Feed auf
Postings
Kommentare

Nun unternehme ich einen weiteren Sprung von 1960 in das Jahr 1990:
Nach der Wende lud uns mein Freund, Gottfried Bauch, ein, ihn in seiner Heimat, in Syke bei Bremen,zu besuchen.
Ihm verdanke ich vor allem unsere Korrespondenz, die in Lang- und Kurzschrift geführt wurde.
In ihr kamen die Ansichten aus westlicher und aus Sicht eines Ostmenschen zum Ausdruck. Ihm verdanke ich meine Verkehrsschrift- Kurzschriftkenntnisse, die mir in allen Lebenslagen eine unschätzbare Hilfe waren.
Noch unter dem Eindruck des für mich größten Wunders des Zwanzigsten Jahrhunderts, der unblutigen Wiedervereinigung Deutschlands, machten meine liebe Frau und ich uns auf den Weg, zu meinem Freund. Die DDR existierte noch in ihren letzten Zügen.
In der so genannten Volkskammer rang man darum, ob es eine Wiedervereinigung in Form eines Anschlusses oder einer Konföderation geben solle.
An der Grenze musste man noch die Pässe oder Ausweise vorweisen.
Riesige Schlangen von wartenden Autos harrten noch am Grenzübergang in Stapelburg bei Wernigerode des Augenblicks, wo sie in den ersehnten „Westen“ weiterfahren konnten. Ereignisse einer Bedeutung, die man damals noch kaum erfassen konnte und heute 1999 noch immer nicht richtig glauben kann.
Dass man noch einmal erleben könne, mehr oder weniger ungehindert in Deutschland zu reisen, war vor kurzer Zeit noch unvorstellbar. Den eiserne Vorhang zu durchdringen, war für jüngere Bürger der DDR allein schon als Gedanke, geradezu undenkbar.
Die es dennoch wagten, setzten sich Gefahren aus mit den Staatsorganen des Vorwende-Regims in Konflikt zu geraten. Erst, als die Grenze in Ungarn durchlässig, in Prag und Warschau Botschaften besetzt wurden, geriet die DDR ins Wanken.
Der Drang, aus dem Eingesperrtsein auszubrechen, konnte nicht mehr gebändigt werden.
Der Mauerfall schliesslich, besiegelte das Drama zweier deutscher Staaten.
Deutschland einig Vaterland entstand.
Nun gelangten wir beiden Bchers. plötzlich an den Ort, in dem ich zweimal die Grenze in die Ostzone als junger Mensch illegal passierte.
In der Autowarteschlange konnte ich in Ruhe noch einmal den Grenzübertritt gedanklich Revue passieren lassen. Ich hörte in Gedanken noch das „Stoi, Dokument!“ der Russen. Ich fühlte noch einmal den Fußtritt, den ich bekam und mit dem ich in den Schulkeller in Stapelburg die Treppe hinunterflog. Aber gedanklich triumphierte ich, dass ich den Besatzern ein Schnippchen schlug, als sie mich nach paar Stunden schon wieder laufen ließen.
Beinahe hätte ich Weiterrücken in der Autokolonne verpasst.
Meine „Hintermänner“ verloren die Geduld und hupten aufdringlich.

Meiner Frau hatte ich versprochen,

den Weg zurückzuverfolgen, wie und wo ich ihn 1945 bis 1947 „gegangen“ war.
„Gegangen war „im wahrsten Sinne des Wortes, denn man musste zu Fuß bis an die Grenze und dann darüber hinweg gelangen.
Dabei konnte ich nicht an Liebenburg am Harz vorbei. Ein Ort, der mir bei dem Domänenpächter, Herrn von Schintling – Horny, dessen Sohn Kriegskamerad, Offiziersanwärter und Leutnant in Haderslev von mir war, unvergessliche Jahre bescherte.
Über Schladen, dem Ort, in den ich Zuckerrüben mit einem Lanz – Bulldog von Liebenburg aus transportierte, erreichten wir Liebenburg. Der Ort hatte in den über 40 Jahren ein völlig neues Bild erhalten. Dort, wo ich abends die Fohlen in den Stall zurückholen musste, dort wo ich die Affäre mit den Engländern einigermaßen ungeschoren überwand, hatte sich ein neuer Ortsteil gebildet.
Wir bogen erst einmal in eine Seitenstraße ein, um uns von einem Straßenpassanten informieren zu lassen. Vor uns lag noch wie eh und je, der große von vier Seiten eingeschlossene Gutskomplex der von Schintling-Horny’schen Domäne. Oben im ehemaligen Getreidespeicher, Onkel Busch hieß der gutmütige, auf peinliche Ordnung bedachte, Bodenmeister, sah ich die Dachluken, aus denen ich den Ort damals aus der Vogelperspektive betrachten konnte, wenn ich im Speicher zu arbeiten hatte. Weil es auf den Holzfussböden so schön klapperte, hatte ich mir Steppkenntnisse erweitert, wenn es Arbeitspausen zuliessen.
Unseren „Wartburg“ parkten wir im Seiteneingang und betraten den weitläufigen Hof. Ich konnte meiner Gefährtin die einzelnen Gebäude und deren damalige Bedeutung erklären. Erzählt hatte ich schon davon.
Nun konnte sie meine Berichte in Natura erleben und gedanklich vergleichen, ob ich wahrheitsgetreu erzählte.
Vor dem Herrenhause angekommen, klingelten wir bei den von Schintling-Hornys. Zunächst keine Reaktion. Nachdem uns die im Nachbarhaus Wohnenden sagten, dass von Schintling-Hornys anwesend sein müssten, war der zweite Versuch erfolgreich.
An der Tür erschien mein nun ebenfalls sich im Rentenalter befindlicher ehemaliger Kriegskamerad. Mit seinem scharf geschnittenen Gesicht, im Aussehen einem Ungarn ähnelnd, blickte er auf uns herab. Man konnte annehmen, der alte Herr, sein Vater, stände vor einem. Seine hohe Statur, braungebranntes Gesicht, schwarzes Haar und der Gesichtsausdruck eines Ungarn, sind mir heute noch erinnerlich.
Zunächst ahnungslos schaute er auf die auf der Treppe Stehenden herab. Erst nach der Vorstellung, dämmerte, dass es sich um den vor fast einem halben Jahrhundert gekannten Kriegskameraden und späteren Landwirtschaftseleven HB. handelte. „Tritt ein!“ war die einladende Geste. Nachdem auch die beiden Frauen sich bekannt gemacht hatten, begann der Austausch der Erinnerungen. Die von Schintlings hatten das Herrenhaus wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt, nachdem die Engländer und später auch wir Lehrlinge ausgezogen waren. Herrliche alte Möbel schmückten die Räume, die uns gezeigt wurden. Aus dem Musikzimmer, in dem der Flügel noch seinen Platz hatte, blickte man über die Veranda in den weitläufigen Park. Frau v. Schintling-Horny erklärte, dass die „Gärtner“, es handelte sich dabei um eine kleine Schafherde, dabei seien, den Rasen in einem gepflegten Zustand zu halten. Im Gegensatz zu den mir bekannten Zeiten wurden nur noch 2 Reitpferde und die erwähnten Schafe gehalten.
Die v. Sch-Hs. pflegten einen täglichen Ausritt als ihr sportliches Hobby.
Im Zeitraffertempo wurden noch einmal die gemeinsamen Erlebnisse von Freienwalde, Berlin über Haderslev nach Liebenburg wach. Wolfram v. Sch. H. hatte sich nach seiner Bundeswehrkarriere, die er als Oberst abschloss, der Landwirtschaft in seiner elterlichen Domäne gewidmet.
Beeindruckend für mich, als einem in der Landwirtschaft Tätigen, war die Entwicklung, die die Domäne Liebenburg genommen hatte. Von ursprünglich einer 60 Personen Belegschaft, bewirtschafteten zum Zeitpunkt des Besuches noch 2 fest angestellte Männer und der Chef den nun auf 250 ha geschrumpften Betrieb.
Im Vergleich zu unserem Menschenmassenbetrieb, unserer Genossenschaft, konnte man die gewaltige Intensität der Produktion erkennen. Ahnend, dass unsere Herangehensweise an die landwirtschaftliche Produktion, keine Zukunft mehr haben würde.
Zu dem Zeitpunkt glaubten wir noch, dass wir in Großbetrieben die Marktwirtschaft überdauern könnten.
Einigen landwirtschaftlichen Großbetrieben ist es gelungen.
Voraussetzung dazu war jedoch, dass die Mitbesitzer an einem Strang zogen.
Obwohl alle „Sonnenscheinler“ einen herausragenden Status erreichten, zerfiel die Genossenschaft.

Mit einem kleinen Imbiss bewirtet, verließen wir nach einem zweistündigen Plausch den Ort, der nach dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands, zunächst einen neuen Lebensabschnitt von mir die Grundlage bot.
Interessant war noch, dass die Familie der Frau v.S.-H. ihren Sitz ganz in der Nähe von unserer Heimat, im Meißner Land, in Miltitz,hatte.
Zu einem späteren Zeitpunkt sahen wir uns einmal das Schloss derer von Miltitz an.
Nach einer Fahrt über die Autobahn vorbei an Salzgitter und Hannover erreichten wir mit interessanten Eindrücken meinen Freund Gottfried B. in Syke.

Lebenslang waren wir beiden brieflich in Lang- und Kurzschrift und bei gelegentlichen Besuchen verbunden.
Sehr betrüblich für mich ist, dass „Altzheimer“ offensichtlich gesundheitliche Schäden anrichtete und nun im hohen Alter die Verbindung abzureißen droht.
Am 31.1.1990, unter dem Eindruck der Wendeereignisse, noch bei völliger Gesundheit, schrieb er uns:
„Syke, den 31.1.90

Liebe Gertraud und lieber Hans!

Zur Abwechslung mal wieder in Langschrift.Zunächst erst mal recht herzlichen Dank für Eure lieben Briefe vom 10.und 17.12. und nicht zuletzt für das schöne Stollenpaket. Den Stollen habe ich schon vor längerer Zeit mit großem Appetit verzehrt. Es geht halt nichts über einen wohlschmeckenden sächsischen Stollen. Sagt bitte Eurem kleinen Enkelkind, dass ich mich sehr über den gut gelungenen recht praktischen Untersetzer gefreut habe und ich mich auf diesem Wege herzlich bei ihm dafür bedanke.

Gestern kam ich erst von einem 6-tägigen Besuch bei meiner Tochter in Frankfurt zurück. Vorher war ich im neuen Jahr schon wieder 2mal bei Käte für jeweils 8 Tage in Hamburg zu Besuch. Nun soll noch am 15. 2. eine Fahrt zum Geburtstag meiner Enkeltochter Katherina in Burgdorf bei Hannover folgen. Sie wird 1 Jahr. Wie Ihr seht, bin ich immer viel unterwegs. Da ich mich noch recht wohl fühle, ich meine gesundheitlich, macht mir die viele Reiserei noch einige Freude, obwohl ich in der Beziehung zu Käthe doch recht glücklich wäre, wenn wir bald zusammenziehen könnten. Nun, das wird sich eines Tages wohl auch noch ergeben. Hoffen wir jedenfalls das Beste.
Inzwischen hat sich bei Euch politisch sehr, sehr viel getan. Natürlich verfolge ich diese Ereignisse immer mit großem Interesse. Teilweise mit Freude, einige Begebenheiten selbstverständlich auch mit Sorge. Man kann jedenfalls nur hoffen, dass sich die politischen Wogen bald wieder glätten. Normale Verhältnisse braucht ihr wirklich, oder Wechselkurs von 1:3 bis 1:5 und vielleicht mehr immer die Gefahr des Ausverkaufs der DDR. Hier wäre also zur Normalisierung höchste Eile geboten. Die Einheit Deutschlands unter sozialer Marktwirtschaft ist inzwischen in greifbare Nähe gerückt, wie auch das gemeinsame Haus Europa einschließlich der Ostblockstaaten mit ebenfalls einer sozialen Marktwirtschaft in absehbarer Zeit der Vollendung entgegen sieht. Das sind äußerst erfreuliche Entwicklungen und die Menschen in Europa haben allen Grund, sich darüber zu freuen und auch dankbar zu sein. Der Wettkampf der Systeme, der nach dem 2. Weltkrieg begann und durchweg sehr hart geführt wurde, ist zu Gunsten des kapitalistischen Systems gegenüber dem kommunistischen entschieden worden, ohne Krieg. Hier ist großartiges geschehen, was fast einem Wunder gleich kommt. Hier sollte allen Beteiligten gedankt werden, auch denen, die bis an die Zähne bewaffnet waren, die also schießen konnten und es trotzdem nicht getan haben. Entsprechend großartig und nicht kleinlich sollte sich nun die BRD auch gegenüber Euch, den Brüdern und Schwestern in der DDR verhalten. Sie sollte mal nicht das sonst übliche Recht des Stärkeren in der politischen Szene beharren, sondern für die nächste Zukunft nur daran denken und auch entsprechend handeln, was Herr Professor Biedenkopf – ein heller Kopf, nach Deinem letzten Brief der gesamten Nation vorgerechnet hat. Dass nämlich die DDR die Hauptlast des 2. Weltkrieges zu tragen hatte. Er wies nach, dass die BRD der DDR 800 Mrd)DM schulde.Danach wäre es nicht mehr als recht, die DM-Ost der DM-West gleich zu setzen = Umtausch 1 : 1 Danach könntet ihr gleichzeitig Euer Lohn- und Preisgefüge dem der BRD anpassen und das Aufblühen und Aufholen des Rückstandes auf vielen Gebieten könnte schwungvoll beginnen. Bei diesen Überlegungen gehe ich auch davon aus, dass bei Euch durchschnittlich im Monat etwa 1000,00 Ost verdient werden, während es hier 3000,00 DM West sind. Schließlich seid ihr genauso fleißig und intelligent wie wir, so dass es mE. lediglich eine Frage der Organisation und des guten Willens sein sollte, diese Ungleichgewichte wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Man kann wohl im Inland eine Ware subventionieren, aber bei der Einfuhr und Ausfuhr sollten doch im wesentlichen die Gestehungskosten der Handelsware bei der Preisgestaltung maßgebend sein.
Bei dieser Gelegenheit sollte man vielleicht auch mal das bestehende Weltwährungssystem in Frage stellen. Macht es heute nicht die Armen im allgemeinen immer ärmer und die reichen Völker entsprechend reicher? Unsere Regierung sollte vielleicht auch mal überdenken, wie nachteilig sich es für unser Wirtschaft auswirken kann, wenn immer mehr Bürger der DDR im Grenzbereich der DDR wohnen und hier arbeiten. Den Bürgern der DDR kann man aus solchem Verhalten wirklich kleinen Vorwurf machen, wenn sie den Spieß mal umdrehen. Wenn sie z.b. hier 10, — DM = 1600, — DM verdienen = umgerechnet mit 1 : 5 = 8000, — Ostmark erhalten. Sollte dieses Beispiel in beiden bestehenden deutschen Staaten nicht zum Denken veranlassen! Lieber Hans, im umgekehrten Sinne, allerdings noch krasser, passt hierzu Dein Beispiel, von den 2 aus der BRD gekauften Computern, die hier zusammen genommen für 6000, — DM zu haben sind. Herr Brandt sagte neulich zur Einheit Deutschlands: “ Was zusammen gehört, muss zusammen wachsen“ Das gilt selbstverständlich auch für die Freiheits-(Westen) und Friedenpolitik(Osten.). Die Freiheit ohne Frieden ist ebenso wertlos, wie der Frieden ohne Freiheit. Dies sollte ebenso einleuchtend sein, wie, dass Tag und Nacht zusammen gehören und Mann und Frau zur Erhaltung der Art ebenso.
Im übrigen meine ich, dass nach der Überwindung des Kommunismus sich Amerika als Kopf dieser Welt entwickelt hat. Das bedeutet für den Erdball eine große Chance. Sie kann genutzt werden, aber durch Machtmissbrauch ebenfalls verspielt werden. Sie zu nutzen würde bedeuten: Zunächst eine Weltfriedensordnung zu schaffen. Es gibt kein echtes Feindbild mehr. Die nationalen Armeen könnten stufenweise abgeschafft werden und gleichzeitig unter der Organisation der UNO internationale Polizeikräfte aufgebaut werden, mit dem Auftrag, den Schutz einzelnen Staaten in der Staatengemeinschaft der Welt zu übernehmen, vergleichbar mit den einzelnen nationalen Polizeieinheiten, die für den Schutz der einzelnen Bürger innerhalb der jeweiligen Volksgemeinschaft zuständig sind. Gewissenhaftigkeit sollte oberstes Gesetz der Erziehung und jeglicher Amtsführung sein. Die Religionen sollten die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die jeweiligen Glaubensrichtungen einbringen. Es kann nur einen Gott auf dieser Erde geben. Er ist unbestechlich und gerecht und gibt sich in der Gesamtzahl der Naturgesetze zu erkennen, die Menschen zu studieren und zu befolgen haben. Die Naturgesetze beherrschen uns ewig. Sie sind unser ewiger Lehrmeister. Wir sind winzig klein ihnen gegenüber. Wir können nichts besser als sie einrichten. Uns Menschen bleibt nur, unser Leben in Harmonie mit der Natur zu gestalten.
Das Ergebnis dieser Bemühungen wäre immerhin, dass sich der Mensch zum Menschen entwickeln könnte, dh. dass er nicht mehr zum Mörder der eigenen Art, aus welchen Gründen auch immer, missbraucht werden könnte und müsste usw.
Liebe Gertraud und lieber Hans, ich freue mich auf Euren schon zugesagten Besuch. Es wäre mir recht lieb, wenn Ihr mir den Zeitpunkt dafür schon bald mitteilen könntet, damit ich mich auch ein wenig darauf einrichten kann.
Für heute bleibt gesund und guten Mutes, Ihr habt
so meine ich, allen Grund dazu.
Herzliche Grüße
Euer Gottfried Bauch“

Die Erkenntnisse, zu diesem Zeitpunkt von einem Westdeutschen zu Papier gebracht, waren geradezu, man kann schon sagen, philosophisch.
In abgewandelter Form ist manches Wirklichkeit geworden. Vieles hart der Verwirklichung.

Er bot uns für einige Tage eine Bleibe, umsorgt mit herzlicher Gastfreundschaft. Zwei Jahre älter als ich, im Rentenalter befindlich, fand er Zeit, uns Bremen, den Vogelnaturpark in Walsrode, seine Heimatstadt, mit den für uns zu diesem Zeitpunkt noch unglaublichen Angeboten in den Geschäften, zu zeigen. Es bereitete ihm Freude, uns seine jetzige Heimat kennen lernen zu lassen.Leider bei sehr schlechtem Wetter besuchten wir Bremen. Der “ Schnur „, eine sehr enge Gasse, in der man nicht einmal den Regenschirm, der Enge wegen, aufspannen konnte, die Böttchergasse, in der Fassmacher die Behälter für die Vorräte der Überseeschiffe herstellten, sahen wir ebenso, wie die weltbekannten Bremer Stadtmusikanten. Höhepunkt unseres Aufenthaltes bei G. Bauch war unser

Autotrip nach Haderslev in Dänemark

und der Besuch bei Gottfrieds Lebensgefährtin in Hamburg.
Mit unserem Wartburg ging’s gen Norden durch den beeindruckenden Elbtunnel in Hamburg. Ohne Stau passierten wir dieses Nadelöhr, von dem man ansonsten immer Staunachrichten hörte. Über die Hochbrücke überquerten wir den Kaiser-Wilhelm-Kanal. Von da oben hatte man einen Weitblick über die Landschaft und den Kanal, in der und dem ich unvergessliche Erlebnisse hatte. Vorbei an Flensburg erreichten wir die Grenze nach Dänemark Als Bürger mit dem DDR-Pass, mussten wir erklären, wen wir in Dänemark besuchen wollten. Es blieb uns nichts anderes übrig, als die Anschrift unserer vor über einem Jahrzehnt verstorbenen „Tante“ Frieda anzugeben.
Kurz hinter der Grenze verstärkten sich plötzlich die Motorgeräusche derart, dass wir mit Sorgen die Weiterfahrt bis nach Haderslev durchführen mussten.
Sprachschwierigkeiten gab’s nicht, da die meisten Menschen in diesem ehemaligen deutschen Gebiet Deutsch sprechen, zumindest Deutsch verstehen. In einem Reparaturbetrieb erhielten wir Hilfe.
Eine Schraube am Auspuffkrümmer hatte sich gelockert und die ungewöhnlichen Geräusche verursacht. Meine Meinung, dass unser „Wartburg“ das „beste“ Auto der Welt sei, war durch diesen Vorfall und das noch im Ausland, erschüttert worden.
Nachdem wir einen Parkplatz in der Nähe des Hafens am Haderslev – Fjord fanden, begaben wir uns auf die Suche nach der Prästgade 12.
Meine Ortskenntnisse ließen keine Orientierung mehr zu. Nach einem knappen halben Jahrhundert, bestanden keine gedanklichen Anhaltspunkte mehr. Schließlich standen wir vor dem Haus,
Prästgade 12. Hier hatte uns Frl. Frieda Langlo mehrere Male empfangen und so köstlich bewirtet. Aus meinem Dankesbrief hatte sich dann die viele Jahre währende herzliche Brieffreundschaft entwickelt.
Mir genügte es, noch einmal vor dem Hause zu stehen, in dem diese Bekanntschaft sich vertiefte. Leider war es nicht möglich gewesen, einmal ihrem Wunsche, eines Besuches bei ihr zu entsprechen.

Aus “ poliiitischen Griinden“, wie eine Tschechin bei einem Besuch in Prag immer zu betonen pflegte, wenn wir sie nach bestimmten Ereignissen befragten.

Meiner Frau war jedoch mein Begehren zu wenig, sie wollte noch mehr wissen Straßenpassanten wurden angesprochen. Schließlich verwies man uns an eine ältere Dame in einem Nachbarhause. Wir läuteten und erläuterten unseren Wunsch, etwas über das Fräulein Langlo zu erfahren. Diese Dame kannte unsere Bekannte.
Leider war es ihr nicht möglich, sich mit uns länger auszutauschen, da eine Einladung zu einer Partie bevorstand. Beweis waren die festlich gedeckten Tische.

Deutsch war kein Problem!

Offensichtlich legt man besonderen Wert auf Einladungen mit zahlreichen Gästen, wie auszugsweise aus einem Brief vom 8.2.1965 der
„Tante“ Frieda zu erkennen ist:

“ Vielleicht möchten Sie von dem Verlauf des Tages, ( es handelte sich um Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag) etwas hören? Vorher hatte ich etwas Ärger, denn meine Raum-Hilfe ließ mich im Stich, dadurch war ich natürlich schon etwas müde, als ich die Wohnung im Schuss hatte. Aber ich hatte dann wieder Glück eine sehr nette Servierfrau zu kriegen. Meine Nichte aus Kiel kam auch 2 Tage.
Am 23. hatte ich vormittags Gratulanten, für 17 Uhr hatte ich 14 Gäste geladen, gottlob war alles fertig, als meine Gäste kamen.
Es gab dann kalte Küche mit warmer Vorlage – Blätterteig, Partuletten mit pikanter Fleischfüllung, dann „dansk Smörbröd“. Das hatte ich bestellt. Es ist so überladen mit Belag, das muss man schon vom Delikat-Geschäft haben.
Dann belegte Brötchen und Käseplatte, dann Obst aller Art und zuletzt Eis. Nachher Kaffee mit Likör, Kringel – u Kranzkuchen.
Meine Gäste gingen also nicht hungrig vom Tische.
Bei Ihnen kennt man solchen Kranzkuchen sicherlich nicht?
Es ist ein hoher Kuchen aus Marzipan, der in Ringen gebacken wird und dementsprechend hoch ist. Er ist mit Kuchen und Knallbonbons garniert und kostet mindestens 50 Kronen.
Ich wollte ihn eigentlich nicht, aber meine Kjelstruper Freunde schenkten ihn und wollten absolut nicht ablassen, er mundete auch vorzüglich.
Wein konnte ich leider nicht geben, es gab nur 1 Glas Portwein zum Anstoßen, zum Essen gab es Bier.
Der Alkohol ist hier viel zu teuer. Eine Flasche Kognak kostet 82 Kronen. Was meinen Sie dazu, Hr.B?

(Ich entsinne mich da an meine Verlobung 1947. Zu dieser Zeit kostete eine Flasche „Fusel“ 75 Mark. So viel verdiente ich in einem Monat bei meinem Vater! )

Meine Verwandten aus Flensburg wollten auch kommen. Deren Söhne wollten absolut am 23. mit mir anstoßen, aber das ging nicht. Dazu habe ich auch keinen Platz weitere 12 Personen aufzunehmen.
Wir einigten uns dann auf den Sonntag. Ich durfte nichts herrichten, sie würden alles mitbringen. Und so kamen sie dann mit 12 Personen an und hatten Sekt mit. Wie sie den durchschmuggeln konnten, bleibt ihr Geheimnis. Er schmeckte gut und es wurde ein frohes Gelage.
Am Dienstag kam dann wieder ein Stoß, wieder 12 Personen. Sie hatte ich nur zum Kaffee.
Später hatte ich noch an 2 Abenden eine kleine Runde und morgen abend kommt der Schluss.
Ich habe jetzt auch genug davon.
Der Februar ist hier immer ein sehr unruhiger Monat mit vielen Geburtstagen.
Gestern waren wir zu einem sehr vornehmen Essen.
Ob Sie sich an den Bürgerverein erinnern, Hr. Böttcher? Er ist neu instandgesetzt und wunderhübsch geworden.
Der Verein hatte seine Mitglieder zum 125 jährigen Jubiläum, ganz groß, ganz vornehm, geladen.
Nun denken Sie wohl, die Olle muss alles mitmachen, aber weshalb nicht?
Jetzt darf man nichts mehr vorbeigehen lassen, denn im Handumdrehen ist’s vorbei.
350 Gäste waren dabei „

Mir erschien dieser Auszug aus einem Brief der alten Dame bemerkenswert. Schildert er doch ihre Mentalität und damalige Umgebung im weitesten Sinne.

Bei Käte in Hamburg

Nach einem kleinen Stadtspaziergang in Haderslev, speisten wir zu Mittag und ohne größere Probleme ging’s nach Hamburg zu Gottfrieds Lebensgefährtin auf dem Wohlsdorfer Damm.
Ihr erschienen wir eigentlich ein wenig zu früh. Es ließ sich aber alles sehr gut an. Wir lernten eine Dame kennen, die selbstlos ihre Eltern und eine Nachbarin pflegte und ihr großes Anwesen mit Garten und vielen Gemüsebeeten in Schuss hielt.
Gottfried lernte mit ihr eine Lebensgefährtin kennen, die sich ebenfalls zur Aufgabe machte, Menschen in der DDR zu helfen.
Geradezu selbstlos erhielt von ihr eine Bekannte in Freiberg Hilfe und auch wir wurden bedacht. Man kann nur mit Bewunderung von dieser Lebensauffassung, von dieser selbstlosen Hilfsbereitschaft, sprechen.
Nach 2 anregenden Tagen in Hamburg, einer davon war noch angefüllt mit einem Besuch bei einer Firma, die unter Umständen bei uns in Hof in der Genossenschaft einmieten wollte, fuhren wir nach Syke zurück.
Viel zu schnell verging unsere erste größere Reise nach der Wende, die uns in Orte meiner Vergangenheit zurückführte und die uns Dank der Gastfreundschaft meines Freundes zu einem bleibenden Erlebnis für meine Frau und mich wurden.

Hier will ich einige Briefe anfügen, die zeigen sollen, welche innige Verbindung wir mit Gottfried B. und mit seiner Lebensgefährtin, Käte M. pflegten und mit Käte noch pflegen.
Zugleich wird letztlich deutlich, dass neben der Geisel der Menschheit, dem Krebs, für uns ältere Menschen die Altzheimer Krankheit zur demütigenden Erscheinung werden kann.
Am Schicksal meines Freundes Gottfried B. bestätigt sich diese Feststellung in abscheulicher Weise.

,12. 04. 1995
Liebe Käte, lieber Gottfried,

zum bevorstehenden Osterfest möchten wir Euch herzlich grüßen
und wünschen, dass Ihr gesundheitlich wohlauf seid.

Wir haben den milden Winter; bei erträglicher Gesundheit
überstanden.
Dass nun schon tagelang anhaltende Niesel – Regenwetter schlägt
allmählich auf’s Gemüht.
Vor allem ist es ein Hinderungsgrund, die Gartenarbeit mit dem
Kartoffellegen fortzusetzen.
Um den 10 März herum waren bei uns paar sonnige Tage mit schon
frühlingshaften Temperaturen. Wie konnte es anders sein, mit der
Gartenarbeit wurde begonnen.
Obwohl man sämtliche Gemüsearten und – Sorten zu erschwinglichen
Preisen kaufen kann, bleibe ich aus Gründen der Bewegungstherapie
dabei, im Garten noch Möhren, Saatzwiebeln, Steckzwiebeln,
Salat, Rote Rüben, Kartoffeln, Bohnen anzubauen.
Zugleich bestelle ich auch bei meinem Sohn Hardy, im Garten des
Hauses, in dem ich zu Hause war, die Beete.
Dort produziere ich bisher jährlich außerdem noch von 100
Tomatenpflanzen die roten Früchte.
Ihr werdet jetzt fragen, wer isst denn das ganze Zeug?
Manchmal gibt es besonders bei Tomaten ein beachtliches
Überangebot.
Die Schwemme behebt dann die Schwiegermutter meines Sohnes, die
Katja. Sie reist jedes Jahr in der Regel aus ihrem 2500 km
entferntem Heimatort für 3 Monate an, entlastete meine
Schwiegertochter Shewgenia im Haushalt und mich im Garten.
Sie ist schon 72 Jahre alt. Unglaublich, mit welcher Bravour sie
die jährliche lange, strapaziöse Reise bewältigt.
Sie versteht es, aus den reichlich anfallenden Tomaten
beispielsweise ein wohlschmeckendes Tomatengetränk herzustellen.
Man kann es ohne abzusetzen halbliter- bis literweise trinken.
Im vergangenem Jahr beendete ich meine stundenweise Tätigkeit
in der Nachfolgeorganisation meiner ehemaligen Genossenschaft.
Zu unserer großen Freude erhielt ich aus diesem Grunde vor
einigen Tagen vom Finanzamt die Mitteilung,dass mir die
zu viel entrichteten Steuern in Höhe von 1500 DM zurückerstattet werden.
Ich habe meine Steuererklärung regelmäßig zumeist bereits im Januar
des Folgejahres ausgefertigt. Somit ist die baldige Bearbeitung durch
die Behörde gesichert.
Außerdem bin ich davon ausgegangen, dass ich meinen steuerlichen
Verpflichtungen ehrlich und gewissenhaft nachkommen müsse.
Wie soll ein Staat sonst funktionieren, wenn alle von ihm Leistungen
erwarten, die meisten jedoch nicht bereit sind, zu begreifen, dass zu
Rechten eben vor allem Pflichten gehören.
Jedem auch nur andeutungsweise vernünftigen Menschen muss
erkenntlich sein,dass es mit der Miesmacherei des Finanzministers
nicht genug ist, ein Staatswesen zu finanzieren.
Nach meinem Dafürhalten sollte man den Steuerflüchtern mit
allen zu Gebote stehenden Mitteln das Handwerk legen.
Was mich dabei am meisten empört ist, dass solche Sportlertypen,
wie B. usw., die bekannte Steuerflüchtlinge sind, Millionen
der Besteuerung entziehen und dann auch noch in geradezu
ekelerregender Weise in den Medien verherrlicht werden.
Aber das ist leider nur meine Betrachtungsweise.
Aber auch über den „Geschmack“ in dieser Frage lässt sich
wie schon die Lateiner sagten, nicht streiten.
„De gustebus non est dispudantum “
Zurück zu unserem Alltag:
Mit Gartenarbeit versuche ich mich einigermaßen fit zu halten.
Außerdem beschäftigen uns unsere 5 Enkel.
Meine liebe Traudel bekocht täglich 3 davon, ihnen schmeckt das
Essen in der Schule nicht. Sie möchten bei der Oma essen.
Solange sie noch rüstig genug ist, will sie den „Kerlen“ den
Gefallen antun.
Öfters klingelt bei uns das Telefon und irgend einer wünscht in Riesa
oder von der Musikschule in Stauchitz abgeholt zu werden. Manches Mal muss
einer zum Zahnarzt, da seine Zähne nicht die gewünschte Richtung einhalten.
Ihm wird dann eine Hilfe verpasst, dass alles wieder gerichtet wird.
Mit diesem familiären Taxiverkehr wurden in diesen paar Monaten
seit dem Erwerb des Golf Variant 2000 km zurückgelegt.

Für den Mai haben wir eine Autotour in westliche Richtung geplant.
Hoffen wir, dass uns die erforderliche Gesundheit dafür erhalten bleibt.
Es soll zunächst zu einer Freundin Traudels, nach Bad- Salzschlürf gehen.
Die Reiseroute wurde bereits festgelegt. Wir haben uns vorgenommen,
nicht über die Autobahn zu rasen.
Wir wollen durch Westsachsen, Ostthüringen, den Thüringer
Wald und die Rhön, Fulda erreichen. Westlich Fulda liegt das
erste Etappenziel.
Am 2. Tag wollen wir dann durch den Taunus von Osten her
Wiesbaden und Wiesbaden Biebrich erreichen.
In Wiesbaden Biebrich verbrachte ich vor einem Halben Jahrhundert
einige Jahre Militärzeit auf einer Militärschule.
Wie damals bei unserer ersten Westreise, als ich meiner Traudel
den Ort meines Seins in Liebenburg und in Dänemark zeigte,
möchte ich gern noch einmal schauen, wie es heute dort aussieht.
Wir möchten uns für Deine ganz wunderbare Aufnahme, lieber
Gottfried, damals in Deinem Hause und für den Besuch bei Dir,
liebe Käte, nochmals ganz herzlich bedanken.
Wir wissen, wie selbstlos Ihr zu uns wart. Es wird unvergessen bleiben.
Am dritten Tage wollen wir dann in südlicher Richtung am Rhein
entlang Heidelberg erreichen und Traudels Freundin dort besuchen.
Diese Leute sind vor Jahren aus Oberschlesien dorthin
umgesiedelt. In Polen besuchten wir sie vor Jahren schon einmal.
Von ihrem Wohnort, in der Nähe von Hindenburg, unternahmen wir
damals Ausflüge nach Warschau und nach Zakopane.
Schließlich wollen wir in den folgenden Reisetagen durch den
Schwarzwald bis zum Bodensee fahren.
Feste Ziele gibt es da noch nicht.
Ein begrenzender Faktor sind Traudels Sorgen, dass unsere kleine
Hühnerhaltung in den richtigen Bahnen läuft.
Unser größter Enkel, der Marc, hat sich verpflichtet, das
Viehzeug während unserer Abwesenheit zu betreuen.
Damit wird die ganze Tour ein „Trip“ von etwa einer Woche.
Nun könnte man ja fragen, hat denn das überhaupt etwas mit
Urlaub, Erholung zu tun?
Ganz unumwunden stelle ich dazu fest, dass ich mich zu Hause am
wohlsten fühle.
Für mich ist jeder Tag, den ich mit meiner Traudel verbringen
kann, ein Geschenk des Himmels.
Wir sind dankbar dafür, dass wir noch einige Jahre im Alter bei leidlicher Gesundheit verleben können.
Wenn es uns vergönnt sein sollte, dass es noch weitere Jahre
sind, so wäre das für uns die größte Erfüllung.

Vergessen möchte ich nicht zu betonen, dass wir es als großes
Glück betrachten, die Einheit unseres Vaterlandes erleben zu
können.
Die Probleme, die daraus erwuchsen, sind für uns alle groß
genug, so dass der Jubel allmählich verblasst. Niemand kann
das Recht in Anspruch nehmen, den Anderen für die
wirtschaftliche Lage die Schuld in die Schuhe zu schieben.
Die Rezession währe in den alten Bundesländern bereits 2 Jahre
früher eingetreten. Durch die Wiedervereinigung haben vor allem
die großen Handelsketten riesige Geschäfte gemacht. Über diesen
Weg wurde durch den suggerierten Kaufrausch und die entsprechende
Preisentwicklung das Geld abkassiert, was hierher geflossen ist.
Bedrückend für viele „Ostmenschen“ sind die zahlreichen,
verbrecherischen Machenschaften von Abzockern. Der Glaube an die
Überlegenheit der Marktwirtschaft wird dadurch erschüttert.
Nicht zuletzt wird damit den Extremisten Material geliefert,
um dagegen zu agitieren.
Und agitieren heißt nichts anderes, als zu hetzen.
Der Zulauf, den diese Hasardeure daraus resultieren, ist Beweis dafür.
Ich bin aber überzeugt, dass es der Demokratie gelingen wird und
muss, den Beweis der Überlegenheit in jeder Beziehung anzutreten.
Da ich wie immer Optimist bin, lasse ich mich durch nichts entmutigen.
Mein Anliegen war es, wieder einmal von uns etwas hören zu lassen.
Man könnte viel einfacher telefonieren. Wenn ich den Brief
schreibe, bin ich jedoch ‚mal paar Stunden in Gedanken bei
Euch, wogegen ein Telefonat nur paar Minuten währendes,
trotzdem erbauliches Verweilen gewährt.
Dass ich immer noch auf wiederverwertbarem Papier Euch schreibe,
wollt Ihr bitte entschuldigen.
Ich las oder hörte im Fernsehen, dass es nicht anstößig ist,
auf solchem Papier zu korrespondieren.

Ganz herzliche Grüße noch einmal und ein gesundes und frohes
Osterfest wünschen Euch
Eure G.u.H.Bs. aus Staucha“

„Weihnachten 1996

Liebe Käte, lieber Gottfried,

freundschaftlich verbunden ,senden wir Euch herzliche Grüße zum
Fest und die besten Wünsche für 1997.
Der Allmächtige hat uns bei erträglicher Gesundheit das Jahr
1996 erleben lassen . Dafür sind wir dankbar!
Es war ein Schaltjahr, mit allen Besonderheiten, die diesen
Jahren nachgeredet werden.
Als Ihr im Mai uns besuchtet, verwöhnte uns der Wettergott nicht
gerade mit „Kaiserwetter“ . Es blieb uns nichts anderes übrig,
als die nähere Umgebung Stauchas anzuschauen.
Bei Eurem Hier sein sprachen wir davon, dass wir heuer bei
unserer Invest- Tätigkeit dem Dach des Wohnhauses Aufmerksamkeit widmen
müssten. Einige regenfreie Tage standen dann zur Verfügung, um
das Vorhaben auszuführen. Damit es finanzierbar blieb, schafften
wir es mit viel Eigenleistung.
Die Angebote der Dachdecker beliefen sich zwischen 13 TDM und 60
TDM je Haus. Bei dem letzteren Angebot hätte die Dachhaut
sicherlich aus Platin bestehen müssen. Wie sonst käme dann
solcher Preis zustande?
Froh waren wir, als es geschafft war. Schaltjahr gemäß regnete es
immerfort. Beim alten Zustand des Daches hätte es Probleme gegeben.
Da ich im eigenen Garten und auch beim Hardy immer noch
Gemüse anbaue, bereitet diese unfreundliche Witterung vor allem der
Tomatenkultur gesundheitliche Schwierigkeiten.
Der Phetophtora Pilz breitete sich derart aus, dass nichts anderes
übrig blieb, als die Tomaten zu vernichten. Sie waren
ungenießbar.Auch die Kartoffeln befielen mit Krautfäule.
Mindestens fünfmaliges Auslesen war erforderlich um wenigstens
einen Teil zu retten.
Da in der Regel die Natur Versäumtes wieder ausgleicht, säte
ich den Chinakohl erst um den 1. August aus. Mit gärtnerischer
Bangen verfolgte ich sein Wachstum. Zunächst hatte es den
Anschein, dass diese Kultur ebenfalls scheitern müsse. Der
relativ gärtnerisch erträgliche Herbst besorgte dann aber doch
noch Bedingungen, dass wir etwa 150 Chinakohle im November in
Kisten verpackt einbringen konnten. Die bisherigen
Lagerbedingungen waren optimal. Um den Gefrierpunkt herum,hielt er
sich prächtig. Für Mensch und Tier bildet er eine köstliche
Vitaminreserve. Nachbarn und Freunde werden damit versorgt. Die
Hühner picken fleißig diejenigen Pflanzen, die nicht ganz gerieten.
Unsere liebe Oma bereitet uns, damit meine ich in der Regel 3 Enkel
und mich, herrliche Salate. Selbst die Stängel werden gedünstet als
Gemüse auf den Teller gebracht und schmecken fast wie Spargel köstlich.
Ich rechne damit, dass die Vorräte noch bis weit in den Januar
reichen werden. Begrenzender Faktor kann allerdings der
Kälteeinbruch sein, der uns nach reichlichem Schneefall Temperaturen
um Minus 20 Grad Celsius zumutet.
Mein ekliges Ohrengeräusch lässt mich viel Arbeit und Bewegung
im Freien suchen.
Dass ich in unserem Garten, den ich Euch bei Eurem Hier sein
vorstellte, einen „Pavillon“ baute, schrieben wir wohl schon.
Meine liebe Traudel sagte mir so eben, dass wir davon sogar
schon in Bild berichteten, ich wusste es gar nicht mehr.
Damit das viele Grasmähen etwas gemindert werden kann,legte
ich Beete an .
Die Beete bepflanzte ich mit verschiedenen aus Zwiebeln
gedeihende Blumen. Aus unserem Garten setzte ich einige zu groß
gewordene Yuccas um. Aus Traudels selbst aufgegangenen Stiefmütterchen pflanzten wir zahlreiche aus .Wenn uns die „Untergrund Bewegung“ der Wühlmäuse etwas übrig lassen sollten, müsste im
Frühjahr ein bescheidener Blumenflor das Auge erfreuen können.
Bei meinen Kontrollgängen musste ich allerdings bereits
feststellen, dass die Viecher tätig sind. Zahlreiche
aufgeworfene Haufen und Luftlöcher deuten darauf hin, dass
die „Viecher“ ihr schändliches Treiben mit Eifer begonnen haben.
Traudel steckt schon Jahre lang Pfirsichkerne. 20 Stück der
daraus entstandenen Bäumchen pflanzte ich dort draußen. Wer
sie mal ernten wird ist ungewiss.
Damit wir legal unser Grundstück betreten können, errichtete ich
am rechten Rand der kleinen Fichtenanlage am Steilhang eine Treppe.
Zunächst sollten aus Hohlblocksteinen bestehend einige Tritte werden.
Schließlich entschloss ich mich, die ganze Anlage mit Betonestrich zu
überziehen und am Ende wurde sie mit zwei Geländern eingefasst.
Daraus ist nun großspurig ausgedrückt, fast ein „monamentales“
Bauwerk entstanden. Endlich können wir nun unser Grundstück, den von uns so genannten „Berg“, unbeschwert, wenn auch über eine Treppe besteigen.
Bisher waren wir auf die „Gnade“ der Nachbarn angewiesen. Da wir aber nicht nach dem Grundsatz leben: „Wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt, kann der Frömmste nicht in Frieden leben“ ging es seither einigermaßen gut.
Ein Foto werde ich gelegentlich als Beweis anfügen.
Schon seit Monaten fahre ich dienstags nach Riesa zu meiner
Schwester und meinem Schwager zu einem Rätselvormittag.
Mit Akribie lösen wir alle möglichen Rätsel. Das damit
Verbundene “ Brain jogging“ soll meinen Schwager von seinen
gesundheitlichen Problemen ablenken. Ich glaube, es gelingt sogar.
Viel zu schnell verrennen dabei die Stunden.
Ich habe zu tun, dass ich rechtzeitig wieder zum Mittagessen
nach Hause gelange. Von meiner lieben Traudel brachte zu spätes
Kommen schon einige Male Schelte ein.
Ich gehe davon aus, dass unser gemeinsames geistiges Training
zu erheblicher Wortschatzbildung geführt hat.
Trotz zahlreicher Preisrätsel, die wir versandten ; gewonnen
haben wir noch nichts!?
Mein Anliegen war es, Euch `mal zu erzählen, was meine liebe
Traudel und ich so „ankeilen“…
Heute nun ende ich mit ganz lieben Wünschen für Euch Beide.
Mit Optimismus und der Hoffnung auf Gesundheit wollen wir
Zukünftiges angehen .

Eure G.u.H.Bs aus Staucha“

„Ostermontag 1997
Liebe Käte, lieber Gottfried,

als am Ostersonnabend der „Schnelle Paketdienst“ an der Haustür
klingelte, mussten wir annehmen, dass es sich um die
täglichen Anlieferungen für unsere Jungs handele. Wir erledigen
die Post für sie .Die Hauptlast hat auch hier unsere liebe Oma.
Meistens schellt die Klingel,wenn ich zum Mittagsschläfchen
darniederliege. Traudel kann mittags nicht schlafen und hört
somit jede Regung an der Haustür.
Der Zusteller, ein freundlicher Herr, sagte dieses Mal:“ Heute
habe ich etwas für sie persönlich. Ihr Name steht auf dem
Päckchen!“
Traudel konnte sich denken, welchen Inhalt es sei, als sie Deinen
Namen las, liebe Käte.
Nichtsahnend rieb ich mir die Augen,als ich 14.30 Uhr aus
Morpheus Armen mich zum, wie immer, bereits gedeckten Kaffeetisch
begab.“Der Osterhase war auch für uns da „,vernahm ich von
meinem „Herzchen“.
Mit leuchtenden Augen präsentierte sie mir das Päckchen mit der
Film – Kassette. Ganz herzlichen Dank, Dir liebe Käte, und vor allem Deinen Sohn
für die Mühe, den Aufwand, den Ihr Euch um uns machtet.
Selbst besitze ich keinen Video – Rekorder. Mit dem Fahrrad suchte
ich meinen Sohn Hardy auf. Dort wurde sofort ausprobiert, ob wir
den Film anschauen können. Es klappte auf Anhieb.
Köstlich amüsierten wir uns. Die Erinnerungen an Euer Hier sein
wurden wieder lebendig. Lebendig nicht nur gedanklich. Lebendig
im wahrsten Sinne des Wortes, filmlebendig.
Die Jungs sagten:“ Typisch Opa !“ Sie amüsierten sich
köstlich, wie ich Euch auf unserem “ Berg“ so bezeichnen wir
den Garten, wo ich Euch nach Worten ringend, die Grenzziehung zu
erklären versuchte.
Inzwischen hat sich dort eine Menge geändert. Um die Bank und
den Tisch habe ich mit Hilfe eines meiner Enkelsöhne einen
“ Pavillon“ gebaut. Wenn ich mich recht entsinne, erhieltet Ihr
bereits ein Bild davon. Mit Geschwistern und Nachbarn wurden
darin bereits kleine “ Feten“ gefeiert. Wenn man zusammenrückt
können darin zwölf und mehr Personen Platz nehmen.
Das eigentlich bemerkenswerte daran ist die Tatsache, dass das
Bauwerk die Herbst- und Winterstürme relativ unbeschadet über
stand. Vor allem der in den letzten Tagen über uns hinweg
tobende, orkanartige Sturm war eine Herausforderung . Ich hielt es
selbst nicht für möglich, dass ich so solide baute.Es ist ja
ein Bauwerk eines sich anmaßenden Holzhandwerkers.
Im Herbst vergangenen Jahres begann ich den Grasgarten
omzugestalten. Von den hineingegrabenen Muster berichtete ich
auch schon. Inzwischen sind nun die im Herbst gepflanzten
Blumenzwiebeln aufgegangen . Ich kaufte im Gartenmarkt so genannte
Verwilderungsmischungen.In fünf Kreisen habe ich die
einzelnen Arten angeordnet. Es war eine Freude, wenn immer wieder
eine neue Art auf der Boden hervorlugte. In den vergangenen recht
milden Vorfrühlingstagen blühte es nun schon in bunten Farben.
Ich stelle mir es fabelhaft vor, wenn, liebe Käte,Deine 1200
Frühlingsblüher auferstanden sind. Es muss geradezu ein Blumenmeer
in Meyers Garten sich entfalten.
Durch unsere Blumenkultur, angelegt in einem Grasgarten,bin ich
gezwungen, an zahlreichen Tagen Pflegearbeiten durchzuführen.
Obwohl ich sorgfältig den Rasen umgrub,lassen sich die
Queckengräser und sonstigen Unkräuter nicht so ohne weiteres
unterkriegen.Oftmaliges Hacken wird aber den Lebensmut der ungebetenen
Gäste ermüden. Ich hoffe, dass ich Blumenbeete nicht zu Unkrautbeeten
werden lassen muss.
Mir macht es Freude, mich in der frischen Luft zu bewegen.
Ganz vergaß ich noch zu erzählen, dass ich inzwischen noch eine
Bank zusammen zimmerte. Sie bietet vier Personen Platz.Weiß
gestrichen,leuchtet sie nun schone von weitem.Ein Wehrmutstropfen
ist dabei allerdings zu verzeichnen .Nach der Behandlung mit
Lasur und mehrmaligem Streichen nahm ich an, dass die Farbe
trocken sei. Es fühlte und griff sich trocken an. Mit meinen
Zwillingsenkeln transportierte ich das Monstrum auf den „Berg“.
Mit Traudel führten wir die erste Sitzprobe durch.
Es war erbaulich in unseren Blümchen in der Sonne zu sitzen.
Mit meinem Bruder Hermann spazierte ich ebenfalls auf den „Berg“
Auf dem Hinwege stellte er fest, dass ich weiße Flecken am
Hosenboden habe.Ich ahnte böses. Die wahrscheinlich zu frühe
Sitzprobe, hatte ihr Übriges getan. Tatsächlich waren lauter
kleine Tupfer auf meinem Hosenboden und auch Traudels Rock hatte
kleine Flecken abbekommen. Eine ganze Woche lang hat Traudel nun
versucht, die Schäden wieder zu beheben.
Wenn die Farbe auf der Bank genau so fest und zäh ist, wie auf
unseren Kleidungsstücken, muss ich mir um deren Lebensdauer
keine Sorge machen.
Als ich vormittags den Brief begann, überraschten uns meine
Chemnitzer Cousine mit Tochter und Schwiegersohn. Die Christa ist
eine liebenswerte Person. Anheimelnd ist ihr etwas singender
Chemnitzer Dialekt . Wenn sie zu Familienfeiern anwesend war,
konnte sie mit amüsanten Witzeleien und Reimereien die ganze “ Meute“
unterhalten. Uns verbindet eine lebenslange Freundschaft. Auch ihr zu früh
verstorbener Mann, der Horst, ein Motorsportspezialist,trug zur Geselligkeit bei .
Ihnen hatte ich von meinen Anpflanzungen berichtet. Ein Besuch auf
dem „Berg“ war dem zufolge ebenfalls im Programm.
Er kann sich noch nicht mit dem gepflegten Garten der Tochter meiner Cousine
vergleichen. 20 – 30 km von Chemnitz entfernt, in Würschnitz im Erzgebirge, befindet
er sich. Eine Wohnlaube bietet Wohnmöglichkeit. Sehr schön kultivierte
Zierpflanzen und Stauden sind eine Augenweide. Für die Großstädter eine Erholungsmöglichkeit gepflegter Art.
Auch der Ostermontagsnachmittagsausflug, ( ein ziemlich langes
Wort) hatte auch mit unserem „Berg“ zu tun.
Zunächst erfüllten wir Traudels Wunsch,Noschkowitz zu
Besuchen. Noschkowitz ist ein Ort südwestlich von Ostrau.
Gottfried wird sich erinnern, wo das sein könnte. Dort befindet
sich ein großer Herrensitz. 50 Jahre lang nichts unternommen, und
zum Erhalt beigetragen. Der ehemalige Rittergutspächter vom
Stauchaer Gut hatte dort seinen Sitz. Traudel wollte das Anwesen
einmal sehen . Ich konnte mich daran erinnern. Mein Großvater
pachtete dort die Ernten der Obstanpflanzungen. Der damals kleine Hans
musste den Obstpflückern mit dem Fahrrad das Mittagessen
zuliefern. Eine Radpartie von 11 km hin und 11 km zurück. Kein
Wunder, dass für die Schularbeiten zu wenig Zeit blieb.
Als diese Rittergutsbesitzer noch in Staucha wohnten, durfte ich
mit deren Sohn nach dem Schulunterricht in der Grundschule
Spielkamerad sein. Erlebnisreich war für mich damals die Fahrt
mit dem Tretauto des Franz-Ferdinand im gepflegten Park.
Ein Erlebnis wie aus einer anderen Welt, ein Tretauto, für mich.
Wie alle Großgrundbesitzer wurde auch das Stauchaer Rittergut
enteignet. Trotz der permanenten Finanznot wird das Herrenhaus
jetzt rekonstruiert und es erstrahlt bereits in alter Pracht.
Die anderen Gebäude des Vierseitenanwesens verfallen allerdings
so vor sich hin.
Vor etwas zwei Jahren hat Traudel die ehemaligen
Ritterguts Pächter auf dem Friedhof zufällig getroffen . Sie
konnte sich an die Töchter ebenfalls noch erinnern Es ist ja schon mehr
als ein halbes Jahrhundert her.
Aber diese kleine Begebenheit nur am Rande.
Der eigentliche Zweck des Ostermontagnachmittagsausflugs war die
Fahrt nach Mügeln. Mügeln ist eine Kleinstadt,etwa 15 km
westlich von Staucha. Dort soll es bei einem Schmied noch Karbid
geben . Karbid benötige ich, um gegen die Untergrundbewegung im
Blumengarten mit Sprengwirkung vorzugehen. Karbid bildet mit
Wasser vermengt Azetylen- Gas. In den Gängen der Wühlmäuse mit
einem Funken zur Entzündung gebracht,entsteht eine kleine
Explosion und vertreibt die Viehcher.In schlimmsten Falle
platzen die Lungen. Ich drücke mich so vorsichtig aus, damit
ich mit Tierschützern nicht ins Gehege komme.
Die drastischen Maßnahmen sind erforderlich, da erhebliche
Schäden durch die Wühlmäuse entstehen.
Jetzt bin ich schon wieder ins Plaudern gekommen .
Aber ich unterhalte mich sehr gern mit Euch .
Beeindruckt sind wir von Deiner Geburtstagsfeier, liebe Käte. Wir erlebten im
Film mit, welche Freude es Dir bereitete, Deinen Verwandten und
Freunden zu Deinem Siebzigsten eine Freude zu bereiten.
Umgekehrt konnte man miterleben, welche Freude es den Geladenen
bereitete, bei Dir zu Gast zu sein.
Es war ein enormes Unternehmen. Aber schließlich wird man ja
Siebzig nicht alle Tage.
Wir hatten mit den interessanten Aufnahmen Anteil am Geschehen
Deines Wiegenfestes.
Nun habe ich schon wieder viel zu viel geschrieben.
Ich tue es aber gern. Aus Dankbarkeit für Deine, liebe Käte, so
freundliche Aufmerksamkeit.
Heute nun recht herzlichen Dank.
Ganz herzliche Grüße Euch beiden aus Staucha, verbunden mit
dem Wunsche, dass Euch unser Schriebs bei Gesundheit und
Wohlergehen erreichen möge.

Eure Gertraud und Hans Bs.“
6.03.1998

Liebe Käte,
wir danken Dir ganz herzlich für Deinen lieben Brief und die
sehr schönen Bilder aus Deinem gepflegten Garten.
Du hast recht, das Regenwetter geht einem allmählich auf den,
wie man so schön sagt, „Keks“.
Jede regenfreie Minute nutzte ich, um mich auf unserem “ Berge“ zu
betätigen. Beim Sonntagsspaziergang führt der Weg von uns beiden
über den Garten.
Arbeit gibt es immer. Weitere Grasflächen grub ich im Herbst um.
Jetzt gilt es die aufkeimenden Gräser und Unkräuter durch
Grubbern zu stören .
Grossen Schaden fügten mir die Wühlmäuse zu. Auf den
Dreiecksbeeten; fraßen sie oder verschleppten sie fast sämtliche
Tulpen. Im Winter bin ich öfters gegangen und schloss die
Luftlöcher der Quälgeister. Trotzdem haben sie mindestes 100
Tulpen vertilgt oder verschleppt. Mal sehen .ob sie möglicher
weise woanders erscheinen, Selbst die Krokusse verschmähen sie
nicht. Einzig, die Narzissen rührten sie offensichtlich nicht an.
Man wird sich auf diese Gewohnheiten einstellen müssen.
Auch der größtes Teil der Yucca wurde von den Viechern so
benagt, dass sie nicht ordentlich gedeihen.
Am ehesten freue ich mich über die Studentenblumen ( Tagetes )und
Zinnien, die auf den Bildern, die wir Dir sandten, den Blumenflor
bilden. Der eigentümliche Geruch der Tagetes sollte angeblich
die Wühlmäuse vertreiben. Meiner “ Untergrundbewegung“ scheint
das aber gar nichts auszumachen, denn sonst müssten sie bei der
Massierung der Studentenblumen kilometerweit ausgerissen sein.
Im Herbst, nach den vernichtenden Frösten, stellt die Beseitigung
der Sommerblumen eine Arbeitsspitze dar. Eine Arbeit, die
mir seither noch keine besonderen Schwierigkeiten bereitete.
Wichtig ist mir bei allen Arbeiten, dass ich dort auf dem „Berge“,
wenn ich mich anstrenge, wenn ich auch mal ganz schön transpiriere,
dass lästige Ohrengeräusch nicht mehr spüre.
Das Transpirieren geht manchmal soweit,dass Traudel mir,wenn
ich gegen 11.30 Uhr zum Mittagessen erscheine, das an der Haut
klebende Unterhemd vom Leib ziehen muss.
Von der Tochter meiner Cousine in Chemnitz, deren Patenonkel ich
bin, erhielt ich im Spätherbst eine ganze “ Wagenladung“ von mir
dem Namen nach unbekannten Steingartenpflanzen und Stauden.
Ich trennte sie jeweils in acht Teile. Somit konnte ich sie auf alle acht
längliche Beete verteilen; Hoffentlich teilte ich sie nicht zu sehr ein
und schränkte damit ihre Überlebensfähigkeit. Na, mal sehen,
was sich da am Ende zeigen wird. Und; was mir die Wühlmäuse
übrig lassen.
Ja, ja,Käte, Du siehst, was wir Hobbygärtner an Problemen zu
bewältigen haben. Aber wenn es dann wieder blüht und wir auf
unserer Bank vor allem sonntags Mundharmonika spielend die Flora
und natürlich auch die Fauna genießen, sind alle Schwierigkeiten
vergessen.
Montags geht´ s dann wieder von vorne los.
Traudel stellt auch immer wieder die Frage, was soll aus allem dem
werden, wenn wir einmal nicht mehr können.
Da ich, wie Du richtig erkannt hast, Optimist bin, gehe ich davon
aus, dass der Allmächtige uns noch eine angemessene Zeit schenkt.
Genau wie Dein Sohn, haben unsere Nachkömmlinge keinerlei
Ambitionen für den Garten. Ausnahmen sind die beiden Schwieger-
Töchter, die ihre Gärten geradezu akribisch pflegen.
Der Opa hilft bei einem Sohn noch tatkräftig mit, damit Gemüse
und Kräuter gedeihen.Im vergangen Jahr ernteten wir in beiden
Gemüsegärten so viele Kartoffeln, dass wir unsere liebe Not
haben werden,sie zu vertilgen, obwohl ständig neben den Großeltern
mindestens 3 zusätzlichen Tischgästen der Hunger gestillt
werden muss.
Oh ja, liebe Käte, mit den lieben Kindern hat man seine Sorgen.
Du fragtest, wie es unseren Söhnen erginge?
Dass sie die GmbH aufgeben mussten, hatten wir Dir sicherlich
schon erzählt!?
Durch einen dubiosen Konkurs eines Hauptauftragnehmers, für den
sie in Erfurt ein großes Geschäftshaus installierten,er ließ
sie mit über 500 TDM sitzen, frage mich nicht woher er war, konnten
sie die Liquidität nicht mehr aufrechterhalten .
Damit sie entlastet wurden um sich um Arbeit zu kümmern, stellte
ich mich als Liquidator bereit und schlage mich nun mit den
Fährnissen dieses Fiaskos herum . Aus Mittellosigkeit, wir konnten
nicht mehr bezahlen, stellte das Steuerbüro die Tätigkeit für uns ein .
Mir blieb nichts anderes; übrig, als selbst die Bilanz 1996 mit Hilfe
von Hardy noch anzufertigen und gegenüber dem Finanzamt zu verteidigen.
usw. usw.
Was macht man nicht alles für die lieben Kinder !?
Im Nachhinein macheich mir Vorwürfe, dass ich mich leider
entschloss,jahrelang meinen Jungs nicht hineinzureden. Es
sah erst auch gut aus. Aber vielleicht hätte die Erfahrung doch
manches verhüten können. Hätte!
Viel zu rücksichtsvoll sind sie mit ihren Arbeitnehmern – DDR –
Manieren – umgegangen. Nun werden sie von diesem Ges. noch
verklagt, hatten ein halbes Jahr keinen Pfennig Geld erhalten und
müssen von den Gläubigern noch Prozesse erwarten.
In Wirklichkeit gerieten sie in diesen Schlammassel, wie der
Blinde zur Ohrfeige durch die verbrecherischen Manieren anderer.
Aber Käte, was soll’s? Jammern hilft nun nicht mehr.
Mit meinem gesamten Ersparten konnte ich zumindest verhindern,
dass die hohe Bürgschaft auf Wolframs Haus abgelöst werden
konnte. Wenn das nicht gelungen wäre, würden sie heute bereits
nicht mehr neben uns wohnen können.
Neues Thema:
Nun unterzog ich mich im Krankhaus Riesa einem Prostataeingriff.
Zunächst sah alles gutartig aus. Schon wieder Zuhause
wurde mir mitgeteilt, dass ich wieder einrücken müsse,da man
Bösartiges entdeckt habe. In Dresden wurde ich daraufhin
radiologisch untersucht. Glücklicherweise haben sich die
Karzinome noch nicht überall im Skelett verbreitet, so dass eine
leichte Entwarnung gegeben werden konnte. Ständig werde ich kontrolliert
und man muss sehen, wie sich das entwickelt.
Der Chefarzt sagte zu mir, wenn sie im Laufe von 10 Jahren das
Zeitliche segnen, dann gewiss nicht durch diese Krankheit.
Ein Hoffnungsschimmer.
Nun liebe Käte, zum Problem der Frau Nollau:
Da Ernst Nollau nicht Mitglied der LPG “ Sonnenschein“, also meiner
Genossenschaft war, sondern der LPG Tierproduktion “ Neuer Weg „
angehörte, setzte ich mich mit dem Herrn in Verbindung, der im
Auftrage des Liquidators dieser Genossenschaft tätig ist.
Folgendes ist dazu festzustellen:
Ernst Nollau war kein Landeinbringer.
Seine 0,7 ha, die gleich hinter seinem Hause lagen, hat er
ständig individuell bewirtschaftet, also selbst genutzt.
Nach dem Umzug von Nollaus in eine der LPG “ Neuer Weg“
zustehenden Wohnung in Stauchitz, vermachte er sein Haus in
Staucha und den Grund und Boden seiner Tochter.
Seine Tochter verkaufte das Anwesen an die Fam. Berndt
Die reine Mitgliedschaft in dieser Genossenschaft begründet
keine Ansprüche.
Ohne genau Kenntnisse kann ich aber feststellen, dass Mitglieder
dieser Genossenschaft bisher keinerlei Entschädigungen vom
Liquidator erhielten .Und wenn überhaupt, so begründet Ansprüche
offensichtlich nur Landeinbringen.
Das Landwirtschaftsanpassungsgesetz mit seinen vom Bundestag
beschlossenen Novellen , gibt für Ansprüche eine bestimmte
Reihenfolge vor.
Leider kann ich dazu nicht mehr sagen.
Gleiches kann ich leider nur der Frau Nollau mitteilen. Sie wird
enttäuscht sein.
Wenn man von ihrem Schicksale liest, so ist es auch nicht einfach
zu ertragen.
Liebe Käte, letztlich freuen wir uns darüber,dass es mit
Gottfrieds Familie zu einvernehmlichen Begegnungen kommt.
Sei froh, dass Du in dieser Weise auseinander gekommen bist.
Welche Sorgen hättest Du, wenn er noch bei Dir wäre.
Liebe Käte, zu schade ist es, dass Deine Busreise an Traudels
Geburtstag stattfindet Wir hatten eigentlich vor, Dich in Rathen
zu besuchen. Am Geburtstag hat Traudel aber Gäste. Leider passt
es da nicht.
Wir freuen uns trotzdem, dass Du eine Reise in´s
Elbsandsteingebirge unternimmst. Du wirst sehen, es wird ein
Erlebnis.
Wie immer habe ich mich ganz schön verplaudert.
Wir hoffen, dass meine Zeilen Dich bei Gesundheit erreichen und
wünschen Dir und Deinem Sohn mit seiner Gefährtin alles
erdenklich Gute.

Herzlichst Deine
Gertraud und Hans Bs. aus Staucha
im Freistaat Sachsen

Als wir bei unserer Fahrt nach Dänemark den Nord – Ostseekanal, den Kaiser-Wilhelm-Kanal überquerten, rief das Langzeitgedächtnis die Erlebnisse zurück, die sich im weitesten Sinne damit verbinden.

Kommentar abgeben

Du musst Dich anmelden um einen Kommentar abzugeben.