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Zwischen 1970 und 1980
war familiär eine sehr aktive Phase. Beide Söhne hatten ihre Schulzeit beendet.
Wir unternahmen mit beiden Söhnen die Autotour in die Sowjet-Union (SU).
Damit die familiären Bande nicht all zu sehr abrissen, wurde vereinbart, dass Eltern und Söhne wöchentlich von sich hören ließen. Den Eltern war dieses Versprechen VerpflichtungSohnemännern mussten ab und zu Anmahnungen erfolgen.
Für die Eltern war es doch ein völlig neues Gefühl, als die gesamte Rasselbande ausflog. Besonders die Mutti litt unter dieser neuen Lage.
Trotz starker beruflicher Belastung, nahm der Vater fast an jedem Sonntag, meist abends, die Schreibmaschine auf die Knie und schilderte die Wochenereignisse oder kommentierte die Ergüsse der Söhne aus der ankommenden Post. PC (Personalcomputer) waren noch nicht verfügbar. An e-Mail konnte in unseren Breiten noch nicht gedacht werden.
Damit man später einmal, im Alter, diese Geschehnisse nachvollziehen könne, wurden Duplikate angefertigt. Dieser Zeitpunkt ist nun erreicht.
Ein Brief schildert ein Ferienerlebnis.
So sah das damals aus: Die Briefe wurden nummeriert, um kontrollieren zu können, ob auch alle bei den Empfängern ankamen. Man musste ja zu dieser Zeit mit „Horch und Guck“ rechnen. Außerdem war der Postweg in der SU langwierig. Scherzhaft hatte ich ‚mal festgestellt, dass bis Moskau anscheinend alles einigermaßen glatt lief. Und, obwohl täglich zahlreiche Flüge von Berlin nach Moskau die Verbindung aufrecht erhielten, dauerte die Post lange, zu lange. Im Nachhinein wird einem klar, dass offensichtlich der Stasi sich davon überzeugte, was denn die guten Leutchens sich so zu erzählen hatten.
Ab Moskau, und jetzt kommt die unverschämte Behauptung, hatte man den Eindruck, dass da die Nachrichten nur noch getrommelt wurden.

Urlaub am Knappensee
“ D3 ( Donezk) HN ( Hohenneuendorf) 3/II Koblenz, 12.9.1974, 16.10h

Hallo Jungs!
Wenn Ihr die Ortsunterkunft lest, solltet Ihr nicht schlussfolgern, dass wir uns etwa in Koblenz am Rhein befänden. Soweit ist es noch nicht.
(Woher wusste ich damals, dass es nach 15 Jahren tatsächlich einmal möglich sein sollte, auch aus Koblenz am Rhein so einen Brief zu schreiben!?)
Das Koblenz, aus dem wir heute schreiben, befindet sich ganz einfach am Knappensee. Knappensee, werdet Ihr wiederum fragen, wo ist denn der nun wieder? Die Koordinaten kann ich leider nicht angeben. Man fährt einfach nach Hoyerswerda, lässt die Altstadt links liegen, fährt durch die Hoyerswerda-Neustadt und dann weiter in südlicher Richtung, nach Gross-Särchen und von da aus nach Koblenz.
Dort angelangt ist man auch schon am Knappensee. Die Koblenzer hatten Glück, dass ihr Ort noch existiert. Dem Kohleflöz fehlte wahrscheinlich die Abbauwürdigkeit und am Ortsrand hörte der Bagger auf, das riesige Loch weiter zu wühlen. Der Knappensee ist ein mit Wasser, ich betone, mit Wasser gefülltes Braunkohlenabbauerestloch. Herrlich gelegen, umgeben von jungen Waldbeständen und solchen, die es noch werden wollen.
Nun erst’mal der Reihe nach. :
Wie Ihr wisst, hatten wir vor, in den Urlaub zu fahren.
Diesen Sachverhalt legten wir Euch bei Unserem Zuhausesein hinlänglich dar. 13 Tage, von meinen 28 Tagen, die mir im Jahr zustehen, habe ich im Betrieb eingereicht. Am 10.9.1974 war es nun so weit, dass ich den letzten Arbeitstag absolvierte. Dieser letzte Arbeitstag hat mich allerdings bis hierher verfolgt. An diesem letzen Arbeitstag mussten wir zwei Leitersitzungen durchführen. Ihr werdet fragen, gleich zwei? Warum, weshalb, wieso? Ja, es waren zwei, davon eine Unangenehme und eine Angenehme. Zuerst die unangenehme Leitersitzung einmal kurz erläutert:
Von dem Abschnittsbevollmächtigten in Hof war ein Kollege unserer Einrichtung erwischt worden, wie er nachts Baumaterial stahl. Dieser Anlass und die Tatsache, dass sich in letzter Zeit die Diebstähle häuften, veranlasste die Leitung der KGP (Kooperative Gemüseproduktion) den Betreffenden vorzuladen und hart zu bestrafen.

(KGP=Kooperative Gemüseproduktion) Diese Organisationsform war ein Zusammenwirken mehrere Genossenschaften. Sie war nicht „juristische Person“
Damit war sie außerordentlich zweifelhaft. Die herrschende Klasse benutzte sie, um eine Übergangsform zu größeren Produktionseinheiten zu schaffen. Rechtsbeugungen wurden dazu verwandt.

Obwohl der Gegenstand des Diebstahls sehr gering war, ein Sack Baukalk war das Objekt der Begierde, musste doch mit diesem Fall ein Exempel statuiert werden, damit diese Zustände gedämpft wurden.
Die in die KGP delegierten Genossenschaftsgärtnerinnen und – gärtner und Genossenschaftsbäuerinnen und -bauern wurden so vergütet, dass sie sich von der Genossenschaft Angebotenes kaufen konnten und nicht stehlen mussten.
Eine Notlage lag also bei keinem vor, so dass man mildernde Umstände nicht gewähren konnte. Jedem Mitglied wurde Baumaterial verkauft, wenn es den entsprechenden Antrag an die KGP stellte.
Es lag also kein auch nur annähernd begründeter Anlass vor, zu stehlen. Die Leitung entschied nun folgendermaßen:
Begründet ist diese Entscheidung in der Betriebsordnung der KGP und der beteiligten Genossenschaften.
Der betreffende Kollege wird fristlos in die delegierende Genossenschaft zurückdelegiert. Dem Vorstand dieser Genossenschaft, es ist die GPG“Jahnatal“ Hof wurde empfohlen, den Kollegen fristlos von der Mitgliedschaft zu entbinden.
Für den Normalverbrauch heißt das: Fristlose Entlassung.
Weshalb habe ich diesen Fall so breit ausgeführt?
Wir sollten daraus lernen:
1. Dass man die Ehrlichkeit weit in den Vordergrund rücken sollte. Darunter verstehe ich auch Ehrlichkeit gegenüber der Reichsbahn und Berliner-Stadtbahn. Wenn ein Student die Bahn benutzt, so muss er den Fahrpreis zahlen. Man kann es nicht als Kavaliersdelikt ansehen, wenn man mal erwischt wird. Man könnte da eine Reihe von Übeln anführen. Keiner ist ganz frei davon.
2. Als Leiter hat man die Pflicht, eine Entscheidung bei solchem Fehlverhalten zu treffen. Es ist sehr bitter, einen Familienvater fristlos zurück zu delegieren. Andererseits kann es aber keine Zugeständnisse geben bei solchem Fehlverhalten.

Die erfreuliche Leiterversammlung fand dann abends statt.
Der Kollege Th. erhielt sein Ingenieurspatent überreicht. Wie ich Euch schon erzählte, hat er sich einer Externerprüfung unterzogen und sie mit Erfolg absolviert. Bestanden wurde mit „befriedigend“.
Mehr war auch nicht zu erwarten bei seinem Eifer. Am Ende führt die etwas großkotzige Art, entschuldigt bitte den vulgären Ausdruck, die er an sich hat, ich bezeichne sie mit „Hände in der Hosentaschenleitung“ zu keinem besseren Ergebnis.
Dass allerdings auch die „Ingenieur – Arbeit“ nur (!) „Drei“ erhielt, beleidigt mich. Verdammt noch mal. Und er hatte sich damit solche „Mühe“ gegeben! ? Na, jedenfalls hat unser Leiter nun auch seine Qu a h l i n fizierung!
Ein Kollege vom Pädagogischen Rat der Ing.Schule in Werder war da und überreichte die Zeugnisse.
Abschließend gab Th. noch kleines Essen mit einem Glas Sekt aus.
Das war’s. Das war auch alles. Kein Wort des Dankes für die geleistete Zuarbeit. Undank ist der Welt Lohn, könnte man resignierend sagen. Als Optimist würde man sicherlich sagen müssen, was nicht ist, kann noch werden.
Ich höre jetzt schon richtig, besser ich kann mir vorstellen, wie Hardys Hirnwindungen anfangen zu glühen.
Sie glühen möglicherweise, weil es schwer vorstellbar ist, dass man auf einer Seite sich dagegen mokiert, dass jeden Tag die Ernteergebnisse in der Presse bekannt gegeben werden und auf der anderen Seite, er, der Vater, immer und immer wieder die betrieblichen Geschehnisse in den Vordergrund stellt.
Hardy, bitte, wenn ich so ‚ was loslasse, dann wollen wir ja daraus was lernen.
„Genossen, das Flugwesen„.
Nun aber Schluss mit diesem Betriebskram.
Am Mittwoch haben wir den Wartburg gesattelt und sind davongeeilt.
Vorher hatte die Mutti das Gefährt zu Bachmanns geschafft, um wenigstens den Sitz wieder fest schweißen zu lassen. Bachman hat das gemacht! Wegen dieser elenden Karete wird man noch dauernd verflachst. Funcke, der Himmelh. stellte fest, er hätte sich beim Tanken in Hof ‚mal unser Auto angesehen. Er hätte die Schleudersitze bewundert.
Wer den Schaden hat, hat auch noch den Spott!
Für die Oma holte ich erst noch Futter auf dem Berge, damit sie das Getier ordentlich versorgen kann.
Dann ging’s ab in Richtung Osten.
Es gab noch einen bescheidenen Familienkrach. Ich hätte es gern gesehen, dass die Tante Ella während unseres Fortseins ständig zu Hause der Oma hilft.
Die Oma wiederum hält nicht viel von Tante Ellas Mithilfe.
Die Eulitzens wollen ihre Arbeit immer alleine schaffen. Bis sie auf dem Zahnfleisch kriechen, ist es ihre Devise.
In einer Hinsicht ist so ein Enthusiasmus zu bewundern. Andererseits wird so eine Arbeitswut zur Quälerei.
Die Oma hört doch so schwer. Dieser Zustand birgt gewisse Gefahren in sich. Eierkunden, und so weiter Na, Ihr wisst ja!

Zu denken ist dabei daran, dass es uns gelang, eine Diebin zu fassen. Sie hatte Omas Gewohnheiten ausgenutzt und im Laden blitzschnell ein Fenster entriegelt. Durch dieses Fenster drang sie ein und stahl Geld aus der Kasse. Nachdem wir hinter ihre kriminellen Aktivitäten gekommen waren, konnten wir sie beim Stehlen stören und auf der Flucht festhalten. Der Streitwert war gering, die Strafe entspechend.

Wie Oma und Tante sich letzlich einigten, kann ich nicht beurteilen.Die Vernunft siegte sicherlich!?
Gegen 10 Uhr starteten wir.
Die Fahrtroute ging über Riesa, Großenhain, Thiendorf.
Als wir die Autobahn unterfuhren und dies’mal nicht auf die Autobahn einschwenkten, hatte ich Mühe den Wartburg zum Geradeausfahren zu bewegen. Mir schien es, als ob er wie ein alter Gaul oder wie Böhme Fritzens Ochse den Weg und die Gepflogenheiten kennen würde.
Böhme Fritzens Ochse hielt automatisch an der Kneipe an und was bleib ihm dann übrig, als in sie hineinzugehen. br>Gemeint ist hier Böhme Fritz, der in die Kneipe ging, nicht der Ochse.
Mit dem Wartburg war es abgewandelt ähnlich, er dachte wahrscheinlich, dass wieder ein Sohn abzuholen sei. Aber so weit war es ja noch nicht. Es dauert noch ein beträchtliches Weilchen.
Na, jedenfalls mit Mühe gelang das Geradeausweiterfahren und über Königsbrück gelangten wir durch herrliche Wälder nach Hoyerswerda. Wald ist für uns Flachländer „mit ohne“ Wald immer ein besonderes Erlebnis.
In einer Gaststätte vor Hoyerswerda hielten wir an und aßen zu Mittag. Dieses Mittagessen war das Grässlichste was ich jemals angeboten bekam.
Wir wählten Bratwurst mit Kartoffeln und Sauerkraut.
(Ist eine alte Sau ergraut, ist sie ein altes Schwein Ist eine Alte Sauerkraut, muss sie noch keines sein) Kleiner Scherz.
Die Wurst war angegammelt. Mich schüttelt es jetzt noch, wenn ich daran denke.
Man hätte reklamieren sollen. Aber ich wollte Tischgefährten nicht den Appetit verderben, die das Zeug mit Genuss verschlangen. Wir, die Mutti und ich, ließen das Zeug auf dem Teller. Ich hatte auch wenig Hunger, da wir ja erst zu Hause noch genüsslich frühstückten.
Durch Hoyerswerda ging’s hindurch, die Altstadt links liegen lassend. Hoyerswerdas Neustadt ist als Zentralstadt für die „Schwarze Pumpe“ recht modern errichtet worden. Riesige Wohnkasernen verunzieren die sonst niedrigere Wohnstätten gewohnte Landschaft.
In Richtung Bautzen fuhren wir dann weiter und kamen nach etwa 7 km an den Knappensee.
Man hat rings um den künstlich entstandenen See ein riesiges Urlaubereldorado angelegt.
Dank sei dem Gott der Urlauber, dass die Saison vorbei ist. Ungeheure Mengen von noch jetzt dastehenden Zelten war unser erster Eindruck. Wir fuhren eine Zeltstraße entlang und stellten am Ende fest, dass wir falsch sein mussten, denn Wohnwagen fanden wir hier nicht.
Da der See rundherum mit Campingmöglichkeiten bestellt ist, versuchten wir unser Glück in einer anderen Richtung. Tatsächlich fanden wir nun den Platz, auf dem unsere Waldvilla stehen musste.
Als wir die Straße nichtsahnend entlang fuhren, stellte die Mutti plötzlich fest, dass die vorübergehenden Straßenpassanten, eine relativ junge Frau und ein Mann, Dösitzer seien. Es wurde angehalten und mit Hallo festgestellt, dass man sich ja kenne. Mir waren die jungen Leute unbekannt. Sie wohnten in Dösitz und jetzt in Riesa.
Die Mutti kennt aber Hinz und Kunz.
Berlin ist doch ein Dorf, heißt es gewöhnlich. Hier muss man abgewandelt feststellen, der Knappensee ist nicht groß genug, um unerkannt zu bleiben.
Bloß gut, dass man mit seiner eigenen Frau in Urlaub fuhr, sonst hätte die Mutti spätestens heute gewusst, was los ist.
Aber, da ich ein solider Ehemann bin, wäre ich natürlich nie auf den Gedanken gekommen, so ‚ was zu versuchen.
Wir fanden dann auch nach einigem Suchen unseren Campingwagen.
Er ist von der GPG Hof nach der Erschließung des Knappensees zum Campingplatz hierher gestellt worden.
Mit unzähligen anderen Einrichtungen unterschiedlichster Bauart und Gestaltung, den herrlichen Wald verunzierend, jedoch Bleibe für urlaubbedürftige Bchers, stand er da.

Oh du Schreck, die letzte Satzkombination war erschreckend. Nach mehrmaligem Lesen wird man vielleicht schlau daraus.

Der Campingwagen ist ein industriell gefertigter Baustellenwagen. Für den Zweck des Wohnens wurde er hergerichtet und fast in der gesamten Länge mit einer Veranda versehen.
Zwei Familien mit Kindern können hier Urlaub verbringen.
Die Platzmöglichkeiten sind dann beengt. Es lässt sich aber wohnen. Wesentlich besser jedenfalls, als man es in einem Zelt kann. Besser noch als in unserem Campingwagen.
Die Ausstattung weist in jedem Wohnraum drei Betten auf. Einmal übereinander gestockt. Kleiderschränke sind vorhanden. In jedem „Appartement“ steht eine Kochgelegenheit. Fließendes Wasser steht zur Verfügung. Zu den sanitären Anlagen muss man allerdings ein Stück laufen.
Die gesamte Anlage ist elektrifiziert, den Eingang ziert eine Laterne. In der Veranda rundet ein Fernsehgerät mit zwei Programmen den gediegenen Komfort der Einrichtung ab. Berlinnähe lässt einen Blick über den Zaun zu. Moderne, allerdings außerordentlich unbequeme Sitzgelegenheiten, laden zum „Verweilen“ in der Veranda ein.
Ob die Einrichter sich ‚was dachten bei der Beschaffung der Sitzgelegenheiten, mag ich bezweifeln. Man könnt’s sonst meinen, dass sie die Urlauber bald in die Betten zwingen wollten, damit sie sich auch wirklich erholen ?
Schaut man zur Tür hinaus, so glitzern die silbernen Wasser des Sees, sofern man durch die Lücken der Urlaubsvillen etwas davon mitbekommt, einem in etwa 100 m entgegen und laden zum Bade.
Großsprecherisch stelle ich hier fest:“ und laden zum Bade“.
Selber war ich aber noch nicht im Wasser.
Bei ungünstigen Windverhältnissen wird der See durch die von den Brikettfabriken und Kraftwerken ausgestoßene Asche zu einem Dreckpfuhl, zu einer Kloake. Bis jetzt verschonte uns der Wettergott.
Kaum hatten wir unser neues Zuhause in Besitz genommen, wir wählten die rechte „Zimmerflucht“ für uns aus, mussten wir mit Erschrecken feststellen, dass offensichtlich ein Lebewesen mit unserer Anwesenheit nicht einverstanden war. In unregelmäßigen Abständen wurde unser Dach mit irgendwelchen Geschossen bombardiert. Das Pappdach verstärkte das Geräusch des Einschlags, dass es außerordentlich bedrohlich klang. Mir blieb nicht anderes übrig, als aus dem Campingwagen ins Freie zu stürzen, um mich mit dem Übeltäter anzulegen, der es wagte, uns so zu beschmeißen. Nach meinem Rundherumblick musste ich jedoch feststellen, dass es ein Zweibeiner nicht sein konnte, der uns beschmiss.
Beim Blick nach oben, entdeckte ich den Übeltäter. Ein Eichhörnchen verzehrte ungeniert seine Samenmahlzeit aus den Tannenzapfen. Behände eilte es von Ast zu Ast. Die Abfälle ließ es einfach fallen und sie donnerten auf unser Pappdach.
Erstaunlich, dass das Tier sich durch die Verschandelung des Waldes durchaus nicht stören ließ. Letztmalig sah ich Eichhörnchen als Junge bei einem Besuch bei Tante Martha in Chemnitz im Küchwald. Ob da jetzt noch welche von Ast zu Ast springen?
Nach 40 Jahren habe ich nun das Glück, das niedliche, possierliche Viehzeug zu bewundern.
Die Mutti war damit zufrieden, dass es kein unfreundlicher Akt eines Zweibeiners war. Sie war damit beschäftigt, sich häuslich einzurichten.
Herrlich ist der Tatbestand, dass wir allein hier sein können. Man könnte fast annehmen, dass wir wenig kontaktfreudig wären.
In gewissem Sinne ist es auch so, aber lassen wir das.
Aus der Not muss man eine Tugend machen, da wir in den eigentlichen Urlaubsmonaten nicht fahren können.
Die verschiedensten Gründe sind ja bekannt.
Hochwassersorgen, Eieraufgaben der Mutti, „and so on“.
Wir müssen uns deshalb immer mit der Nachsaison begnügen. Ich möchte sagen, dass wir bisher damit immer recht gut gefahren sind. Dabei denke ich an das vergangene Jahr. Zingst und Siebenlehn waren vergnüglich in jeder Beziehung.
Wir hatten mit dem Wetter Glück.
Leute, und was denkt Ihr denn, was uns in diesem Jahr passiert? Die ersten drei Tage waren eine Wetterklasse für sich.
Ob Ihr’s glaubt oder nicht, ich holte mir sogar einen zünftigen Sonnenbrand.
Am ersten Nachmittag richteten wir uns zunächst gemütlich ein und kaffeeten genüsslich.
Die Zündhölzer mussten wir uns bei Nachbarn borgen, weil ich als notorischer Nichtraucher keine bei mir hatte und die Mutti sie vergaß.
Vergessen wurde noch anderes Zeug:
1. Bademantel
2. Kurze Hosen für mich, so dass ich bei nassen Badehosen beinahe als Entblößer auffalle.

Nach zwei Tagen Schreibpause geht es jetzt weiter mit meinem Tatsachenbericht aus unserem Campingurlaub.
Die Pause hatte ihre Ursachen.
Ein Nachbar kam an. Er bezog seinen bescheidenen Bungalow in unmittelbarer Nähe von uns. Ich war bei seiner Ankunft dabei, Euch zu schreiben. Es dauerte auch gar nicht lange und er erschien, um mir zu erläutern, dass man eigentlich im Urlaub nicht arbeiten solle. Ihn würde zwar das Geklapper der Maschine nicht stören, da er auch aus einem ähnlichen Beruf käme. Man konnte aber aus dem Unterton seiner Darlegungen heraushören, dass er meine Schreibmaschinenarbeit als eine Art Umweltverschmutzung betrachtete.
Bei dem kleinen Plausch kam heraus, dass er bereits 14 Jahre jede Woche hierher fährt. Er sei noch nirgends anders hingefahren, da es ja überall gleich sei. Die Behauptung war gewagt, denn er konnte es ja gar nicht beurteilen, wie es woanders ist.
Er erzählte, dass er beim Rat des Kreises Bautzen für die Koordinierung des Arbeitskräftebedarfs verantwortlich sei. Jetzt in der Erntephase sei er bemüht, den KAP (Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion) die erforderlichen Arbeitskräfte zu beschaffen. Es gäbe auch zahlreiche ideologische Barrieren zu überwinden, um den anderen Betrieben begreiflich zu machen, dass sie Arbeitskräfte abzustellen hätten.
Macht es aber ‚mal jemandem begreiflich, dass er Arbeitskräfte hergeben soll, wenn er selber keine hat! ?
Wer das aber nicht begreift, liegt ideologisch schief!
Selbstverständlich wird man der Ernteeinbringung eine gewisse Priorität einräumen müssen, damit alle etwas zu knabbern haben. Dem Autarkiestreben unserer DDR ist das geschuldet.
Die meisten Leute meinen zwar, sie ginge das alles nichts an, sie kauften ihr Brot beim Bäcker. Ganz so einfach geht das zwar nicht, wie man hinlänglich durch den Campingfreund vorgeführt bekam.
In diesem Jahr gab’s doch einige Probleme beim Einbringen der Ernte bei uns, trotz des massierten Einsatzes der beachtlichen Technik.
Von dem guten Mann erfuhren wir weiter, dass er zum Kollektiv für Ordnung und Sicherheit hier gehöre.
Er sei es, der die Ruhestörer hier zur Ordnung rufe.
Nicht wenige Unbelehrbare hätten ihre Zelte im wahrsten Sinne des Wortes vorzeitig abbrechen müssen, weil sie sich nicht an die Gepflogenheiten hier hätten gewöhnen können.
Wer nicht die Normen des Zusammenlebens auf so engen Raum in der sozialistischen Wohngemeinschaft beherrsche, müsse sie erst erlernen, ehe er hier wieder aufkreuzen könne.
So hart sind hier die Sitten!
Rumlärmer, Phonbeater und sonstige Geweihträger würden zur Ordnung gerufen.
Ankunfts- und Abfahrtsfeierlichkeiten sowie Geburtstage, Verlobungen, Hochzeiten müssten zu Hause gefeiert werden, stellte er fest.
Die ganze Härte dieser Maßnahmen würde natürlich nur wirksam, bei voller Besetzung.
Man muss sich ‚mal die Menschenansammlung hier vorstellen. Ihr könnt Euch sicherlich noch an den Schwielochsee erinnern. Eine ähnliche Konzentration von zweibeinigen Lebewesen gibt es in der Saison hier auch.
Inzwischen bildeten sich jedoch zivilisiertere Formen heraus mit fliesendem Wasser, Kühlschrank, Fernsehen, Wasserklosett.
Das enge Zusammenleben verlangt gewisse Rücksichten.
Man nimmt noch mehr als in den Neubauwohnungen alle Lebensäußerungen der Mitmenschen wahr.
Wenn Urahne, Großmutter Mutter und Kind, alle hier versammelt sind, kann man sich die Belästigungen vorstellen.
Ich führte diese Erkenntnisse etwas breiter aus, weil wir auch unsere Verhaltensweisen auf solche Ereignisse einstellen sollten.
Vorsichtshalber stellte ich das Schreibmaschineschreiben ein.
Der gute Mann, von dem wir das alles erfuhren, litt unter einer ungeheuren Geschäftigkeit. Entweder er goss seine Blumen, strich seinen Bungalow, sägte oder hämmerte.
Der typische Waldlaubenbesitzer. Dem DDR-Bürger rechnet man ja zu, dass er entweder Hobbybastler oder Laubenpieper sei. Er, der DDR-Bürger, lebe nach dem Grundsatz: „Do it yourself!“.
Nun aber zurück zu meinem eigentlichen Anliegen, der Schilderung unseres hierseins.
Wir waren ja eigentlich erst angekommen und hatten das Bombardement durch die possierlichen Eichhörnchen miterlebt. Übrigens, die Viecher erscheinen mindestens einmal täglich und weiden die Kiefern ab. Das Auto müsstet Ihr ‚mal sehen. Es ist übersät mit den Abfällen der Eichkatzen. Den Viechern fehlen offensichtlich primitive Formen der Zivilisation. Sie schmeißen alles, was ihnen nicht genehm ist, einfach in die Gegend! ?
Zunächst haben wir uns an diesem Mittwochnachmittag und -abend mit unserer näheren und weiteren Umgebung, also mit der Mikro- und Makrosphäre bekannt gemacht.
Ich erzählte schon, dass der See etwa 100 m entfernt ist. Will man ihn erreichen, muss man um die in nicht erkennbarer Ordnung aufgestellten Campingwagen herum, sich in Richtung Wasser bewegen. Parallel zum See verlaufen vier ausgebaute Wege, damit alle Urlauber ihre Wohnmöglichkeiten auch per Auto erreichen können. Mit Dauerparkgenehmigung kann man mit dem Wagen direkt bis zum Campingwagen fahren und das Gefährt abstellen.
Der See wird begrenzt durch ein 3 bis 4 Meter abfallendes Steilufer an der Stelle, wo wir den See erreichen. Von einem eigentlichen Strand kann man nicht sprechen. Bei Niedrigwasser ergibt sich ein strandähnlicher Rand von 1 bis 2 Metern. An anderen Stellen ist der Strand durch Sandaufschüttungen zu einem seestrandähnlichen Ufergebiet gestaltet worden. Sehr abwechslungsreich ist also allein schon die Ufergestaltung.
Die Mutti ergriff sofort von einem umgekippten Bootskörper Besitz. Man kann auf ihm mitten im seichten Seewasser mit der Luftmatratze zu zweit liegen.
Schaut man nach rechts, sieht man eine Bootsverleihstation, von der man Ruderboote und Katamaranwassertreter leihen kann. An vielen Stellen haben private Bootsbesitzer ihre Boote sozusagen auf Reede geparkt. Zumeist sind sie an Bojen in Ufernähe befestigt.
Auf der rechten Seite, hinter dem Bootsverleih schließt sich ein Sandstrand an. Strandkörbe kann man dort mieten. Das Nordufer des Sees, es liegt fast den gesamten Tag im herrlichen Sonnenschein, wird soweit man schauen kann, vom Zeltstrand eingenommen. Es ist die Stelle, wo wir bei unserer Ankunft versehentlich zuerst hinfuhren. Verkaufsstellen und Sanitäranlagen sind während der Saison überall vorhanden. Etwas tiefer im Wald versteckt befinden sich von den Kohlebetrieben errichtete Ferienheime.
Es sah alles recht gepflegt aus.
Linkerhand verläuft das Ufer in leichtem Schwung nach rechts und man erkennt Bootshäuser mit einer Ansammlung von Bungalows. Im Wasser liegen unzählige Segelboote vertäut.
Im weiteren Verlauf des Ufers befindet sich eine gastronomische Einrichtung mit großzügigen Anlagen, Liegewiesen und Bänken, sowie einen Wachturm zur Kontrolle der allzu waghalsigen Schwimmer, Segler, Ruderer, Paddler und Wassertreter.
Inseln und landzungenartige Einbuchtungen sind zu erkennen, die sicherlich interessant sind, einmal umschifft zu werden. Weit entfernt erkennt man das gegenüberliegende Ufer. Wahrscheinlich die Stelle, an der wir den Knappensee das erste Mal erblickten.
Wir sind ‚mal nach links das Ufer entlang spaziert. Bald kamen wir an einen Platz, der für die Mach- mit -, bleib – fit – Lustigen vorgesehen ist. Minigolf, Asphalt- und Bowlingkegeln, Tischtennis und unzählige andere Möglichkeiten bieten sich an, wenn man zu den Öffnungsseiten erscheint.
Ein vielleicht 150 Personen fassendes Zeltkino konnten wir noch in den Fragmenten erkennen. Man hatte das Zelt und die Sitze bereits entfernt. Vor dem Bootshaus zierte ein bemerkenswerter kunstschmiedeeiserner Springbrunnen, im Stil der auf der Prager Straße in Dresden befindlichen Kunstwerke, den Vorplatz. Bootshäuser, Parkplätze und Zeltplatzmöglichkeiten boten sich in der Folge an.
Wir erreichten dann die Gaststätte über einen kleinen Zufluss. In den seichten Wassern tummelten sich Fische. Ich würde sie als Karpfen identifizieren.
Wir wollten uns bei dieser Gelegenheit erkunden, wie die Möglichkeiten mit dem Mittagessen sind.
Am liebsten esse ich natürlich mit der Mutti, von der Mutti hergestelltes Mittagessen.
Im wesentlichen versorgten wir uns selbst. Ein Kompliment unserer lieben Mutti, wie sie mich hier wieder verwöhnt.
Ich leiste allerdings auch meinen Beitrag, indem ich täglich in den Konsum gehe, Brötchen hole und kleine Einkäufe tätige.
Man hält es nicht für glaub’ste kaum, so schnell verging der erste Urlaubstag.
Abends guckten wir noch ein wenig Fernsehen und bald auch nach unseren Betten.
Ich muss feststellen, es schlief sich recht gut. Geweckt wurde ich erst beim Morgengraun durch das Trommelfeuer der Eichkatzen.
Wir ließen uns davon allerdings nicht weiter stören, denn wirklich aufgestanden sind wir erst gegen 9 Uhr.
Als Morgenprogramm laufe ich paar hundert Meter um ein kleines Wäldchen, solange ich es aushalte. Grundsatz ist: Einmal am Tage außer Atem.
Die Anstrengungen lasse ich auslaufen mit Rumpfbeugen und anderen Übungen, damit die Gebeine einigermaßen fit bleiben. Abschließend laufe ich über den Fußballplatz und springe die Torbalken der Tore an, um Klimmzüge zu machen.
Glaubt mir, es ist erfrischend Körperlich gestärkt, außer Atem, laufe ich wieder unser Waldhaus an.
Anschließend beginnt der Einkaufsgang. Dabei muss ich eine Umfriedung überspringen. Das alles ist bis jetzt mit ohne Schwierigkeiten abgegangen.
„Mach mit, bleib fit!“
Leute ich erwarte, dass auch Ihr ein wenig körperliche Ertüchtigung betreibt. So was muss nicht unbedingt Selbstzweck sein, sondern als Mittel zum Zweck für die Gesunderhaltung.
Auch als junger Mensch darf man nicht körperlich vergammeln. Durch die Sitzarbeit kommt es sehr leicht zu einer Bequemlichkeit, die man sehr schwer wieder aus sich ‚rausbekommt.
Ihr wisst ja, der innere Schweinehund siegt sehr leicht über einen.
Nicht nur, dass er einem ständig einzureden versucht:“Ach was, warum denn dauernd lernen, warum denn fleißig sein!“
Er ist es auch, der einem einflüstert:“ Hau ‚ dich doch in’s Bett, wozu dich dauernd auf dem Sportplatz ‚rumschinden!“
Jeder ist für sich selbst verantwortlich und sollte soviel wie möglich für sich, nicht soviel wie gerade nötig tun.
Wir, in unserer Buchhaltung handeln gerade anders herum, wir sagen, wir erfassen und verarbeiten nur soviel wie nötig Daten, nicht soviel wie möglich.

Eingangs hatte ich ja erwähnt, dass mich der letzte Arbeitstag bis hierher in den Urlaub verfolgt.
Er, der zweite Urlaubstag, war deshalb auch noch angefüllt mit der Erstellung von zwei Protokollen, die Geschehnisse dieses letzten Arbeitstages beinhalteten.
Geschrieben habe ich den ganzen Quatsch auf der Liege, in der Sonne, vor dem Campingwagen liegend, in Kurzschrift.
Hoffentlich können meine Leute zu Hause das Zeug entziffern.
Am selben Tage gaben wir den ganzen Schriebs mit den Bekannten von Dösitz mit nach Hause. Ein Gruß an die Oma war ebenfalls dabei.
Man sieht, die Nachrichtenübermittlung klappt.
Bei dieser Gelegenheit fragte ich beim Arbeitsschutzobmann an, wie ich mich wegen der Belästigungen durch die Eichkatzen verhalten solle!?
Mein Vorschlag: Zunächst versuche ich den Viechern beizubringen, dass nach Paragr 1 der Arbeitsschutzbestimmungen Zänkereien und Neckereien während der Arbeitszeit verboten sind. Und, da Urlaub in gewissem Sinne durch seine Rolle als erweiterte Reproduktion der Arbeitskraft auch Arbeit ist, könnte man diese Auffassung als zutreffend betrachten. Nur, werden es die armen Tiere begreifen?
(Jetzt bin ich auf der Ebene des Witzes angelangt, wo ein Irrer sich einbildet, er sei eine Maus. Nach schwierigen psychiatrischen Anstrengungen ist es gelungen, ihm einzureden, dass er ein Mensch sei. Es wird erwogen, ihn zu entlassen.
Als er die Anstalt verlässt, kommt ihm ein Kater entgegen. Er herum und zurück in die Anstalt. Befragt, warum er denn wieder komme, erzählt er atemlos, dass ein Kater ihm entgegengekommen sei. Aber sie wissen doch, dass sie keine Maus sind, wird ihm händeringend erklärt. Seine Antwort: “ Ich weis es, aber weis es der Kater?“)
16.9.1974

Das Datum fügte ich ‚mal wieder ein, damit Ihr das Herstellungsdatum erkennen könnt.
Der ganze Schriebs zieht sich ja über mehrere Tage hin. Jeden Tag nehme ich mir paar Stunden vor zur Korrespondenz mit Euch.
Die Mutti stellte soeben beim Kaffeetrinken recht herabwürdigend fest, die Jungs werden denken, der Alte soll uns lieber 50 Mark schicken, als uns mit seinem M. zu belästigen.
Dass das mit den 50 Mark von der Mutti kam, finde ich bemerkenswert. Ich würde sie Euch ja gerne noch zusätzlich schicken, nur haben müsste ich welche! ?
Finanzminister ist ja bei uns die Mutti. Beim Zahltag heiße ich immer Hermann! Her mit die Piepen, wa!
Trotz dieser beleidigenden Äußerungen lasse ich mich nicht von meinem Vorhaben abbringen, zu schreiben. Wen es nicht interessiert, der möge es unbeachtet wegschmeißen.
Da ich gerade vom Schmeißen schreibe, nahmen die Eichhörnchen über uns ihre Tätigkeit wieder auf.
Stehen geblieben war ich beim zweiten Tag unseres Hier seins:
Abends spazierten wir noch ein wenig in Richtung Knappenrode. Der Ort liegt in Richtung Zeltplatz. Beinahe hätte man uns aus einem so genannten Betriebsgelände gewiesen. Wir bogen nichtsahnend in einen Weg ein und befanden uns plötzlich in einem Ferienheimgelände. Die Wache! bemerkte uns sehr bald und kam auf uns zu. Wir fragten, wie wir denn wieder zum Knappensee kämen. Ein junger Mann mit einer uns nicht verständlichen Sprache antwortete uns. Zu verstehen war nichts. Es klang ungarisch, mit viel „ö“.
Bei dieser Gelegenheit konnten wir so ein „Heim“ ‚mal aus der Nähe betrachten. Ich hatte den Eindruck, dass es recht gepflegt eingerichtet war. Außen hatte man es mit Derbstangen verkleidet.
Mit Material also, wie es der Wald hergibt.

Für den dritten Tag, den Freitag, hatten wir uns eine Wasserfahrt vorbehalten

Eine Seefahrt, die ist lustig?

Nach der Mittagspause ging’s zum Ausleihstand.
„Bitte einen Wassertreter für drei Stunden“ verlangte ich. „Nehmen sie die Nummer 9“! erhielt ich zur Antwort. Das Gefährt stand an der Landungsbrücke. Unsere Wertsachen befestigten wir in der eigens dafür vorgesehenen Tasche an der Lehne der Sitzbank. Die Mutti nahm Platz und ich schob das Ding auf den offenen See hinaus. Jedes Mal, wenn ich aufsteigen wollte, ging das Vehikel auf meiner Seite unter. Die Mutti geriet in eine bedrohliche Schräglage, dass man Angst bekommen konnte. Als mir schließlich das Aufsitzen gelang, versanken wir so tief ins Wasser, dass nicht viel gefehlt hätte und wir wären als Unterseeboot ausgelaufen. Ob Neptun uns nicht hold war, oder was hier eigentlich los war, konnte man zunächst nicht feststellen? Die wenigen Leute am Strand wurden auf unsere Fehlstarts aufmerksam. Sie konnten sich eines Schmunzelns nicht erwehren. Zunächst dachte ich, dass ich zu schwer sei mit meinen 90 kg und eine Überforderung vorliegt. Es blieb schließlich nichts anderes übrig, als den müden Nachen wieder in den sicheren Hafen zu schieben.
Inzwischen war kostbare, bezahlte Zeit verstrichen Die Verbkäuferinnen interessierten unsere Bemühungen mit dem unglücklichen Apparat nicht. Erst als ich wieder an der Anlegestelle angelangte und zu reklamieren anfing, sagten sie lapidar, ich solle doch die Nummer 7 nehmen. Mit der Nummer 7 erging‘ uns ebenso wie mit der 9.
Glücklicherweise liefen zwischenzeitlich zwei Damen mit einem funktionierenden Wassertreter in den Hafen ein und so konnten wir endlich unsere Seereise antreten.
Die Fortbewegung geschieht durch Treten einer Welle mit angebrachten Schaufeln. Man hat die Fußtritte so angeordnet, dass kein Todpunkt eintritt und somit die Fortbewegung relativ leicht ist. Nach wenigen Augenblicken Praxis mit diesem ominösen Seefahrzeug beherrschten wir den Mechanismus. Ein Steuerruder war noch zu betätigen. Glücklicherweise musste man keine höhere Seefahrerschule absolviert haben. Ok – und Sextanten musste man nicht beherrschen, um den richtigen Kurs zu steuern. Logbuch war auch nicht zu führen. Zunächst bewegten wir uns der Sonne entgegen, also etwa in Richtung Süden, der Gaststätte zu.
Wenn man so mutterseelenallein auf dem See schippert, kommt einem das Gewässer noch einmal so groß vor.
„Mach mit, bleib fit“ wird bei diesem Ozeanriesen großgeschrieben, will man gut vorankommen.
Wir sind mutig an den Gestaden des Sees entlanggeschifft. Vorbei an Inseln, auf denen junge Leute angelegt hatten, obwohl das Betreten verboten ist.
Ich möchte wissen, was sie dort wollten?
Unterwegs begegneten uns doch noch andere Wasserfahrzeuge, Segler,
Kähne, Paddelboote.
An einigen Untiefen fuhren wir uns fest, so dass ich aussteige musste, um das Gefährt wieder flott zu kriegen.
Mutti bestaunte ich, dass sie die weite Fahrt so mutig mit antrat. Als wir den See auf seiner breitesten Stelle überquerten, man sah das gegenüberliegende Ufer doch recht weit vor sich, merkte ich, dass sich die Mutti ab und zu ‚mal umschaute. Später sagte sie mir, sie hätte sich überzeugen wollen, dass wir auch wirklich vorankämen.
Als wir das andere Ufer schließlich erreichten, hörte ich doch plötzlich einen Stein ins Wasser plumpsen. Es war der von Muttis Herzen Gefallene.
Als ich unterwegs das Gefährt ‚mal verlassen wollte, protestierte die Mutti so heftig, dass ich’s lieber sein ließ.
Trotz anfänglicher Schwierigkeiten, Seeleute stechen gewöhnlich nur an Freitagen dem 13. nicht in See,fanden wir unsere Seefahrt ergötzlich.
Wieder im schützenden Hafen angelangt, erfuhren wir von den nun gesprächigeren Ausleihdamen, dass, wenn man den See in Ufernähe umrundet etwa 15 km zurückzulegen seien. Durch unsere „Ozeanüberquerung “ verkürzten wir den Seeweg.
Außerdem erfuhren wir nun noch von der Geschichte des Knappensees. Wie ich richtig berichtete, handelt es sich um ein Braunkohlenabbauerestloch. Während der Kriegsereignisse ist es von den Siegermachttruppen bewässert worden. Vorgesehen war eigentlich das Loch mit Abraum voll zu spülen. Aus der Not ist nun eine Tugend geworden und dieses bezaubernde Urlaubsidyll entstand. Empfehlen kann ich, wenn Ihr ‚mal wieder da seid, dass Ihr Euch das ‚mal anseht. Wir werden sehen, ob sich dazu einmal eine Möglichkeit ergibt.
Vielleicht lässt es sich schon im nächsten Jahr einmal paar Tage nutzen, wenn Hardys Ungarn hier sind.
Rechtzeitige Planung ist notwendig, da der Campingwagen doch recht frequentiert ist.
Wolfram, der Oma und der Tante werden wir den See vorher einmal vorstellen. Ich denke dabei an den neuen Wagen, der eingefahren werden muss.
Abends sah ich mir natürlich auch die Sportsendungen an. Welch ein Wunder, Riesa gewann gegen Aue 3: 1. Vorige Woche hatte man 7: 1 verloren.
Kein Wunder, dass man auf Grund dieser Riesaer Leistungen im Toto nicht gewinnen kann.
Die einzige Stabilität unserer Mannschaften ist die Instabilität.
Vom Sonntag ist eigentlich wenig zu sagen. Wie an jedem Sonntag, wurde etwas länger geschlafen.
Es dauerte dann auch nicht lange und der Mittag forderte auf, zum Essen zu gehen. In der Gaststätte aßen wir recht gut.

Badefreuden

Hauptereignis am Sonntag sollte sein, schwimmen zu gehen.
Tatsächlich bliesen wir dann die Luftmatratzen auf und ab ging’s an’s Wasser. Zunächst war’s Nass ja ein bisschen kalt. Aber, wir sind’s ja von der Ostsee nicht anderes gewöhnt, es ließ sich aushalten.
Erfreulich ist hier, dass es fast keinen Wellengang gibt. Still ruht der See.
Die Mutti ist eine fleißige Schwimmerin. Sie stellte stolz fest, sie habe noch Hundert Schwimmzüge geschafft! Bei mir sieht’s etwas trüber aus. Ich war noch nie ein großer Schwimmer, obwohl ich in Wiesbaden, damals auf der Militärschule, das so genannte Reichssportabzeichen absolvieren konnte. Es muss aber schon länger her sein! ? Man musste das Schwimmen einigermaßen beherrschen. Getaucht musste in stehendem und fliesendem Wasser werden. Außerdem konnte ich die Bedingungen der Lebensrettungsmedaille der Deutschen Lebensrettungsgemeinschaft erfüllen. Ich entsinne mich noch, eine Bedingung war bei diesen Schwimmübungen, dass man angezogen eine bestimmte Strecke im fliesendem Wasser schwimmen und am Ende die nassen Klamotten, die wie Blei schwer waren, ohne sich am Ufer festzuhalten aus dem Wasser ans Ufer werfen musste. Damals überlebte man es noch, wenn man Rheinwasser schluckte. Ob das heute noch so ist, wage ich zu bezweifeln.
Ein bisschen ängstlich bin ich durch mein Ischiasbein geworden.
Jetzt schnaufe ich ganz schön, wenn ich im Wasser bin.
Manchmal bekomme ich einen Krampf im Bein beim Schwimmen. Als Wasserleiche irgendwo angeschwemmt zu werden, ist nicht gerade das schönste Gefühl. Auf der Luftmatratze bin ich aber noch dicke da!
Man glaubt gar nicht, wie schnell der Tag verging.
So nun bin ich auf der Höhe der Ereignisse.

Noch nicht Silberhochzeit

Montag, 16.9.1974 Ihr werdet dem Tag keine besondere Bedeutung beimessen. Wir tun es aber. Welch ein Wunder, ich habe unseren Ehrentag tatsächlich ‚mal nicht vergessen. Die Mutti wirkte allerdings als leichte Gedankenstütze.
Wir sind heute 24 Jahre verheiratet und feierten demzufolge unseren 25 Hochzeitstag.
Jungs, wisst Ihr, was das bedeutet?
Ein Vierteljahrhundert glücklich zusammenzuleben. Ich glaube es sagen zu können, mit Muttis Genehmigung, dass wir die 24 Jahre glücklich waren. Es gab, wie kann es anders sein, Höhen und Tiefen. Insgesamt ist jedoch feststellbar, dass wir uns beide in die Augen schaun können, ohne das einer mit flackerndem Blick weggucken muss.
24 Jahre verhei- hei – ratet zu sein, mit derselben Frau, das erscheint heute, im Zeitalter der Ehescheidungen, doch beinahe antiquarisch zu sein.
Wir sind uns einig, uns von diesem Weg nicht abbringen zu lassen.
Euch wünsche ich, wenn Ihr Euch ‚mal eine Partnerin sucht, dass gleiche Grundsätze Priorität hätten.

 

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