Feed auf
Postings
Kommentare

Landwirtschaftslehre in Liebenburg am Harz
Die Fahrt in meine neue Heimat, die ich durch Mithilfe eines Kameraden nach der Entlassung aus der Internierung in Schleswig-Holstein gewonnen hatte, war mit Hindernissen übersät. Zunächst, Ende 1945, benötigte man zur Zugfahrt eine Fahrkarte, die mit Besatzungsgeld bezahlt werden musste.
Von der britischen Militärverwaltung war Geld ausgegeben worden.
Aus der Internierung nördlich des Nord-Ostsee-Kanals entlassene Soldaten erhielten eine bestimmte Summe, damit sie die Heimatorte erreichen konnten.
Ausserhalb des Hamburger Hauptbahnhofes in langer Reihe anstehend, versuchte man eine Fahrkarte zu ergattern.
Durch Lautsprecheransage wurde mitgeteilt, dass eine bestimmte Serie Besatzungsgeldnoten ungültig geworden seien.
Wer solches Geld besaß, konnte keine Fahrkarte erhalten. Mein Geld galt. Ich rückte unversehens nach vorn.
Als ich auf dem Bahnhof einen Zug in Richtung Hannover erreichen wollte, war der Zug und der Bahnsteig wegen Überfüllung von der Bahnhofspolizei gesperrt.
Die Reisenden hingen schon vor Abfahrt des Zuges wie Trauben außen dran.
Mir fehlte die Lust, mich noch tagelang auf dem Bahnhof in Hamburg herum zu drücken.
Ich entschloss mich, von einem Übergang, unter dem der Zug bereitgestellt war, mit meinen Klamotten auf das Dach eines Waggons zu springen, um so mit dem Zug nach Hannover zu gelangen. Noch nicht Zwanzig Jahre alt, war man zu solchen Wagnissen bereit.
Der Sprung gelang, ohne Schaden zu nehmen, unbemerkt von der Bahnhofspolizei.
Ein Platz im Zug zu bekommen, war aussichtslos. Hoffnungslos überfüllt, musste selbst als Trittbrettfahrer um einen Platz am Zug gerungen werden. An irgendwelchen Aufhängvorrichtungen, Schrauben und Vorsprüngen befestigte ich meine Habseligkeiten. Als Trittbrettfahrer musste man nun zusehen, wie man die Fahrt überstehen konnte. Auf den Bahnhöfen, auf denen der Zug hielt, jagte die Bahnpolizei die

Trittbrettfahrer

von den Zügen. Glücklicherweise versuchten die Polizisten ihre Aufgabe immer von der Bahnsteigseite aus auszuführen. Um dem zu entgehen, hielten wir, die Draußen – dran – Mitfahrer, uns immer auf der entgegengesetzten Seite der Bahnpolizei auf.
Bei diesen Auf- und Absteigmanövern blieb ich an einem scharfen Gegenstand mit meinem linken Daumen hängen und riss mir eine schmerzhafte Wunde.
Zunächst war es zu ertragen. Mit der Zeit merkte ich aber, dass sich in den Barrieren am linken Arm, in der Ellenbogenbeuge und unter der Achsel Schmerzen bemerkbar machten. Es bildete sich ein roter Streifen entlang des linken Unterarms. Während der stundenlangen Fahrt blieb mir Zeit, zu beobachten, wie sich die Blutvergiftung den Arm entlang nach oben zog. Es beschlich mich zunehmend ein unangenehmes Gefühl. Die erste Barriere war vom roten Streifen bereits in der Ellenbogen – Beuge überwunden. Bis Hannover bin ich schließlich noch gekommen ohne ernsten Schaden zu nehmen. In der Bahnhofsmission wurde mir ein Kühlverband angelegt. Als Verletzter erhielt ich sogar einen Platz im Bunker unter dem Bahnhof. Platz fand ich unter einer Bank. Völlig erschöpft konnte ich dort meine Habseligkeiten unterbringen und erwachte erst wieder ziemlich kurz vor der Abfahrt des Zuges nach Goslar, in Richtung meines neuen Heimatortes Liebenburg am Harz.
Als ich mich unter der Bank hervor quälen wollte, bemerkte ich über mir acht

herunterbaumelnde Mädchenbeine.

Die Damen hatten meine Anwesenheit unter der Bank kaum zur Kenntnis genommen. Wollte ich mich aus dieser Lage befreien, blieb mir nichts anderes übrig, als mich bemerkbar zu machen.
Ich entschloss mich, mit einer Hand entlang der Unterschenkel der Mädchen eine Berührung durchzuführen. Mit einem kreischenden Aufschrei sprangen sie auf. Der Lärm schreckte die Umliegenden auf. Es gab kaum einen Fleck, auf den man hätte treten können. Mit letzter Not konnte ich mich aus meiner misslichen Lage befreien und das Weite suchen. Viel hätte nicht gefehlt und es wäre zu Tätlichkeiten gekommen.

Liebenburger Geschichten

Bei Herrn von Sch.H. fand ich mit mehreren ehemaligen Kameraden, die nach und nach eintrafen, zunächst Familienanschluss. Gemeinsam hatten wir mit dem Wolfram von Sch-H. Haderslev in Dänemark die Waffenschule absolviert.
Er hatte mir ein Unterkommen im Betrieb seines Vaters zugesichert.
Die Eltern meines Kameraden betrieben eine Domäne. Einen Landwirtschaftsbetrieb von etwa 350 ha Größe.
Das Gut entsprach einem großen Rittergut nach unserem Verständnis.
Nach vier Seiten ist es mit Wirtschaftsgebäuden umbaut, ein so genannter Vierseitenhof.
Untergebracht war ich zunächst in Wolframs Zimmer. Die alten Herrschaften hatten das eigentliche Herrschaftshaus nach dem Kriege den Engländern überlassen müssen und wohnten im anschließenden Verwalterhaus. Inzwischen verließen die Engländer das requirierte Gebäude und die von Sch-Hs. waren dabei, es wieder zu besiedeln. Mit einigen anderen ehemaligen Kriegskameraden bewohnten wir schließlich das ehemalige Schlafzimmer der gnädigen Frau.
In dem riesigen Schlafzimmerschrank erhielten wir Bewohner jeder einen abgeschlossenen Teil. Eine sanitäre Einrichtung war separat vorhanden, so dass es sich wohnen ließ.
Nachteilig war nur, dass das Gebäude in Lehmbauweise ausgeführt war. 1945-46 nahm die Mäusepopulation Formen an, die wir zu spüren bekamen. Im Dezember mussten wir unseren zur Verfügung stehenden kuchenblechgrossen Weihnachtskuchen regelrecht mit einer Kaskade von Mäusefallen vor den Angriffen der Nager schützen. Wir führten regelrechte Jagden nach diesen Viechern durch.
Wir schliefen durch die schwere Arbeit so fest, dass wir morgens auf unseren Betten die Spuren des nächtlichen Treibens feststellen mussten. Die Attacken der Nager nahmen schliesslich Formen an, dass wir Nachtwachen aufstellten um die aufgestellten Fallen zu leeren.

Wir durften an der Mittags- und Abendbrottafel der Herrschaften teilnehmen. Die gnädige Frau wurde mit Handkuss begrüßt. Erst die gnädige Frau hob die Tafel wieder auf. Wer vorher gehen wollte oder auch musste, hatte bei der alten Dame in aller Förmlichkeit um die Erlaubnis nachzusuchen.
Als Anzug war, der schwierigen Lage entsprechend, mindestens zur Abendbrottafel weißes Hemd und Schlips geboten. Mir gelang es im Ort eine Schneiderin zu gewinnen, die meine Panzerjacke in eine Art Smoking verwandelte. Aus Verbandpäckchen und Angorawolle erhielt ich später einen Pullover, der ziemlich mietzelte, aber seinen Zweck erfüllte.
Mit Hochachtung wurde die gnädige Frau von der gesamten illustren Gesellschaft geachtet. Sie führte ein strenges Regiment. Neben dem Sohn Wolfram, war noch eine Schwester Wolframs anwesend. Zum Personal, zur Führung des Haushalts, gehörten eine Köchin und zwei Haustöchter. Sie hielten die Zimmer in Ordnung und versorgten uns junge Burschen mit kleinen Annehmlichkeiten. Ab und zu lag eine Zigarette auf dem Nachttisch. Als Köstlichkeit und besondere Zuneigung konnte so etwas angesehen werden.
Der Schwarzmarktpreis einer Zigarette betrug zu diesem Zeitpunkt 5 Mark pro Stück.
Bei einem Lehrlingsentgelt von 15 Mark im Monat, sozusagen ein Geschenk des Himmels.
Zur Enthaltsamkeit erzog einen die schwierige Versorgungslage.
Daran zu denken, dass man im Kriegseinsatz bis zu 40 Zigaretten am Tage geraucht hatte, musste man sich verkneifen.
Als Sekretärin fungierte für den Chef, den alten Herren, ein adliges Fräulein. Sie wachte mit Argusaugen über das Häuflein der nicht immer kritiklosen Lehrlinge.
Zu kleinen Feten konnten wir uns abends ab und zu zum Tanz versammeln. Auf dem Klavier erklangen dann im Aufenthaltsraum der Bediensteten von mir einige Tanzrhythmen. Das Tanzbein des Spielers kam dann aber meistens zu kurz.
Von der Belegschaft wurde der alte Herr mit

Herr Major

angesprochen.
Die ein wenig aufsässigen jungen Leute dagegen sprachen den Chef mit Herrn v.S-H an.
Er pflegte seine Kontrolltätigkeit mit einem täglichen Ausritt durchzuführen.
Mehrere Reitpferde wurden gehalten.
Zur Belegschaft zählten etwa 50 Männer als Pferde- Ochsenknechte sowie Stallpersonal für einen Milchviehstall von etwa 100 Kühen und zahlreichem Jungvieh.
Eine Frauengruppe sorgte für die Feldarbeiten zur Pflege und Ernte der Gemüsekulturen.
Zwei Lanz – Bulldogs, ein Raupenschlepper und ein Normik-Schlepper vervollständigten die mobile Technik zur Betreibung der Landwirtschaft.
Ein Bodenmeister hatte ein großes mehrere Stockwerke hohes Getreide -und Futterlagerhaus zu betreuen.
Mit einem Elevator wurde das Lagergut bis an die höchste Stelle gefördert. Durch ein zu kombinierendes Röhrensystem gelangte das Getreide an die dafür vorgesehene Stelle in allen Etagen.
Man fand einen straff organisierten, für die damaligen Verhältnisse technisch gut ausgerüsteten Landwirtschaftsbetrieb vor.
In einer 10 km entfernten Enklave befanden sich Jungrinder in einer Koppelanlage gehalten. Sie musste täglich kontrolliert werden. Diebstähle minderten zur damaligen Zeit die Bestände an Jungtieren.
Schließlich sorgten bewaffnete Selbstschutzorgane für Mäßigung auf diesem Gebiet.
Produziert wurde Getreide, Zuckerrüben und eine bestimmte Fläche war für Gemüseprodukte und Leguminosen vorgesehen.
Vorstellbar war, dass die Domäne, ein von der Familie von Sch-H. gepachtetes Staatsgut, Gewinn abwerfen könne.
Ich entschloss mich schließlich,

Landwirtschaft zu erlernen,

da ich ja noch keinen Berufsabschluss hatte. In zweijähriger Lehrzeit war dieser Abschluss zu erlangen.
Sämtliche Teilbereiche des Landwirtschaftsbetriebes mussten durchlaufen werden. Pferde- und Ochsengespannführer war ebenso einige Zeit auszuführen, wie im Kuhstall das Melken und die Tierfütterungsdosierung zu erlernen.
Am interessantesten war schließlich der Einsatz mit der Technik.
Da ich den Führerschein besaß, konnte ich Raupe und 50ziger Lanz-Bulldog fahren.
Erinnern kann ich mich noch, wie ich Zuckerrüben im Herbst nach Schladen in die Zuckerfabrik fuhr.
Etwa 10 km musste durch ein bergiges, Vorharz-Gelände die Zuckerfabrik erreicht werden.
Eine bergige Wegstrecke stellte besondere Anforderungen an das fahrerische Können. Sofern die Strasse mit Schnee oder Eis belegt war, musste das aus einem 55ziger Lanz-Bulldog und zwei mit etwa 5 t Zuckerrueben beladenen Anhängern bestehende Gespann aneinandergekuppelt werden. Mit einem Hänger konnte die Steigung überwunden werden.
Nachdem der zweite Anhänger wieder eingefädelt worden war, ging´s weiter.
Ohne Beifahrer ein kleines Kunststück.
Nach fast 60 Jahren las Herr Wolfram B. meine Ausfürungen im Internt.
Im Jahr 2004 entwickelte sich eine anregende Korrespondenz.
Liebenburger Erlebnisse werden wieder lebendig.
Die beschriebene Bergstrecke, die mit dem Bulldog zu überwinden war, befand sich im Ort Neunkirchen. Mir war der Name des Ortes entfallen.
In der Zuckerfabrik dauerte der Entladevorgang pro Hänger kaum 5 Minuten.
Mit leistungsfaehigen Wasserkanonen, die in einer Vorrichtung über den Gefährten angebracht waren, wurde das Ladegut regelrecht heruntergespritzt.
Die Feststellung der Schmutzprozente vor dem Entladen war dagegen der Vorgang, der die längste Zeit in der Zuckerfabrik beanspruchte.
Aus den Ausführungen meines Internet-Weggefährten erfuhr ich, dass er mit seinem Vater in der Zuckerfabrik Othfresen 1948 Zuckerrüben-Güterwagen mit 20 t Inhalt für 15.00 DM manuell entlud.
Die Beladung der Zuckerrübenhänger erfolgte in Akkordarbeit auf den Rübenernteflächen.
Belader waren abhängig davon, wie die Transportarbeit zeitlich ablief. Mit einem Raupenschlepper stellte man die Lastzüge zum Abtransport am Strassenrand bereit.
Die Zuckerrübenernte und die Belieferung der Zuckerfabrik erfolgte im Spätherbst. Früh ging es los. Mittags musste der Glühkopf, des 55iger Bulldogs weißglühend ausgebaut und da die Zugmaschine mit einem Einkolbenmotor funktionierte,täglich gereinigt werden.
Die Glühkopfverunreinigung hing damit zusammen, dass ein Gemisch von Diesel und reinem Erdöl als Kraftstoff gefahren werden musste. Der Motor des Lanz verarbeitete diese Mischung, wenn auch mit einer verminderten Leistung vorlieb genommen werden musste.
Zu diesem Zeitpunkt nach dem zweiten Weltkrieg bestand keine andere Möglichkeit Treibstoffe zu erlangen, wollte man seinen Lieferverpflichtungen an die Zuckerindustrie nachkommen.
Aus einer Erdölquelle in der Nähe von Salzgitter bezog man den“Kraftstoff“. Der Umgang mit dem Lanz-Bulldog war verantwortungsvoll und nicht ungefährlich, da man sich sehr leicht Brandwunden zuziehen konnte.
Der Einkolbenmotor setzte die Zugmaschine besonders im Leerlauf, in eine rhythmische Bewegung. Sie führte dazu , dass sich der Körper diesen Schwingungen anglich. Man meinte, das Herz schlüge im Bulldogrhythmus.

Kleiner Anschlag auf Ihrer Majestät Besatzungstruppen.

Als Lehrling hatte man uns im Gesindehaus, oder auch als „Polenkaserne“ bekanntem Gebäude, untergebracht. Früher wohnten dort Saisonarbeiter aus östlichen Ländern. Untergebracht, drückt auch die spartanische Ausstattung der Wohnräume treffend aus. Es fehlte an allem Möglichen. Als junge Männer stellte man sich am Bett eine Beleuchtung vor, mit der man sich zum Lesen zurückziehen konnte.
Wie zu diesem Zeitpunkt dazu kommen, wo es an allem mangelte?
Als aufmerksamer Beobachter fand ich schließlich heraus, dass in einer Koppel, die sich mitten im Dorfe, in Liebenburg, befand, Drähte hingen. Man konnte sich vorstellen, dass sie unbenutzt seien. Wahrscheinlich von den Engländern zurückgelassen, die in der Nähe dieser besagten Koppel eine Villa als Ihre Dienststelle bewohnten. Beim allabendlichen Fohlen – abholen von der Weide, reifte schließlich der Entschluss, einer geeigneten Menge Drahtes habhaft zu werden.
Da nicht genau auszumachen war, ob die Drähte auch wirklich unbenutzt wären, erfolgte der Beschaffungsvorgang bei Dunkelheit. Man konnte den Draht erlangen, soweit hing er herunter. Kurz entschlossen wurde an einer Seite stark gezogen und mit einem Ruck war ein Ende verfügbar. Seelenruhig wickelte ich über den Unterarm Draht auf. Als ich glaubte genügend zu haben, ein kräftiger Ruck und das andere Ende des Drahtes war verfügbar.
Aber, mit dem kräftigen Ruck hatte ich offensichtlich bei den Engländern das Diensttelefon vom Tisch gerissen. Ein Geschrei ging dort los. Als ich den Schreck überwunden hatte, bin ich in einem Lauf ums Leben über den Koppelzaun davongerannt. Ich hörte nach aus der Entfernung, dass in der Engländervilla mein „Drahtbeschaffungsvorgang“ ein ziemliches Durcheinander bewirkte.
Ehe sie begriffen, was eigentlich passiert war und ehe sie verfolgten, wo denn der Übeltäter den Telefondraht abgerissen haben könnte, hatte ich glücklicherweise genügend Abstand vom Tatort erreicht.
Von der englischen Kommandantur wurde in den nächsten Tagen Anschläge veröffentlicht, in denen die Bevölkerung zur Mithilfe bei der Suche nach den Saboteuren aufgefordert wurde.
Der Not gehorchend geschah die Übeltat. Die schlampige Form der Verlegung der Kabel förderte diese nicht nachahmenswerte Beschaffungsart.
Obwohl es unchristlich ist, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, hatte ich vor etwa einem halben Jahr bei der Entlassung erfahren müssen, dass mir arogante Landsleute Ihrer Majestät Paar erstklassige Offiziersstiefel und einen Packen Stoff wegnahmen. Sie beschimpften mich als „focken-german bastard“, als ich versuchte, mich dagegen zu wehren.
Mit den in dieser Notzeit kaum zu beschaffenden Sachen hätte ich weniger Sorgen gehabt, als sie mir bei der verschleissenden Arbeit in der Landwirtschaft erhebliche Schwierigkeiten bereiteten.
Erst nach geraumer Zeit bauten wir dann unsere Bettbeleuchtung.

Als politisch Interessierte

begannen wir auch Versammlungen politischer Parteien zu besuchen. Da in der sich entwickelnden Demokratie unterschiedliche Meinungen ohne sonderliche Gefahr aufeinander prallen können, traten wir in Diskussionen oft als Opposition auf. Wir, damit meine ich uns Lehrlinge aus der Domäne in Liebenburg.
Es war deshalb nicht ungewöhnlich, wenn die Redner ihre Ausführungen begannen mit der Begrüßungsformel:“ Meine Damen und Herren, werte Genossen, liebe Freunde, Gönner und Gegner!
Nachdem sie Gegner ausgesprochen hatten, wies eine Handbewegung gewöhnlich in unsere Richtung. Demokratisch miteinander umzugehen, musste erst erlernt werden.

Als ein außerordentliches Problem stellte sich die Frage der Beschaffung von Arbeitsbekleidung, vor allem von Schuhwerk. Durch den harten Umgang in der Landwirtschaft, traten doch erhebliche Verschleißerscheinungen auf. 1945 und 1946 befand sich die Versorgungslage in einem Zustand, in dem nur Bergarbeiter unter Tage so’was erhielten. In der Nähe von Liebenburg gab es Bergbau. Beschafft werden konnten diese notwendigen Gebrauchsgegenstände nur im Austausch mit Lebensmitteln. Obwohl wir mithalfen Lebensmittel zu produzieren, bereitete die Beschaffung jedoch nicht geringe Probleme. Auch dabei mussten der Not gehorchend Methoden angewandt werden, die man unter normalen Verhältnissen streng verurteilen muss.

1947 fand die Prüfung

auf dem Gut des Herrn von Schlange – Schöningen, späterer Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in England, mit Erfolg statt. Eine Abschlussarbeit, in Form einer geführten und ausführlichen Betriebsbeschreibung mit den erforderlichen Berechnungen, war vorzulegen. Mein Engagement führte dazu, dass ich als Verwalter auf dem Gut hätte bleiben können. Eine Zeit lang führte ich diese Tätigkeit auch aus.
Genüsslich waren dabei die fast täglichen Kontrollfahrten mit einem zweirädrigen Fahrzeug mit vorgespanntem Reitpferd, um den Bestand der Jungrinder und die intakte Umzäunung zu kontrollieren. Ich sagte ja schon, dass diese Tiere in einer kilometerweit entfernten Enklave gehalten wurden.
Die stark abgekühlten persönlichen Verhältnisse, mit dem sich verstärkenden gesellschaftlichen Abstand zur Familie der von Sch-Hs, ließ mich schließlich den Entschluss fassen, nach Hause zurückzukehren.

Kommentar abgeben

Du musst Dich anmelden um einen Kommentar abzugeben.