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Der Hunger
trieb uns bei Ebbe in die Nordsee, um Krabben zu sammeln. Wenn ich daran denke, knirschen mir heute noch die Zähne. Den Sand in dem Viehzeug brachten wir nie ganz heraus. Trotzdem wurden die Krabben verzehrt.
Mit „Mokka-Fu“ als Fettersatz brieten wir sie, um sie überhaupt geniessbar herzurichten. Auf der Halbinsel Eiderstätt internierten uns die Engländer in den ersten Wochen nach der Rückkehr aus Dänemark. Mit 100 Gramm Brot am Tage knurrte der Magen beträchtlich.
Das Schlämmerdasein in Dänemark blieb als Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkrieges. Wie wir es erlebten, war es zu ertragen.
Ein wenig verbesserte sich die Lage, als wir weiter nach Süden verlegt wurden.
In den Baracken einer Flakstellung am Kaiser-Wilhelm-Kanal, Nord- Ostsee-Kanal, verbrachten wir Monate bis zur Entlassung.
Versorgungsseitig von anfangs miserabel bis letztlich sehr gut, mussten „Klippen“ überwunden werden.
Der Kanal durfte nach Süden nicht überquert werden.
Um Lebensmittel zu organisieren, versuchten ein Kamerad und ich den Kanal durchzuschwimmen.
Wir hatten erfahren, dass Bauern südlich des Kanals noch Essbares zu verkaufen hätten. Der Hunger und die damit verbundene „Unzufriedenheit“ der Truppe, der wir als junge Hüpfer im Auftrage der Engländer bevorstanden, ließ uns nichts unversucht lassen.
Wir glaubten den Rhythmus der englischen Kontrollfahrten erkundet zu haben. Mit deutschen Schnellbooten fuhren sie auf dem Kanal Kontrollen, um Ausbrüche aus dem nördlich des Kanals eingerichteten Internierungsgebiet zu unterbinden. Repatriierte deutsche Truppenteile befanden sich in diesem Gebiet Schleswig-Holsteins. Unsere Bekleidungsstücke auf dem Kopf durchschwammen wir den Kanal. Fast am jenseitigen Ufer angelangt, kam ein Boot, sah uns und zog uns aus dem Wasser. Aufgefischt, Unterarme kontrolliert, ob SS-Tätowierungen an den Unterarmen vorhanden waren, mit rüden Flüchen bedacht, ging´s in Badehose bekleidet nach Brunsbüttelkoog zur englischen Kommandantur. Es muss ein illustres Bild abgegeben haben. Vorn zwei Engländer mit aufgepflanztem Seitengewehr. In der Mitte zwei fast nackte junge Deutsche. Dahinter zwei Engländer.
Während der Überprüfung, geruhte der Verhandlungsführer die Beine nicht vom Tisch zu nehmen. Als Sieger demonstrierten die Briten, wie man die Verlierer demütigt. Jahrhunderte Kolonialerfahrung waren dafür Vorbild.
Nachdem in langwierigen Verhandlungen die Identität festgestellt war, durften wir nach Hause laufen und erhielten drei Tage Stubenarrest. Von der Lagerleitung konnte glaubhaft der Zweck unseres illegalen Versuchs den Kanal zu überqueren, dargelegt werden.
Wenn man mit Engländern zu diesem Zeitpunkt konfrontiert wurde, war die Vernehmung zugleich verbunden mit einer intensiven Untersuchung. Sie gipfelte in der Betrachtung des linken Unterarmes. SS-Leute hatte man an dieser Stelle ein Zeichen eintätowiert. Leute mit diesem Zeichen erfuhren eine Sonderbehandlung.

Vor der möglichen Entlassung

im Herbst 1945 wurde ersichtlich, dass in den Westzonen Beheimatete entlassen und in der Ostzone Geborene in so genannte Sühnelager nach Belgien geschleppt würden. Die Eintragung im Soldbuch war entscheidend. Ein Schriftsachverständiger sorgte in meinem Soldbuch dafür, dass ich in Liebenburg am Harz geboren war.
Nachdem uns die Engländer bei der Entlassung von einigen relativ wertvollen persönlichen Dingen befreit hatten, einen Teil konnten wir bei Bauern vorher deponieren und später abholen, wurde ich zu einem Kriegskameraden auf dessen Vaters Domäne nach Liebenburg am Harz entlassen.

Einige Erinnerungen am Kaiser-Wilhelm-Kanal will ich ein wenig ausführlicher beleuchten:

Engländer und wir am Kaiser Wilhelm Kanal

Durch die Niederlage Churchills 1945 bei den Wahlen in England wurde Attlee Premier. Seine politischen Ambitionen waren andere, als die des Vorgängers. Die ursprüngliche Euphorie des gemeinsamen Waffengangs gegen die Russen, endete für uns damit, dass wir geordnet zwar aus Dänemark abzogen. Deutsche Besatzungsstellen hatten offensichtlich die Kriegskassen geleert, uns mit dänischer Währung ausgerüstet, so dass wir täglich an unseren Rastorten beim Rückmarsch, bei Bauern ein Schwein zu Überpreisen kaufen konnten. Den Abschied aus Dänemark liessen wir uns noch einmal schmecken. Ob der römische Schlemmer, Lukullus, als Berater des Gottes ohne Kampf besiegter Krieger, ein Wort für uns einlegte, kann man im Nachhinein schwerlich beantworten. Die meisten Deutschen hungerten, wir als „geschlagene“ Heimkehrer schlemmten uns regelrecht von Dänemark nach Süden durch.
Man merkte es, das Verhältnis zu den Dänen und den Engländern kühlte sich ab. Beim Grenzübertritt nach Deutschland sollte sich der Abschied von diesem so nahrhaften Lande als eine Art Spießrutenlauf gestalten. Vor allem wollten die Dänen uns die Kronen abnehmen, die wir mitschleppten. Das konnten wir verhindern. Wir bildeten uns zunächst ein, damit hätten wir eine bescheidene finanzielle Grundlage. Pfiffig, erklärten die Dänen die im Umlauf befindlichen Kronen eines Tages für ungültig. Unsere erhoffte kleine Devisen-Reserve schmolz dahin. Wir konnten sie günstigstenfalls zur Erinnerung behalten.
Unser Los verschlechterte sich zusehends. Nachdem wir unsere Panzer und Waffen auf einer Wiese irgendwo in Schleswig-Holstein niederlegen durften, wurden wir auf der Halbinsel Eiderstätt interniert. Eine Zeit lang erhielten wir als Verpflegung 100 Gramm Brot pro Tag. Schmalhans war Küchenmeister. Das uns von Fräulein Langlo in Haderslev dankenswerter Weise mitgegebene Käserad, bedeutete nun einen wohlzuhütenden Schatz. Täglich konnte ich eine Scheibe davon zusätzlich einsetzen. Zur Verbesserung des Speisezettels versuchten wir während der Ebbe Krabben in der Nordsee zu fangen und sie mit „Mocca-fuu“ zu braten. Wenn ich daran denke, knirschen mir noch heute die Zähne von dem Sand, den wir trotz zahlreicher Waschversuche nicht richtig entfernen konnten.
Als sich dann alles einigermaßen stabilisierte, verlegte man uns in eine ehemalige Flakstellung direkt am Kaiser-Wilhelm-Kanal bei Brunsbüttel – Koog. Als Offiziere wurden wir von den Engländern wieder bewaffnet und hatten die Aufgabe, eine bestimmte Einheit zu betreuen und dafür zu sorgen, dass alles im Rahmen verlief. Große Sorgen bereitete nach wie vor die schlechte Versorgungslage. Nach allen Seiten wurde Ausschau gehalten, um etwas Essbares zu ergattern.
Alte Pferde kauften wir bei den Bauern für teures Geld. Der Kanal durfte von Niemandem überquert werden. Die Engländer kontrollierten mit Schnellbooten, dass dies eingehalten wurde. Uns war bekannt geworden, dass südlich des Kanals die Bauern noch bestimmte Reserven an Erbsen und Bohnen sowie Getreide zu verkaufen hätten. Wie an diese „Leckereien“ kommen? Über die offiziellen Übergänge kamen nur Leute, die nachweisen konnten, dass sie drüben Verwandte hätten. Schließlich entschlossen wir uns, ein Kamerad und ich, da die Versorgungslage dramatisch schlecht war, ein Durchschwimmen des Kanals zu wagen. Die Kontrollfahrten der Engländer glaubten wir ausgekundschaftet zu haben. Einen Zwischenraum wollten wir nutzen, um „Einkaufen“ zu gehen. Dass Herüberbringen war inzwischen organisierbar geworden. Frisch gewagt ist halb gewonnen. Ausgezogen, die Sachen auf dem Kopf befestigt und ab ging’s durch den Kanal. Der Teufel wollte es, als wir fast drüben waren, kam ein englisches Schnellboot, sah uns, man zerrte uns aus dem Wasser. Zuerst die Kontrolle, ob wir SS-Leute seien. Man musste die Arme breit auseinander sich hinstellen und es wurde geprüft, ob unter den Oberarmen, eine SS-Nummer eintätowiert sei. Bei uns war das nicht der Fall. Wir konnten uns mit dem bescheidenen Englischkenntnissen nicht genügend verteidigen. Ab ging’s nach Brunsbüttel – Koog zur Kommandantur.
Das Schauspiel sah so aus.

Zwei Deutsche,

die Bekleidungstücke unter dem Arm, mit Badehose bekleidet, dahinter und davor zwei schwerbewaffnete Engländer, marschierten wir durch die Stadt zur englischen Dienststelle. Der Diensthabende, bei dem wir abgeliefert wurden, saß in seinem Büro, die Beine auf dem Tisch und ließ sich durch uns durchaus nicht stören. Nachdem der Dolmetscher verfügbar war und die Formalitäten und die Ursachen der Kanalüberquerung einigermaßen glaubhaft geklärt waren, wurden wir zu drei Tagen Stubenarrest verurteilt und konnten von unserer Einheit abgeholt werden. Zu Fuss gings zurück zu unserer Eionheit.
Die Engländer kontrollierten ständig, ob die Vereinbarungen eingehalten wurden. Eines Morgens, wir lagen zu Viert in einem Zimmer noch in den Betten, wurde die Tür aufgerissen und Engländer erschienen. Der Anlass für diese abrupte Kontrolle war unbekannt. Ein Kamerad sagte auf Englisch ein wenig unwirsch:

„How do you do in the morning-time!„

Wenn man es freundlich sagt, kann man es als: Wie geht es ihnen in der Morgenstunde, verstehen. Interpretiert hatten es die Engländer aber ziemlich aufgebracht wahrscheinlich als: Was wollt ihr denn schon so früh am Morgen? Der Kamerad wurde unsanft aus dem Bett gezerrt. Nach Verhandlungen mussten ein anderer Kamerad und ich ihn nach Brunsbüttel – Koog zur Kommandantur begleiten. Dort erhielt er ebenfalls eine allerdings härtere Bestrafung, als wir bei unserem Durchquerungsversuch durch den Kanal.
In den Monaten des Zusammenseins am Kaiser-Wilhelm Kanal verbesserte sich schließlich unsere Lage zusehends. Verschiedenste Unterhaltungs- und Fortbildungsmöglichkeiten konnten genutzt werden.
Da eine breite Palette qualifizierter ehemaliger Soldaten zahlreicher Wissensgebiete verfügbar war, fanden Fortbildungsveranstaltungen jeglicher Art bis hin zu Tanzstundenkursen statt.
Akademische Vorlesungen konnte man ebenso belegen, wie Vorbereitungskurse zur Ablegung der Abi-Prüfung.
Kurzum, es gelang uns, die Internierten zu beschäftigen. Das trostlose Dasein erhellte sich. Für uns Aufsicht-Führende erleichterte sich die Aufgabe, die Ordnung aufrecht zu erhalten.
Den Siegern gaben wir wenig Gründe, irgenwie einschreiten zu müssen.
Man hatte eher den Eindruck, den Engländern war die Organisiertheit ein wenig unheimlich.

Vom Kreuzer „Nürnberg“, der den Engländern unversehrt in die Hände fiel und den sie übernommen hatten, befand sich bei uns die Tanzkapelle. Der damals und auch später noch berühmt Komponist und Bandleader, Will Glahee, leitete die Musiker. Sie gaben Konzerte. Beim Tanzkurs, es tanzten mangels Frauen, nur Männer, konnte ich nur als Frau tanzen. Später, nachdem auch Frauen an Tanveranstaltungen teilnahmen, fragte ich , wenn ich mit einem weiblichen Wesen tanzen wollte, ob sie als Herr tanzen könne. Wenn sie das verneinte, musste ich blamiert mit hochrotem Kopf abziehen, da ich zu diesem Zeitpunkt nicht als Herr tanzen konnte.
Später qualifizierte man sich und das Tanzbein liess sich beidseits schwingen. Sogar ein wenig mit den Füssen konnte ich klappern.
Wenn ich mich recht entsinne, gab es Gelegenheiten, wo selbst auf Tischen gesteppt wurde.
Eine lustige Begebenheit ist mir aus unseren kulturellen Bemühungen noch erinnerlich:
Ein Soldat konnte den gesamten Schillerschen

„Wilhelm Tell“

in einer Persiflage persiflieren. Leider fällt mir nur noch ein winziges Stück davon ein, nämlich:
„Wilhelm Tell, der schießt nicht etwa mit’s Gewehr, der schießt mit Pfeil und Bogen. Der schießt die Vögels von die Bäums, die Brummers von die Käse, der schießt auf tausend Meter dir, die Pobels von die Näse“

Die Palette der Wissens- und Unterhaltungsgebiete war schier unerschöpflich. Mangels anderer Beschäftigung und der Tatsache, dass unter den zahlreichen nichtstuenden Internierten Vertreter aller Wissensgebiete vorhanden waren, wurde für Kurzweil umfassend gesorgt.
Als wir dann im Herbst 1945 von den Engländern entlassen wurden, hatte sich die Versorgungslage so verbessert, dass für jeden noch ein Kuchen gebacken werden konnte, um die Vorräte aufzubrauchen.
Damit man in die Westzonen entlassen werden konnte, musste man in ihnen beheimatet sein. Bei mir war das nicht der Fall. Einem Schriftsachverständigen gelang es schließlich, aus meinem Heimatort im Wehrpass, Liebenburg am Harz zu machen. In Liebenburg geboren, wurde ich dorthin entlassen. Mein Offiziersschulkamerad, Wolfram von Sch-H, sagte mir zu, dass ich mit zu ihm kommen könne. Diejenigen, denen ein Unterkommen im Westen nicht möglich war und die im nicht von den Alliierten besetzten Gebiet Deutschlands beheimatet waren, wurden in so genannte Sühnelager nach Belgien verfrachtet. Dort sollen viele die Strapazen nicht überstanden haben.

Beim Entlassungsvorgang

entsinne ich mich daran, das man vor sich seine sämtlichen Habseligkeiten ausgebreitet haben musste. Engländer, die Reitpeitsche in den Händen, in gelblichen Rindslederstiefeln, unflätige Bemerkungen auf den Lippen, wie :
”Focken german bastard!” nahmen uns noch ab, was ihnen gefiel.
Ich hatte mir aus einem Bekleidungslager in Ostpolen, das geräumt wurde, einen relativ guten Stoffteil, der zu einem Anzug gereicht hätte, aufgehoben. Der Stoff wurde requiriert. Meine recht gut aussehenden Stiefel flogen zur Seite. Mein Protest wurde mit „german bastard“ quittiert. Glücklicherweise gelang es mir vorher, bei einer Familie einige andere Sachen noch zu deponieren, die ich später abholte. Über Hamburg und Hannover erreichte ich dann Liebenburg.

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