk ebnen. Bei der nächsten Abzweigung nach Donezk, nachdem wir wieder zahlreiche Kilometer hinter uns gebracht hatten, schwenkten wir wieder in Richtung Donezk ab. Hielten allerdings sogleich an. Hardy begab sich zu dem Vorgesetzten. Er kam erst nach geraumer Zeit zu uns zurück und eröffnete uns, dass unsere Träume, ihn in seinen Studienort begleiten zu können, Alpträume waren. Es blieb uns nichts anderes übrig, unseren Kleinen an diesem Abzweig beim „Gai“ zurück zu lassen. Er durfte, da er sich als Student ausweisen konnte, mit dem Bus weiterreisen. Der „Gai“ hatte sich allerdings in Donezk kundig gemacht, damit es sich nicht etwa um einen „Spioneur“ oder „Sapogent“ handelt.
Hardy erreichte uns dann nach Tagen der Trennung mit dem Flugzeug von Donezk nach Adler, dem Flugplatz von Sotchi, wieder. Wir wollten doch gemeinsam erholsame Tage am Schwarzen Meer verbringen.
Zu dritt kamen wir nach der Enttäuschung mit unserm Kleinen in Rostow am Don an.
Der Don mündet ins Assowsche Meer, einem Nebenmeer des Schwarzen Meeres. Auch Rostow am Don wurde durch die Kriegsereignisse dem Erdboden gleichgemacht. Hier wurde von den Deutschen versucht, zur Wolga nach Stalingrad und nach dem Kaukasus und den Ölquellen hinter dem Kaukasus, Baku, durchzustoßen.
Eine Wahnsinnsidee des Hitlergeneralstabes, gegen eine ganze Welt gleichzeitig kämpfen zu wollen und in so riesige Weiten vorzustoßen. Selbst die damalige, zeitweilige Materialüberlegenheit der Deutschen hat nicht zur Entscheidung geführt, weil man mit dem Sieges- und Verteidigungswillen der Russen nicht gerechnet hatte.
Wenn man überfallen wird, wachsen einem offensichtlich Flügel, mit denen man so bewaffneten, wie die Deutschen in Russland oder wie die Amerikaner in Vietnam, den Feind aus dem Lande vertreiben kann. Wenn man sich vorstellt, mit welch primitiven Mitteln das teilweise geschah, dann kann man nur den Hut ziehen, vor diesem Heldenmut.
Nach der Ankunft in einem Etappenort und einem kleinen, erholsamen Schläfchen, sahen wir uns jeweils die Etappenstädte mit einem Spaziergang oder auch einmal mit einer Taxistadtrundfahrt an. In Rostow wollten wir uns den bekannten Flusshafen ansehen. Nach dem richtigen Weg gefragt, wurden wir in einen Stadtteil gewiesen, der an Slums, schlimmster Kategorie erinnerte. Die Straßen schienen aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen. Die Abwässer flossen stinkend am Straßenrand entlang. Erstaunlich war allerdings, neben windschiefen kleinen Häuschen, sah man aus einem Bretterverschlag vielfach die Reifen eines Pkw hervorschauen. So einen Kontrast von Stadtkern, geprägt von relativ neuen, wenn auch Plattenbauten und kurz dahinter diese Verkommenheit, hatten wir bewusst noch nicht zur Kenntnis genommen. Ursache der Fehlleitung war die falsche Fragestellung. Wir hätten nicht nach Hafen sondern nach Flussbahnhof fragen müssen.
Die kürzeste Strecke von einem Tagessiel zu einem anderen, legten wir zwischen Rostow am Don und Krasnodar zurück. Berühmt ist dieses fruchtbare, das so genannte Kubangebiet. Hier wachsen alle Fruchtarten und Wein in derartiger Üppigkeit, dass man diesen Landstrich sicherlich vergleichen könnte mit Kalifornien Ihres Landes. Ausserdem durcheilten wir beachtliche Ölfelder mit den dafür typischen Fördereinrichtungen.
In diesem Gebiet hat man um den Eintritt in den Kaukasus gekämpft. Die Opfer auf beiden Seiten sind beträchtlich gewesen. Auf dem höchsten Gipfel des Kaukasus, dem Elbrus, konnten die Deutschen zwar einige Tage die Hakenkreuzfahne hissen. Aber sehr bald musste man durch die katastrophale Niederlage in Stalingrad dieses Gebiet wieder fluchtartig verlassen. Die Welteroberungsträume der Nazis über Nordafrika und den Kaukasus in die Ölregionen des Nahen Ostens vorzustoßen, schmolzen damit dahin. Partisanen störten empfindlich die viel zu langen Nachschubwege.
Ich konnte mich davon überzeugen, dass der deutsche Generalstab zu heiß gebadet gewesen sein musste, sich in so ein riesiges Abenteuer zu stürzen.
Wie gefährlich ist es demzufolge, wenn man die Wahnsinnigen der Generalstäbe gewähren lässt. Wie schnell haben diese Typen in irrsinniger Selbstüberschätzung den Finger am Abzug. Wie schnell kann demzufolge das Ende auch der ganzen Menschheit gekommen sein !?
Der letzte Abschnitt unserer Reise führte zunächst nach Noworossisk, einer Stadt an der engsten Stelle zur Halbinsel Krim.
Dort holten sich die Deutschen blutige Köpfe, als sie diese Meerenge überwinden wollten. Sie hatten nicht mit dem verzweifelten Mut der Verteidiger gerechnet.
Von den Höhen um diese Stadt konnten wir den ersten Blick auf das Schwarze Meer werfen. Regen Schiffsverkehr im Hafen und soweit das Auge blicken konnte, sah man.
Vor dem Kraftfahrer lag nun der schwierigste Wegeabschnitt. Am Meer entlang, am Schwarzen Meer, bestand die Wegstrecke nur aus einer Links- und einer Rechtskurve. Die zerklüftete Küste führte die Straße immer wieder zum Meer. Äußerste Anspannung war erforderlich, um alle Fährnisse dieser Meeresstraße zu umschiffen. Oft wurde man in Haarnadelkurven vor plötzliche Situationen gestellt, die schnelles Reagieren forderten. An einigen Stellen galt es Geröllabstürze zu umfahren.
Je weiter man nach Süden kam, um so mehr wurde die subtropische Flora sichtbar. Zypressen und Palmen säumten den Weg. Auf der einen Seite das Meer. Richtete man den Blick zur anderen Seite, so schaute man in’s Antlitz des Kaukasus mit seinen 5000 Meter hohen Gipfeln, die ewiges Eis tragen.
Der Kurort Sotchi erstreckt sich etwa 150 km entlang des Schwarzen Meeres. Im Laufe der Jahrzehnte hat man ihn zu einem reizvollen Ferienort entwickelt und ausgebaut. Sanatorien und Ferienheime wechseln sich ab mit neugebauten Hotels. Als Kontrast dazu befanden sich in unmittelbarer Nähe die Wohnstätten der Kaukasier. Man sah, dass es in diesem riesigen Land noch viel zu tun gibt, um allen Bürgern gleiche Lebensumstände zu ermöglichen. Nicht nur die Bürger der Sowjetunion sind in der Ferienregion zu finden, sondern am Strand fand man Menschen aus aller Herren Länder. Jedes Hotel hatte für seine Gäste abgetrennte Strandabschnitte. In unmittelbarer Nähe unserer Liegestätte am Strand hatte sich der weltbekannte Sänger Karl Gott auf einem Liegebrett niedergelassen. Liegebrett deshalb, weil man an dem Strand in Sotchi nur darauf sich sonnen kann. Die Strände bestehen aus unterschiedlich grossen Steinen. Sandstrände sind in dieser Region selten.
Mit unserer Unterkunft in einem Hotel, das keinen Mittagstisch bieten konnte, hatten wir insofern Probleme, als unser Zimmer in unmittelbarer Nähe einer stark frequentierten Ampelkreuzung lag.
Die Ampeltechnik bestand noch aus vorsintflutlichen Relaisschaltungen. Die gesamte Nacht hindurch musste man neben den Anhalte- und Anfahrgeräuschen der Fahrzeuge, die „klack, klack – Geräusche“ der Schaltrelais miterleben. Dieses „Erlebnis“ hat sich besonders eingeprägt. Sotchi war meiner Frau und mir nicht unbekannt. Mit einer Gärtner-Reise zu einem früheren Zeitpunkt, hatten wir Sotchi schon einmal, auch hotelseitig, von einer besseren Seite erlebt.
Durch die subtropische Flora bietet das Gebiet vor allem Gärtnern mit der uns fremden Botanik Wissenswertes. In den Dendrarien und botanischen Gärten kann man wissenschaftliche Anbauversuche betrachten. Es gibt einen Baum, auf den alle möglichen hohen Herrschaften Pfropfversuche durchführen durften. Er ist deshalb zu einem Vorführobjekt und zu einer Kuriosität geworden. In einem Kolchos „Südliche Kulturen“ konnte man zahlreiche tropische und subtropische Pflanzen und Bäume sehen, die hier auf der Breitengradhöhe etwa von Rom vorzüglich gedeihen. In Dagomys, einem Seitental im Kaukasus, fanden wir große Teeplantagen vor. Mit den Teepflückerinnen, mit ihren Tagespflücknormen und Sorgen, gab es interessante Gespräche.
Den Basar besuchten wir zu einem frühen Zeitpunkt, wo die bereits orientalischen Gepflogenheiten zu bewundern waren.
Welcher Aufwand, betasten, bedrücken, behören, beim Kauf einer Melone betrieben wurde, war für uns Wert, einmal diese Riten mit zu erleben. Inzwischen lernte man auch das orientalische Handeln, beim Versuch einen irgendwie gearteten Gegenstand zu erwerben.
Bei Fahrten in die nähere und weitere Umgebung Sotchis lernten wir das Kap Pizzunda mit seinem Reliquien-Kiefern-Hain kennen.
Reliquien-Kiefern deshalb, weil in diesem Gebiet diese Baumart in der Regel nicht vorkommt und demzufolge eine botanische Besonderheit darstellt. Auf der Fahrt dorthin fielen wieder die Buswartehäuschen ins Auge. Hier waren sie in der Form von Seeungeheuern und Meerjungfrauen gestaltet. An Einfallsreichtum fehlte es nicht.
Um Exkursionen in die Umgegend vornehmen zu können, hatten wir für Sotchi eine Dolmetscherin gechartert. Sie sollte uns die Besonderheiten nahe bringen. Erlebnisreich war deshalb eine Fahrt an den Hochgebirgssee, den Rizzasee. Umgeben von den schneebedeckten Bergriesen des Kaukasus ist er ein touristisches Kleinod. Wir erreichten ihn nach einer stundenlangen Gebirgsfahrt auf Straßen die durch Felsengen führte, wo man meinte, man käme gar nicht hindurch. Mit Motorbootfahrt erlebte man den relativ großen See in einer Art, die einem beim bloßen Hinschauen eigentlich verwehrt war. Durch die Bergeinsäumung erschien der See dem Betrachter als verhältnismäßig klein.
Erinnern kann ich mich noch an eine Fahrt mit einem „Raketa“ Tragflächenboot nach Suchumi, die ich leider ohne meine liebe Gattin vornehmen musste. Sie hatte sich eine empfindliche Magenverstimmung zugezogen, die erst kuriert werden musste.
Suchumi liegt etwa 150 km weiter südlich. Die türkische Grenze ist schon nahe. Mich interessierte die „Seefahrt“ deshalb, weil ich gern einmal Delphine erleben wollte. Leider hielten sie sich in gemessenem Abstand. Wahrscheinlich war ihnen der Motorenlärm der Raketa und die Geschwindigkeit nicht geheuer. Im Suchumier botanischen Garten wuchsen unter den Palmen kleine Palmenpflanzen, förmlich als Unkraut. Ich wagte einen Griff in diese exotischen Pflanzen und versuchte einige Setzlinge zu Hause zu kultivieren. Zwei von ihnen sind inzwischen zu stattlichen Pflanzen herangewachsen und schmücken im Winter ein Treppenpodest und den Flur unserer Wohnung. In den Sommermonaten zieren sie den Garten.
Es lässt sich der Urlaub gut in diesem Landstrich verbringen. Er ist für uns Ostmenschen wie für die Westeuropäer die Adria.
Wir hatten einen wohlgesinnten Wettergott, denn bis auf einen Tag bescherte er uns Sonnenschein im Oktober und Wassertemperaturen, die zum Baden einluden.
Der Strand selbst ist eine Besonderheit. Er besteht, wie man es von einem exklusiven Badestrand eigentlich erwarten müsste, nicht aus weißem Sand, sondern aus kleinen und mittleren Steinen. Begehen kann man den Strand nur mit Badeschuhen und liegen kann man nur auf eigens dazu vorhandenen Liegebrettern.
Sonnengebräunt mussten wir viel zu schnell wieder den reizvollen Badeort verlassen.
Hardy stieß zu uns für einige Tage, wie schon erwähnt, mit dem Flugzeug von Donezk nach Adler, dem Flugplatz von Sotchi.
Beide Söhne konnten auch einige Erfahrungen sammeln im Nachtleben von Sotchi. Sie erinnern sich gern an Bekanntschaften mit ausländischen Sportlern, die allerdings zahlungskräftiger waren als sie. Ihre Rubel waren weniger begehrt, als die harte Währung der Sportler. Bei unserem Zusammensein am Tage merkte man den jungen Herren dann allerdings die Strapazen der Nacht an.
Beide Söhne waren zu diesem Zeitpunkt noch ledig. Man konnte deshalb von einem ergötzlichen Familienurlaubserlebnis sprechen.
Ausländer, auch aus den sozialistischen Ländern, erfahren außerhalb der Saison eine Zuvorkommenheit, die den Aufenthalt zu einem Erlebnis werden liess.
Die Rückreise erfolgte in den bereits beschriebenen Etappenabschnitten bis auf ein Ereignis, problemlos. Auf der Fahrt zwischen Krasnodar und Rostow am Don wurde uns durch Steinschlag eines Lastkraftwagens auf einer frisch beschotterten Asphaltstrecke die Frontscheibe zerstört. Bei etwa 80 km/h erschrickt man bei so einem Ereignis doch gewaltig. Indem ich sofort mit der Faust, die in Tausend kleine Teile mit einem pistolenschußartigen Knall zerplatzende Scheibe durchstieß, konnte ich einigermaßen schnell wieder sehen und das Gefährt zum Stehen bringen. Zunächst mussten die unzähligen Glastrümmer aus dem Auto gefegt werden. Vollständig gelang das aber gar nicht, denn zu Hause wieder angekommen, werden immer wieder welche entdeckt. Wir hatten uns auf so ein Ereignis vorbereitet, indem wir eine Plastfrontscheibe mitnahmen. Das Wetter war aber so schön und die Temperaturen so angenehm, dass wir uns entschlossen, bis zur nächsten Reparaturstation ohne Scheibe zu fahren. Nachdem sich der Fond des Tourist mit einem gewissen Luftpolster gefüllt hatte, konnte man mit Brille die Fahrt ohne Frontscheibe ertragen. Allerdings erlebten wir, dass in kurzer Zeit das gesamte Auto mit Insekten gefüllt war. Insekten einer Größe, die wir noch gar nicht gesehen hatten.
Wir befanden uns noch ungefähr 100 km von Rostow am Don entfernt. In einer Reparaturstation, die wir nach einiger Zeit fanden, eröffnet man uns, dass nicht geholfen werden könne, wir sollten nach Rostow fahren. So geschah es dann auch. Ohne Frontscheibe fuhren wir vor unserem Hotel vor. Vom Hotel wurde uns eine Dolmetscherin zur Verfügung gestellt, mit der wir dann in einem Reparaturbetrieb fuhren. Es dauerte auch gar nicht lange und zwei Schlosser erschienen mit einer Plexiglasscheibe, passten sie an, mit Wärme wurde sie konkav zurechtgebogen, und nach etwa 2 Stunden verließen wir mit Plexiglasfrontscheibe das Werk.
Der Montagepreis war erträglich. Man konnte mit dieser Variante am Tage ganz gut fahren. Nachts waren dagegen die Blendverhältnisse fast unerträglich. Entgegenkommendes Licht empfand man als Balken, die einen fast erschlugen.
Bei der Bezahlung der Montageleistung im Reparaturwerk fragte ich den Meister, die Dolmetscherin übersetzte, ob ich den beiden Schlossern ein Trinkgeld geben könne? Die Reaktion des Meisters war geradezu niederschmetternd. Er eröffnete mir, wieso die beiden, die das Glück gehabt hätten, diese Scheibe einzubauen, zusätzlich Geld erhalten sollten. Wenn ich ihnen etwas positives antun wolle, so sollte ich meine Zufriedenheit im Brigadebuch ausdrücken.Mir blieb nichts anderes übrig, als in einer einseitigen Einlassung die Fähigkeiten und Fertigkeiten und das vorzügliche Service zu beschreiben und den Dank dafür auszudrücken. Die Dolmetscherin übersetzte. Der Meister hat sich dafür geradezu ergreifend bedankt.
Die Mentalität dieser Menschen und das „Sozialistisch – Leben und Arbeiten“ kam mit dieser kleinen Begebenheit zum Ausdruck.
Während der Zeit der Montage der Frontscheibe hatten wir Gelegenheit, uns ausgiebig mit der Dolmetscherin zu unterhalten.
In dem kleinen Raum unseres Wartburg-Tourist fand sie sich offensichtlich unbeobachtet und erzählte uns aus ihrem Leben, ihrer Familie, von dem, was sie verdiene. Zum Ausdruck kam, dass man der so genannten Intelligenz unglaublich niedere Löhne bezahlt.
Sie erhielt als Dolmetscherin mit Hochschulabschluss nicht einmal 100 Rubel im Monat. Das entspricht nach unserem Geld etwa einem Monatslohn von 300 Mark. Ärzten, Lehrern und Hochschulprofessoren ergeht es ebenso. Nur im Unterton wird dieses Los beklagt. Ob diese Gleichmacherei zu besonderem Engagement anregt, ist zu bezweifeln.
Erinnerlich ist mir noch, dass wir in den Hotels, die wir über das beschriebene Reisebüro gebucht hatten, abends jeweils zum Abendessen reservierte Tische bekamen. Von der obligatorischen Flasche Wodka auf dem Tisch und unserer Sektambition hatte ich schon erzählt. Fast drei Wochen in einem fremden Land, ist man konfrontiert mit den angebotenen Speisen in den Gaststätten und Hotels. Einen gewichtigen Teil der sowjetischen Speisegewohnheiten, unterschiedlich in den einzelnen Regionen, lernten wir kennen. Immer wieder versuchten wir, besonders auf der Rückfahrt, einmal ein Abendessen zu gestalten, wie wir es von zu Hause gewohnt waren, mit Brot Butter und Wurst. Wenn wir glaubten auf der Speisekarte etwas ähnliches entdeckt zu haben, kam am Ende ein Gericht an, dass zwar wohlschmeckend und genießbar war, aber eben nicht unserem Wunsch entsprach. Erst zu guter Letzt, entdeckten wir, unser Dolmetscher fehlte uns auf der Rückreise, dass eine kalte Platte einfach – Butterbrot – natürlich mit russischem Akzent gesprochen, heißt. Bestellte man „Butterbrot“ kam das ersehnte an. Sogar das Brot war etwas dunkler. Je südlich man kam, um so weißer wurden die Brotsorten. Meinem Gaumen speziell entspricht das allerdings nicht. Jedenfalls nicht hintereinander in einem so relativ langem Zeitraum.
Gleichzeitig konnten wir während unserer Aufenthalte in Hotelgaststätten miterleben, wie russische Menschen irgendwelche Feiern begingen. Sehr auffällig war, dass am Ende einer solchen „Fete“, jedes Mal ungewöhnlich viele Speisen, weniger Getränke, auf den Tischen stehen blieben. Der russischen Mentalität entspricht es, den Eindruck zu erwecken, dass es in dieser Hinsicht gar nicht darauf ankomme. Es soll ein gewisses Wohlstands-Outfit präsentiert werden. Wenn man sich die Verdienstmöglichkeiten vergegenwärtigt, ist dieses Verhalten bewundernswert.
Zu guter Letzt fällt mir noch ein Erlebnis ein, welches wir allerdings bei der bereits erwähnten „Gärtner Reise ” in Suchumi hatten. Nach einem mit interessanten Erlebnissen ausgefüllten Tag und der Tatsache, dass es im Hotel auf Grund von lang anhaltender Trockenheit, das Meer war nur 50 m entfernt, nicht ausreichend Speisewasser, mit den auch Unannehmlichkeiten auf dem sanitär-hygienischen Sektor gab, entschlossen wir uns zu einem Hotelgaststättenbesuch. Das Abendessen war gut und reichlich gewesen. Aber man wollte einmal die gepriesenen Weine probieren. Zu Viert probierten wir nicht die billigsten Sorten aus. Wir hatten den Eindruck, dass die Essigfabrik nicht weit von der Weinkellerei entfernt gewesen sein könne. Bei unseren Weinverkostungen erschien plötzlich die Serviererin und präsentierte auf einem Tablett eine Serviette. Erstaunt nahmen wir sie entgegen. Auf ihr stand in einwandfreiem Deutsch :“
Blonde Haare, blaue Augen, roter Mund, küssen ist gesund!“
Wir konnten unsere Überraschung nicht verbergen. Bemerkt hatten wir, dass an einem entfernten Tisch eine Gruppe bärtiger Männer zechte.
Um zu ergründen, wer der Verursacher der Überraschung sei, nahm ich eine Serviette und antwortete :
„Das Trinken lernt der Mensch zuerst, viel später erst das Essen, d’rum soll der Mensch in Dankbarkeit das Trinken nie vergessen!“
Die Serviererin baten wir, den Schriebs dorthin zu bringen, wo der von ihr zu uns gebrachte her gekommen sei. Er landete an dem Tisch, wo die bärtigen Männer saßen. Es dauerte nun gar nicht lange und wir wurden an diesen Tisch komplimentiert. Ein Herr war dabei, ein Ingenieur der Fleischwirtschaft, der sich im Selbststudium Deutsch und Englisch angeeignet hatte. Er sprach ein einwandfreies Deutsch. Von ihm erfuhren wir, dass an seinem Tisch eine von ihm erlangte Prämie mit seinen Kollegen verzecht würde. Der Landessitte entsprechend war ein Tischältester zu wählen. Dieser Respekt einflößende Herr hatte den Vorsitz. Zur Begrüßung war eine kleine Ansprache zu halten. Man gestatte uns sodann, von den reichlich auf dem Tisch Verbliebenen, vor allem gebratene Hähnchen waren es, zu essen und von den hier wesentlich besser schmeckenden Weinen zu trinken. Interessant war für uns, wie der Ing. seine Prämien erlangte. Aus Fachliteratur erarbeitete er sich Verbesserungsvorschläge. Sie wurden dosiert realisiert. Die daraus sich ergebende Prämie, konnte dann gemeinsam in der hier sichtbaren Form umgesetzt werden. Er bat uns, ihn mit einschlägiger Literatur in Deutsch oder Englisch zu versorgen, damit dieser Ritus beibehalten werden könne. Wir hatten unsere liebe Not, aus dieser illustren Gesellschaft ganzbeinig unsere Hotelbetten zu erreichen.
Von Wlow, Lemberg , aus erreichten wir unser Zuhause, es mussten immerhin 960 km zurückgelegt werden, an einem Tage ohne weitere Probleme. Während des erschöpften Schlafes sah ich allerdings neben den Balken durch die Plexiglasscheibe auch noch die Bäume am Rande der Straße auf mich zukommen. Aufgefallen ist mir allerdings auch, dass nun wieder die Straßenränder von hohem Unkraut gesäumt waren.
Einen Abstecher unternahmen wir noch zu den Bekannten meiner Gattin in der Nähe von Kenderchin, früher Hindenburg, in Schlesien. Wir bewunderten deren noch im Bau befindliches neues Haus. Erstaunlich fand ich, wo die Leute das Geld und das Material her hatten. Der Herr des Hauses ist von Beruf Fleischer.
Vielleicht ist das eine Erklärung.
Wir hatten mit unserer Autoreise ein Erlebnis, wovon wir noch jahrelang zehren werden.
Wir entschlossen uns, sofern wir gesund bleiben eine ähnliche Reise in den nächsten Jahren noch einmal zu unternehmen.
Durch die russischen Sprachkenntnisse unseres Sohnes Hardy war uns die Verständigung auf der Hinreise leicht gemacht. Aber auch auf der Rückreise hatten wir, bis auf „Butterbrot“ keine sonderlichen Schwierigkeiten.
Hoffentlich habe ich Sie mit meinen Schilderungen nicht gelangweilt.
Es dauerte sehr lange, ehe ich dazu kam, Ihnen zu schreiben. Aber es drängte mich, mein gegebenes Versprechen, zu schreiben, einzulösen.
Hoffend, dass mein Brief Sie wohlauf erreichen möge, bin ich mit vorzüglicher Hochachtung Ihr „ HB “

Ergebnis einer Suche nach einem geeigneten Behältnis für das nun doch relativ umfangreiche Manuskript meiner Erinnerungen auf dem “Wege zu einem Blumenstrauß für mein Herzchen“,fiel mir wie gerufen der Antwortbrief Herrn Cyril Cushings in die Hände.
Die Wiedergabe erfolgt, wie ich sie auf dem Schreiben vorfand:

Er schrieb in Deutsch
Zwei Schreibmaschinenseiten füllte er wie folgt: “
506 Michigan Ave,
Ronkomkoma,NY II779
17.April,1977
Lieber Böttcher und Familie :-
Es war mit großem
Erstaunen und großer Freude dass ich Euren interessanten Brief erhalten habe. Ich bekomme Briefe in
fünf verschiedenen Sprachen aber nur sehr selten so
eine Reisebeschreibung als Ihre. Ich danke Ihnen
herzlich. Noch dazu möchte ich Ihnen recht herzlich
danken, für Ihre Anteilnahmswünsche betreffs des Todes
meiner lieben Frau, Lina, die hier in USA am 25en
September gestorben ist.
Ihren Brief habe ich
sehr genau und eingehend gelesen und gestiert, sodass
er für mich beinah zum Lehrbuch wird. Wenn ich Ihnen
so Etwas betreffs des Lebens hier in Amerika im
Schreiben nur entgegen kommen könnte. Leider muss ich
mit aller Bescheidenheit, meine begrenzte Fähigkeit in
der deutschen Sprache bekennen, aber nach besten Kräften
versuche ich mein Besten.
Hier wird das Wetter
warm und nach dem kaltem, schrecklichen Winter, der uns
so viel Geld und Elend gekostet hat, steht der erwünschte
Frühling vor der Tür. Natürlich freut man sich. Während
des Winters war sehr tätig in der Schule und das Fahren im
Schnee und Eis war kein Spaß und ich war froh als die
Osterferien gekommen sind.
Während der Ferien
habe ich mit Gerhard und Anderen eine große Campingsreise
gemacht. Wir sind im Staat Virginien gewesen und da
haben wir Williamsburg besucht ; da hat man ein Dorf, nach
der alten Mode, als Amerika eine Kolonie Englands war,
wieder aufbauen lassen, benutzed viele von den, von dem
alten Zeiten übergeblieben Gebäuden. Rockerfeller hat
auch mitgeholfen. Die Leute die da arbeiten in den
Werkstätten, usw. tragen die alten Kleider von damals und
erklären gern wie Alles damals einst war. Es war
interessant. Wir haben Jamestown, wo die ersten Engländer
in 1607  die erste englische Siedlung in der neuen Welt     gepflanzt haben. Yorktown, wo die Engländer, am
Ende, von den Franzosen und Amerikanern, im Freiheits-
krieg besiegt worden sind. Viele Ausländer haben im
Streit Teil genommen. Der deutsche General von Steube
von Preussen hat die Amerikanischen Rekruten ausgebildet
und zur selber Zeit haben die Hessen den Engländern
geholfen.  Polen, Schweden und Tausende von Irländern
usw. haben zum Sieg beigetragen. Ich glaube aber dass
Sie das alles schon  in der Schule gestiert haben.
Obwohl ich das alles auch gelesen hatte, half das Sehen
die Wirklichkeit  der Erlebnisse  dieser Geschichte besser
zu begreifen.   Im Campinplatz ( der sehr gut aus –
gerüstet ist,) habe ich Paar von Kanada, die
von Süden mit einem großen Campingwagen, nach Norden
zogen, kennen gelernt.  Ich bin Kanadier von Geburt und also
G. und ich ihnen zu Gästen wurden, wurde viel
von der alten Heimat gesprochen, überhaupt weil
die Frau die Tante von einem Mann war, mit dem ich
vor vielen Jahren gestiert hatte. Die Welt ist klein.
Wir hatten  2 Autos, 3 Zelte, und den Campingwagen.
Weil wir Pech  mit dem Motor des Wagens hatten, so sind
wir später auseinander gegangen und G. und ich mit
3 von den Kindern sind die ganze Nacht von 8 Uhr bis
7 morgens gefahren. Die Kinder haben aber gut schlafen
können.   Das war ja ein Abendteuer, aber gesehen und
gelernt haben wir. Vieles In Virginien  ist es natürlich
warmer gewesen als bei uns auf unser Insel. Wir
wohn zu abgelegen gerade im Zentrum von der Insel, Long
Island,  50  Meilen  entfernt von der Stadt New York.
G ‚ s Haus ist ungefähr 10 Meilen von meinem Haus weg.
Ein andere Sohn, Bernhart ,wohnt 7 Meilen weg, und
meine Tochter, Eileenkund  Familie, wohnen in Madison,
New Jersey.  Da habe ich Ostersonntag verbracht. Es
war ein schöner Tag — bin früh dorthin zum Gottesdienst
gefahren, ungefähr 120 Meilen und später auf der
Rückreise  habe ich 2 Tage  in der Stadt bei Freunden
Verbracht.  Ich war froh von der großen, treibenden
Stadt wieder heim zu sein, obwohl selbstverständlich
manchmal fühlt man schwer zumute ganz allein im Hause ;
von den Erinnerungen kommt man nicht leicht weg
Ich muss aber sagen  dass  die Jungens und die Tochter
mir großen Unterstutz leisten, wofür ich Gott
danke ; es könnte noch  schlimmer sein.  Mit der
Schule,  Hauhaltangelegenheiten, und Schreiben
bin ich nie fertig.  Jetzt versuche ich die
Korrespondenz  abzufertigen, weil draußen
Arbeit kommt in Anspruch vor.
Ich glaube dass Sie, mit der politischen
Lage hier  in Amerika vertraut sind. Im Allgemein sind
die Leute mit dem Präsident Carter zufrieden
und man glaubt dass er seinen Bestens versucht
und dass er ein ehrlicher Mann ist. Mit der
Wirtschaft könnte die Lage  viel besser sein
und die Arbeitslosigkeit  hilft gar nicht aber
trotzdem  scheint man  gut zu leben obwohl
jeder schimpft.  Es sieht aus dass in jedem
Land findet man Vorteile und Nachteile–wenn wir
das   nur  Alles  vergleichen könnten  und
die Nachteile  über  Bord  werfen!
Jetzt  werde ich aufhören ; ich danke
Ihnen nochmals  Ihren feinen, interessanten
Brief und hoffe dass Sie mit meinem Armen zufrieden sind. G. Lässt sich bei Euch allen
Grüßen – was ich auch herzlich tue.
Betreffs Somers sind unsre Pläne noch nicht ganz
Klar.  Möge der Liebe Gott gönnen dass
dieser Brief Euch alle bei bester Gesundheit
finde.
Mit herzlichem Gruß
Ihr Freund
Cyril Cushing

Etwas ungewöhnlich war die Briefgestaltung.

Man wünschte sich, dass man in Englisch einen solchen Brief schreiben könnte!

 

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