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Mit Kindheitserinnerungen muss ich beginnen:
Im Gegensatz zu seinem ersten Sohn, hatte mein Großvater väterlicherseits für sein drittes Kind, seinen zweiten Sohn, meinem Vater, keine besondere Ausbildung vorgesehen. Er musste im elterlichen Betrieb als Korbmacher arbeiten.
Die Chance bestand, den Betrieb einstmals zu übernehmen. Am Klavier konnte er sich ausbilden lassen Er stand mehr oder weniger im Schatten seiner beiden älteren Geschwister.
Erst als sein Bruder mit seiner Familie scheiterte und aus dem Leben schied, nahm er in der Familie einen geachteteren Platz ein.
Das Familieneinkommen in der Inflationszeit der Zwanzigerjahre war gering . Schmalhans war Küchenmeister in unserer Familie.
Als der Vater später zusätzlich Gemeinde-Steuereinnehmer und Standesbeamter wurde, besserten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse.
Auf der Dienst-Schreibmaschine der Gemeinde konnte ich als Autodidakt das Zehnfingerschreibmaschineschreiben erlernen.
Um des Klassenlehrers Kurzschriftbemerkungen auf dem Pult und im Klassenbuch zu entziffern, wurde im Selbststudium Kurzschrift geübt.
Gottfried Bauch, mit dem eine lebenslange Freundschaft bestand, half dabei, indem er die Kurzschriftübungen korrigierte.
Beide Fertigkeiten waren fürs spätere Berufsleben und sind es heute noch, besonders nützlich.
Aus der Grundschulzeit in Staucha ist erinnerlich, dass der Lehrer Möbius dem HB. auf den Weg gab: „Böttcher merke dir, blinder Eifer schadet nur!“
Er hatte recht, ein wenig Übereifer schoss manchmal über’s Ziel hinaus.
Nach einem wenige Monate währenden Intermezzo in der Handelsschule in Riesa.Erinnerlich ist eine saftige Maulschelle vom „Doktor“ im Englischunterricht, war eine Bewerbung in einer Militärschule in Dresden erfolgreich. Die Züchtigung durch den Englisch-Doktor erfolgte, weil der Schüler das „the“ nicht ordentlich genug mit der Zunge unter der oberen Zahnreihe am Gaumen angelegt ausgesprochen hatte.
Am Tag des Abschiedes vom Zuhause war für die Korbmacherei des Großvaters auf dem Güterbahnhof in Stauchitz ein Waggon Korbweiden auszuladen. Aus Polen wurden sie importiert. Hiesige Korbweidenanlagen reichten für den Bedarf zur Herstellung von Weidenkörben nicht mehr aus. Die Landwirtschaftbetriebe benötigten für die Hackfruchternte Weidenkörbe. Die später Weidenkörbe ersetzende Holzkisten hatten sich in unserem Gebiet noch nicht durchgesetzt.
Hans musste helfen, durfte rechtzeitig mit dem Rad nach Hause fahren, sich gründlich säubern, in den Konfirmationsanzug stürzen, das Fahrrad den Korbweiden – Entladern übergeben und vom Abteilfenster zum Abschied winken.
Mit 14 Jahren, mit 162 cm Körpergröße, wurde die Aufnahmeprüfung in Dresden bestanden.
Von den Vorwenderegime – Stasi -Informanten wurde mir angedichtet, ich sei auf einer Nazi-Ordensburg erzogen wurden, ist eine böswillige Entgleisung. Ich begann meine militärische Laufbahn auf einer Heeresunteroffiziers-Vorschule in Dresden. Später wurde die Ausbildung auf einer Heereskadetenanstalt in Wiesbaden-Biebrich fortgesetzt.
Die militär-sportliche Strapazierung führte nach einem Jahr zu einer Körpergröße von 187 cm.
Bislang an Körpergröße der Längste in der Familie.
Inzwischen überflügeln die Enkel den Opa.
An Zivilkleidung war im Kriege nicht mehr zu denken. Zu kaufen gab’s keine Anzüge, vorhandene waren viel zu klein geworden durch das In-die-höhe-schiessen. Nach etwa einem Jahr, erster Urlaub. Zwischenzeitlich besuchten Mutter und Schwester Johanna den kleinen Soldaten in Dresden. Bei der Luftwaffe war der Vater in Holland im Einsatz.
Wohlschmeckend und Aufsehen erregend wurde Mutters „Bebe“,ein Napfkuchen,in einem Terrassenkaffee in der Nähe des Dresdener Hauptbahnhofes verzehrt. Die Dresdner konnten sich zu dieser Zeit auf Brotmarken ein Stück Roggenmehlkuchen leisten.
Unser öffentliches Schlemmerdasein erregte Aufsehen. Vom Inspektionschef hatte ich bei Mutters Besuch Stadtausgang erhalten. Ebenso bei einem Besuch meines Freundes Gottfried Bauch. Davon ist ein Foto vorhanden. Durch mein explosionsartiges Wachsen um über 20 cm in Dresden sehen wir beiden Fotografierten wie Pat und Patachon aus.

Die Zeit in Wiesbaden

Im 2.Jahr der Kadettenzeit erfolgte die Versetzung nach Wiesbaden – Biebrich. In sehr harter körperlicher und geistiger Ausbildung wurden in der „Hindenburgkaserne“, dem jetzigen Bundeskriminalamt, die Voraussetzungen zur Offizierslaufbahn erworben.
Mit 19 Jahren erfolgte nach einer achtwöchigen Arbeitsdienstzeit bei Prüm in der Eifel,die Versetzung in die zukünftige Truppe.
Das Schussfeld, des in diesem Gebiet befindlichen Teile des Westwalls, wurde von uns freigelegt.
Später erfuhr man, dass diese Mühe vergeblich war. Dort, wo die Amerikaner mit den Befestigungsanlagen in Berührung kamen, sollen sie mit Panzern mit Schiebeschild die Schiessscharten einfach zugeschippt haben.

In Berlin-Stahnsdorf begann die Ausbildung als Panzerspähmann in einer Fahnenjunkersondereinheit.
Frontnah wurde die Ausbildung gestaltet. Sie war sehr hart bis schikanös. Glaubte man eine Woche überstanden zu haben, wurden sonnabends noch einmal sämtliche Register preussischen Drills gezogen. Kleinster Anlass einer Verfehlung bedeutete Strafexerzieren mit ausgebauter 2 cm Panzerkanone im märkischen Sand. Nach dieser Tortur war das Geschütz unbrauchbar und musste nach Zeitlimit funktionsfähig wieder hergestellt werden. Wer das „Glück“ hatte, die zentnerschwere Lafette mit einem Leidengenossen zu bewältigen, konnte Blut schwitzen bei solcher Schinderei. Inzwischen hatte die „Mutter“ der Inspektion, der Hauptfeldwebel, die Unterkünfte einer gründlicher Revision unterzogen.
Eine angebliche Verfehlung beim „Bettenbau“ bewirkte, dass die gesamte Inspektion mit den Betten auf dem Kasernenhof antreten musste. Welches Chaos sich auf den Fluren und den Treppen abspielte, ist kaum zu beschreiben. Man stelle sich vor, mehr als hundert Mann, jeweils zu Zweit, rammeln mit Soldatenbetten über mehrere Etagen auf den Hof. Nachdem die Abnahme mit dem: „Warum nicht gleich so?“ endete, geschah das Gleiche in die Zimmer zurück.
Erleben konnte man, dass bei einer Spindkontrolle entdeckte angebliche Fehler, der gesamte Inhalt der Soldatenschränke sich in der Mitte des Zimmers auf einen Haufen zusammengeworfen wiederfand. Ein kleines Kunststück war es, sein Eigentum aus dem Wirrwarr zu finden und das Zeitlimit zur tadellosen Herstellung der Schrank- und Zimmerordnung einzuhalten. Beeindruckend war die Tatsache, dass Ausbilder sich in Grausamkeiten zu übertreffen suchten.
Durch die jahrelange militärische Ausbildung in Wiesbaden bestand bei mir die Voraussetzung, als Musterbeispiel vor dem auf dem Kasernenhof versammelten Offizierskorps vorgeführt zu werden.

Militär – und Kriegsbegebenheiten

Der Fahnenjunker B. beherrschte das „Hinlegen“ nach Heeresdienstvorschrift perfekt und wurde somit mehrmals zum Schauobjekt.
Zur deutschen Gründlichkeit gehörte, dass dieser Teil der Ausbildung vom
Offizierskorps besondere Beachtung fand.
Preussischer Kasernenhofdrill beherrschte die Denkweise der Ausbilder.
Meine Kurzschrift – und Schreibmaschinenkenntnisse verhalfen dazu, dass ich mit dem Inspektionschef Verwaltungsarbeiten ausführen durfte. Zur Schießausbildung waren kilometerweite Märsche erforderlich. Meine „Leidensgenossen“ marschierten strapaziös durch die Berlin-Potsdamer Wälder. Mit dem VW-Kübel fuhr ich mit dem Chef zurück. Neidprobleme kamen auf.
Fahrerlaubnis für Lkw und Vierrad- sowie Achtrad – Panzerspähwagen gehörten zum Ausbildungsprogramm.
Um Dieselkraftstoff zu sparen, hatte man den Fahrschul-Achtradpanzerspähwagen auf Holzgas umgerüstet. Zur Strassenfahrerei genügte dieser Antrieb.
Der Schwelvorgang zur Gewinnung des Antriebsgases erzeugte einen ekelerregenden Gestank, der sich im Inneren des Panzers ausbreitete und dazu anregte, dass man sich übergeben musste.
In Insterburg in Ostpreußen erfolgte die so genannte kriegsnahe Ausbildung.
Opfer unter den Kameraden waren zu beklagen. Beim Durchschwimmen der Memel in eiskaltem Wasser, erlitt ein Auszubildender Herzversagen.
Bei einer nächtlichen Nahkampfübung wurde ein Kamerad mit Platzpatronen tödlich verletzt. Der Schuss erfolgte zu nahe am Körper und die Holzsplitter der Platzpatrone trafen das Herz.
Mit einem Einsatz im Urwald von Bialystock und der Beförderung zum Fahnenjunkerunteroffizier schloss dieser Ausbildungsabschnitt ab.
Miterlebt wurde, wie allnächtlich die Bahnlinie Warschau-Minsk durch Partisanen gesprengt wurde. Riesige Materialverluste zeigten die rechts und links der Bahnlinie liegenden Dampfloks und Güterwagen.
Obwohl zum Schutz der Bahnlinie in regelmässigen Abständen MG-Nester postiert waren, konnten die von Partisanen angerichteten Schäden nicht vermieden werden. Besetzt war das Bewachungssystem mit von den Deutschen befreundeten Verbündeten.
Ein junger Soldat hatte nach Dienstschluss Ausgang erhalten zum Eiereinkaufen. Beim Waffenreinigen nach der Rückkehr stieß er seine Maschinenpistole mit angestecktem Magazin auf den Tisch so heftig auf ohne die Waffe gesichert zu haben, dass sich das gesamt Magazin auf Dauerfeuer stehend entlud. Ein Kamerad wurde regelrecht durchsiebt. Wir anderen Stubeninsassen hatten Glück. Die Kugeln drangen über unsere Körper und Köpfe hinweg in die Wand. Der Unglücksrabe war der Sohn eines Generals. Vom Kriegsgericht wurde er zu einer Strafkompanie kommandiert.
Mit unseren geländegängigen Panzerspähwagen war in dem sumpfigen Urwald wenig anzufangen. Bei Einsätzen und Übungen beschäftigten wir uns vorwiegend damit, die Fahrzeuge wieder aus dem Morast zu befreien.
Görings Sonderzug, bestückt mit Radar und allen Flakkalibern, erlebten wir auf einem Abstellgleis.
Der Herr Reichsmarschall geruhte im Urwald von Bialystok zu jagen.
Wenige Kilometer feindwärts starben täglich Tausende.
In Warschau – Praga wurde miterlebt, wie die Transportzuglokomotive von polnischen Saboteuren zum Entgleisen gebracht wurde.
Vorher hatten findige Kameraden versucht, aus einem auf dem Nebengleis des Transportzuges stehenden beschädigten Messerschmitt ME 109 Flugzeuges die Batterie des Kabinenabwurfmechanismus auszubauen und waren damit in die Luft geschleudert worden. Passiert war den Kumpels weiter nichts. Zur Strafe musste die gesamte Schwadron nebenan auf dem Acker Strafexerzieren erleiden. Ich hatte Glück, da ich zur Zeit Dienst in einem Panzerspähwagen hatte, der die Transportzugbewachung sichern sollte.
Die Batterie sollte die Beleuchtung im Transportwagen ermöglichen.
Während dieser gesamten Tortur hatte inzwischen ein herbeigeeilter Eisenbahnkran die Lok wieder in die Gleise gehoben und wir konnten den Rücktransport nach Insterburg in Ostpreußen fortsetzen.
Nach einem so genannten Abstellungsurlaub, der zu Hause mit einer unwahrscheinlichen Erdbeervergiftung endete, ging es zurück nach Berlin-Stahnsdorf. Mutti hatte ihrem grossen Sohn zum Abschied die normalerweise köstlichen Früchte aufgehoben. Offensichtlich hatte ein ungünstiger Umstand zur nichtbeobachteten Verderberscheinung geführt.
Noch nie wieder in meinem Leben fühlte ich mich so elend, wie in diesem Moment der Erdbeer-Vergiftung. Das Innere wurde nach außen gekehrt.
Wenn man sich fortwährend Übergeben muss, wird jede Minute zur Qual.
Ein Zugbegleiter hatte ein Einsehen und überliess mir in dem völlig überfüllten Zug von Riesa nach Berlin ein ausserodentlich unbequemes Gepäcknetz. In ihm konnte ich liegend den Organismus wieder beruhigen.
Mit Zwieback gelang schließlich wieder die Normalität.
Über Wien, Ungarn, die Karpaten ging´s nach Jassy in Rumänien zur 24. Panzerdivision.
Im Prater in Wien war von SS-Helferinnen erstmalig umfassend über die „KZ-Verhältnisse“ zu erfahren. Bei einer Riesaenrad-Fahrt lernten wir sie kennen. Was sie nach Wien verschlug, blieb im Dunkeln.
Mit einem blonden, aus Schleswig-Holstein stammenden, Mädchen schrieb ich mich eine Zeit lang. Da sie Funkerin war, wurde sogar der Funk-Code des leistungsfähigen Senders unseres Panzerspähwagens ausgetauscht. Zu einer Verbindung kam es jedoch nicht. Überforderungen im Kriegsgeschehen liessen dem jungen Mann keine Zeit, sich mit amourösen Funkverbindungen zu beschäftigen.
In Rumänien und auf dem Wege dorthin traf ich 2 Stauchaer Bekannte.
Mantzsch Kurt aus Steudten und Thierbach, damals bei Möbius Ida wohnend, waren es.
Frau Möbius ist die Frau, die als eine der ältesten Bürgerinnen unseres Ortes, beide Heimatfestlieder von 1929 und 1969 auf der Festwiese anlässlich eines Heimatfestes sang.
Mit Mantsch stieß ich auf einem Bahnhof zusammen. Vollbehangen mit gefüllten Feldflaschen prallten wir aneinander. Erst wollte ich böse werden. Als ich sah, dass es ein Stauchaer war, verflog der Ärger über den Zusammenstoß. Es blieb wenig Zeit, den Treff auszukosten.
Nach kurzem Fronteinsatz im Frontbereich in Jassy in Rumänien in der Panzerspähschwadron, sollte es zur Neuaufstellung nach Ostpreußen gehen. Aus Südosteuropa nach Nordosten im deutschen Machtbereich.
Erstaunlich war dieser Vorgang deshalb, weil eine Verschiebung einer Division, auch wenn sie nur noch aus Fragmenten bestand, über so riesige Entfernungen keine Kleinigkeit darstellte. Wollte man der strapazierten Truppe während des Transports eine gewisse Erholung gönnen? Die sich überstürzenden Ereignisse zwangen jedoch zu ganz anderen Entscheidungen. An der Front hinter Jassy mussten wir tagelang „Geräuschkulisse“ fahren. Die Russen sollten glauben, Panzerverbände würden aufmarschieren.
Die 24. Panzerdivision, unter dem Kommando des Reichsfreiherrn von E., war stark dezimiert.
Seine Devise lautete: „Meine Division ist so lange kampffähig, bis sie unter einer Eiche aus einer Feldküche essen kann!“
Man sagte diesem Haudegen nach, dass er im Kriege nie in Urlaub gefahren sei. Seine Frau ließ er angeblich an die Front kommen !?
Man sieht, Hardlinern machte auch „Kriegsspielen“ Spaß !?

Am 20.7.1944

befand sich die Panzerspähschwadron auf einem Güterzug in Mittelungarn. Verbunden mit dem Anschlag auf Hitler war die von Göring verkündete Einführung des so genannten „Deutschen Grußes“, also der ausgestreckten rechten Hand. Nicht mehr militärisch, durch Handanlegen an die Mütze, sondern mit ausgestreckter Hand war zu grüßen.
Im als Radio umfunktionierten Funkgerät wurde diese Neuerung gehört und sofort von mir umgesetzt. Sie führte zu einer erheblichen Konfrontation mit dem Hauptwachtmeister, der nicht so aktuell informiert war.
Hauptwachtmeister werden Hauptfeldwebel, so genannte Mütter der Schwadronen,
in Traditionseinheiten, früheren Kavallerieformationen, genannt.
Durch den nicht ausgeführten militärischen Gruß mit aufgesetzter Kopfbedeckung durch Handanlegen an die Mütze, sondern mit ausgestrecktem Arm, fühlte er sich provoziert und führte mit dem jungen Fahnenjunkerunteroffizier Strafexerzieren vor versammelter Mannschaft durch. Sobald der Frontbereich verlassen war, herrschten wieder strengere militärische Sitten. Zugleich zeigte diese Reaktion, dass in Heereseinheiten durchaus eine gewissen Anti-Haltung gegenüber Nazi-Symbolik bestand.
Vor dem Schwadronschef konnte ich nach der Tortur beweisen, dass ich mich entsprechend der neuen Lage korrekt verhalten hatte.
Die später durchgeführte Rehabilitierung vor versammelter, vor dem Transportzug angetretenen Panzerspähschwadron hatte zur Folge, dass ein sehr angespanntes Verhältnis zwischen dem Hauptwachtmeister und dem noch nicht einmal Neunzehnjährigen entstand. Der gesamte Fronteinsatzzeit blieb davon überschattet. Bei jeder nur denkbaren Gelegenheit durfte ich Sonderdienste ausführen. Kam ich mit meinem Panzer- Spähtrupp vom Fronteinsatz zum Divisionsgefechtsstand zurück, nicht selten todmüde, dauerte es nicht lange und ich musste beim Hauptwachtmeister antanzen.
Er konnte es nicht verwinden, dass er sich vor versammelter Mannschaft vor dem jungen Schnösel hatte entschuldigen müssen.
Als ich mir in einer polnischen Stadt an der rechten Hand durch einen Sturz über eine Betonplatte eine Verletzung mit Blutvergiftungserscheinung zuzog, drohte er mir sogar Kriegsgericht an. Ich solle mir gar nicht einbilden, dass ich mich mit so einer Lappalie vorm morgigen Einsatz drücken könne, stellte er fest. Mit der unverbundenen linken Hand führte ich die erforderlichen Handhabungen im Panzerspähwagen aus.
Als wir vom Spähtruppeinsatz zurückkamen und eine erbeutete russische Pak mitbrachten, belobte uns der
Divisionsgeneral Reichsfreiherr von E: „Gut Jungs !” Eine Tafel Schokolade gab’s als Präsent. Für die Länge des Krieges war das etwas Besonderes.
Man musste sich fragen, wo der Herr Reichsfreiherr denn diese exotische Leckerei noch herhatte.
Die russischen Paks (Panzerabwehrkanonen) übrigens waren unsere ärgsten Gegner. Trafen sie uns mit panzerbrechender Munition, so durchschlug das Geschoss unsere 16mm Panzerung von vorn bis hinten.
Den Gegnern so eine Waffe abgenommen zu haben, war ein Hoffnungsschimmer einmal weniger getroffen zu werden.

Zur Schließung einer Frontlücke ging’s mit den stark dezimierten Resten der 24. Panzerdivision von Ungarn aus über den Duklapass nach dem polnischen Lemberg, dem heutigen russischen Wlow.
An eine Neuaufstellung war nicht mehr zu denken. Die Ereignisse um den 20. Juli 1944 hatten im Mittelabschnitt der Ostfront erhebliche Schwierigkeiten verursacht. Eine Frontlücke musste mit allen verfügbaren Kräften versucht werden, zu schliessen
In letzter Sekunde konnte die gesamte Technik vom Transportzug heruntergebracht werden.
Ich hatte die Aufgabe, die Entladung zu beaufsichtigen. Auf dem Schutzblech eines Opel – Lkw geklammert, entkamen wir den auf der gegenüberliegenden Seite des Güterbahnhofes mit Panzern einrückenden, wild um sich schiessenden, aber nicht treffenden, Russen.
Nach verlustreichen Rückzugsgefechten bis in die Höhe von Krakau, die Russen hatten die Weichsel schon überwunden und wir standen noch östlich davon, war die so genannte Frontbewährung für mich beendet. Wieder in Berlin-Stahnsdorf und von da nach Freienwalde an der Oder versetzt, sammelten sich die „frontbewährten“ Fahnenjunker.

Ein Mädchengymnasium

hatte von der „Sondertruppe“ Kenntnis erhalten und lud zum Abi-Abschlussball ein. Artig, mit Blumenstrauß bewaffnet, ging es zur Aufwartung zu den Eltern der jungen Damen. Zur Vertiefung der angeknüpften Beziehungen blieb keine Zeit.
Die bedrohlich näher rückenden Russen mussten in einem Brückenkopf bis nach Bad – Schönfließ , etwa 50 km zurück gedrängt werden.
Mit von der Bevölkerung requirierten Fahrrädern und Holzgas -Lkw´s musste Krieg geführt werden. Völlig eingeschlossen, erfolgte am 30. Januar 1945 nach Hitlers Rede, der Befehl zum Durchschlagen an die und über die zugefrorene Oder. In nächtelangem, abenteuerlichen Rückmarsch gelang es, inmitten der Russen bis zur Oder und über die tragfähig zugefrorene Oder zu den deutschen Linien zu gelangen. Nur nachts konnten wir uns bewegen. Uns gelang es, die Deutschen zu verständigen, damit sie uns beim Überschreiten der Oder unbehelligt liessen. Tückisch war die Eisdecke. Ein Kamerad betrat eine dünne Stelle, brach ein und war rettungslos verloren. Die starke Strömung des Flusses riss ihn in den Tod.
Durch die starke Kälte ließen die Russen nachts die Panzermotoren laufen. Damit hatten wir eine Orientierungshilfe. Sie ließ uns Berührung mit dem Gegner vermeiden. Flussabwärts sahen wir Angriffshandlungen über die zugefrorene Oder. 8,8 Flak aus Berlin, die hinter dem Oderdamm stationiert war, bekämpfte russische T34, die auf der östlichen Uferstraße fuhren. Einigen Kampfwagen wurden die Türme abgeschossen.
Eine Kuhherde konnte von uns noch über eine intakte Brücke der Oder getrieben werden. Russische Scharfschützen versuchten die Aktion zu stören von einem Kirchturm aus.
Nach diesem Einsatz erfolgte die Zurückversetzung nach Berlin.
Wochenlang mussten in der Hauptstadt alte Männer zu Volkssturm ausgebildet werden. Abends fuhren wir mit der S-Bahn zur Stadtmitte, um zu helfen und zum Teil auch zu Veranstaltungen.
Einer Aufführung der 7. Symphonie Beethovens konnten wir beiwohnen. Das besondere dabei war die Tatsache, dass die Darbietung bereits begonnen hatte.
Als ein hoher NS-Funktionär verspätet eintraf, musste sie noch einmal begonnen werden.
Beim Waffenunterricht, während der Ausbildung älterer Männer, fiel einem eine Waffe aus der Hand und auf meine auf dem Tisch liegende Armbanduhr. Sie war damit unbrauchbar und ich ohne Uhr.
Menschen buddelten wir in Berlin aus zerbombten Häusern.
Einem Barbesitzer retteten wir seine gesamten Alkoholikabestände. Er bedankte sich mit holländischem „Bols“.
Plünderungen und irgenwelchen Aneignung von gefundenen Gegenständen bei den Enttrümmerungen wurden standrechtlich geahndet.
Im Zoobunker mussten wir Transportarbeiten für die auf dem Dach des Bunkers tätige Flak ausführen.
Beeindruckend waren die Abschussergebnisse, nachdem nach einem Volltreffer die 8,8 Flak durch 12,5 Zwillings-Flak ersetzt worden war.
Als ich mit Kameraden mit der S-Bahn in Berlin unterwegs war, salutierte plötzlich auffällig vor mir ein Soldat. Bei nährem Hinsehen stellte sich heraus, dass er ein Stauchaer, Paumer Werner, war. Er lebt jetzt in den USA und es soll ihm nicht sonderlich gut gehen. Das dort von unserer Altersversversorgung abweichende Sozialsystem, bringt offensichtlich alten Menschen keinen uns verständlichen Lebensabend. Man konnte auch zu dieser Zeit sagen : „Berlin ist doch ein Dorf“. In solchem Ameisenhaufen jemanden Bekanntes zu treffen, war ungewöhnlich.

Wie durch ein Wunder geschah dann im Februar 1945 durch das Oberkommando der Wehrmacht die Versetzung zur Waffenschulausbildung nach Haderslev in Dänemark.
Auch zu diesem Zeitpunkt, wo das Wasser uns Deutschen bereits wesentlich höher als zum Hals stand, hatte offensichtlich die Nachwuchsausbildung noch einen gewichtigen Stellenwert. Im Bombenhagel eines alliierten Angriffs ging´s zum Anhalter Bahnhof und von da aus gen Norden.
Man konnte kaum glauben, dass die Bahnlinien in Berlin noch befahrbar seien.
Trotz allem fuhren wir.
Welchen tatsächlichen Erwägungen diese Geschehnisse zu Grunde lagen, uns nicht vor Berlin, an der Oder, zu verheizen, kann man nicht nachvollziehen. Waren es Söhne von Generalen, über denen unsichtbare Engel wachten ? Waren es tatsächlich Überlegungen, die darauf aus waren, für künftige Ereignisse, Nachwuchs auszubilden?
Als noch nicht Zwanzigjähriger und für die militärische Laufbahn sich entschiedener Mensch, war man in das Räderwerk der Kriegsmaschinerie eingebunden. Und zu diesem Zeitpunkt war man verblendet genug zu glauben, dass es noch eine Fügung gäbe, die eine Wende des Geschehens brächte.
Die Propaganda hatte ihr Übriges getan.

Während der Ausbildung

In Haderslev entging ich in einer dreißig Mann starke Ausbildungseinheit einem Anschlag. Scharfe Handgranaten waren zum Einsatz ohne Verzögerungssatz vom Feuerwerker ausgeliefert worden. Zur kriegsnahen Ausbildung war ein Einbruch in einen feindlichen Graben mit Handgranatenwurf vorgesehen. Hätte nicht der Ausbildungsoffizier vor der Anwendung durch die Offizierschüler eine Handgranate gezündet und sich dabei lebensgefährlich verstümmelt, hätten dreißig junge Deutsche das Kriegsende nicht oder zu Krüppeln entstellt erlebt.
Kräfte des Widerstandes, versuchten zu sabotieren.
Ob es sich um Fahrlässigkeit oder bewusstes Vorgehen des Feuerwerkers handelte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ein frontbewährter Offizier, Ausbilder an einer Waffenschule, war ausgeschaltet worden. Dass er überlebte, beide Hände waren zerfetzt und der Leib voller Splitter, glich einem Wunder.
Bei mystischer Betrachtungsweise, konnte man auch hier eine schützende Hand durchaus erkennen.
Ganz ungefährlich war auch der Aufenthalt in Dänemark nicht. Von Schweden aus, versuchte die Dänische-Freiheitsbewegung zu stören. In Städten verschwanden täglich Soldaten auf „Nimmerwiedersehen”. Nur zu zweit, war Stadtgang möglich.

Im Gegensatz zu Deutschland, lebte man in Dänemark versorgungsseitig, als sei nichts gewesen.
Schlagsahnetorte war eine der lukullischen Genüsse, neben vielen anderen in der Heimat nicht mehr vorstellbarer Köstlichkeiten.
Die beinahe wunderbare Fügung dieser Erlebnisse wurde abgerundet mit der Beförderung zum Leutnant noch im April 1945. An Härte hatte es in der Ausbildung nicht gefehlt. Tag und Nacht blieb uns nichts erspart.
Die verbrauchten Energien ließen sich ersetzen durch Schlemmereien in der
Freizeit. Sie wurden weidlich genutzt, sofern das Geld dazu reichte. Die kärgliche Löhnung allein reichte dazu nicht aus. Ab und zu kamen vom lieben Opa Oskar von Daheim 50 Mark, die in Kronen umgetauscht werden konnten.
Bei Nachtübungen wurde der Energieverbrauch schon mal ersetzt durch einen Schluck aus einer Milchkanne eines dänischen Bauern.
Die Beschwerden bei der deutschen Kommandantur häuften sich,
Niemand war´s gewesen.

Als Krönung alles dessen muss jedoch das Kennenlernen einer älteren dänischen Dame, die als Bibliothekarin tätig war, angesehen werden.

Fräulein Frieda Langlo,

eine stattliche Frau, lud einen Kameraden und mich zum Abendessen zu sich ein. Es war fantastisch, was sie uns anbot. Wissenshungrig liehen wir uns in ihrer Bibliothek Bücher aus. Man kam ins Gespräch. Man hatte den Eindruck, sie sah uns als ihre Söhne an. Als Deutsch-Dänin war es ihr offensichtlich eine Freude, jungen Deutschen, die sich ihr gegenüber anständig, ritterlich, verhielten, Gutes zu tun. Sie war Alleinstehend und führte einen gepflegten Haushalt. Welche Herzensgüte sie besaß, kommt aus späteren Ausführungen zum Ausdruck.
Selbst als wir Dänemark verlassen mussten, packte sie uns einen Rucksack voller Lebensmittel. Hauptinhalt war ein mehrere Kilogramm schweres „Schweizer-Dänisches-Käse-Rad“. Es sollte sich später als Lebensretter bewähren.

An anderer Stelle beschrieb ich, dass ich Fräulein Langlo für ihre Hilfsbereitschaft brieflich dankte. Daraus entwickelte sich eine Jahre währende Freundschaft. In selbstloser Weise versorgte die alte Dame unsere Familie in den schweren Mangelzeiten mit Lebensmitteln und nicht nur uns.
Sie hielt es für unglaublich, dass es uns nicht möglich sein sollte, sie nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Fünfzigerjahren,zu besuchen. Ihre Briefe in einwandfreiem Deutsch und einer vorzüglichen Handschrift geschrieben, zeugten von einem herzensguten, gütigen Menschen und waren eine Augenweide.
Jahrelang korrespondierten wir mit ihr voller Dankbarkeit dafür, welche Hilfe sie mir und später auch noch meiner Familie angedeihen ließ.

Zur Kapitulation

waren wir auf dem Hof unserer Unterkunft im offenen Karree angetreten und ein Jeep mit einem englischen Major fuhr ein. Ohne auszusteigen begann er mit englischem Akzent in Deutsch etwa folgendes zu sagen:
„Liebe deutsche Kameraden, der Anlass unseres heutigen Zusammentreffens ist für sie, wie ich mir denken kann, nicht besonders erfreulich. Aber ich kann ihnen die Mitteilung machen, dass wir, die Alliierten und die übriggebliebenen deutschen Truppen, gemeinsam gegen den Weltfeind Nr. 1, den Bolschewismus, kämpfen werden. Unser Ziel wird es sein, das weitere Vordringen der Russen nach Westeuropa zu verhindern. Sie erhalten einen Sonderstatus zunächst als Internierte !“
Dieser Akt endete schließlich mit drei Hurras.
Unzweifelhaft beflügelte diese Aussicht den jugendlichen Leichtsinn zu neuem Tatendrang, die zu diesem Zeitpunkt gerade eben zu Offizieren Beförderten.
Eine Zeit lang durften wir unsere Unterkünfte nicht verlassen. Die Dänische Befreiungsarmee marschierte ein. Sie hatte sich in dem neutralen Schweden bilden können. Man wollte Konfrontationen vermeiden.
Schließlich ging es soweit, dass wir Ausgang bekamen und mit Engländern gemeinsam im Café Schlagsahne schlemmten.
Bezahlen konnten wir, denn die Kriegskassen waren inzwischen auf alle verteilt worden.
Voll bewaffnet, kehrten wir aus Dänemark nach Deutschland zurück. Wäre Churchill nicht durch den Premier Attlee abgewählt worden, wären die Ankündigungen des Engländers unter Umständen in die Tat umgesetzt worden.

An der Grenze

versuchten die Dänen uns die Kronen abzunehmen.Wir glaubten mit den „Devisen” eine kleine Reserve zu haben, zum Überleben.
Die Dänen schützen sich, indem sie neue Geldscheine ausgaben. Unsere „Devisen” waren damit wertlos.

Eines Tages mussten wir in Schleswig Holstein auf einer Wiese unsere Panzer und Waffen ablegen und wurden nun unter bedrückenden Umständen auf der Halbinsel Eiderstätt interniert.
Wochenlang nur mit 100 Gramm Brot am Tage versorgt, half nun der Käse von Tante Frieda, zu überleben.

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