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Rückkehr
– Erster Grenzübertritt –
Schon 1946 entschloss ich mich, während eines Urlaubs einmal nach Hause zu fahren. Das war leichter gesagt, als getan. Mitten durch Deutschland zog sich, zunächst als Demarkationslinie bezeichnet, eine Grenze. Aus dem Buschfunk, wie man heute sagen würde, erfuhr ich, dass östlich von Goslar, im Harz noch die Möglichkeit bestehen würde, die Grenze illegal zu überschreiten. Legal eine Genehmigung zum Besuch in der Ostzone zu erhalten, war so gut wie unmöglich. Eines Tages wurde das Ränzlein geschnürt und ab ging’s in Richtung Ost. Auf westlicher Seite waren wenig Schwierigkeiten zu befürchten. Die Engländer kontrollierten die Grenze nur sehr sporadisch. Nach einem zermürbenden Fußmarsch, über Stock und Stein durch den Wald gelang es mir, bis an das Grenzflüsschen, die Ilse, heranzukommen. An einer geeigneten Stelle kam ich sogar ohne nasse Füße zu bekommen, von Stein zu Stein springend, auf die östliche Seite. Bis hierher war alles ohne besondere Vorkommnisse verlaufen. Aufatmend dachte man, dass alles überstanden sei. Vom Waldrand aus war nur noch eine freie Fläche von paar Hundert Metern zu überwinden. Aus sicherer Deckung beobachtete ich die Vorgänge in dem gegenüberliegenden Dorf. Vor mir lag eine Wiese. In der Mitte verlief wahrscheinlich ein kleiner Bach. Alles sah friedlich aus. Kurz entschlossen ging’s in einem Sturmlauf über die Wiese bis zum nächsten Haus. Völlig ausgepumpt wurde erst ‚mal Luft geschnappt. Bis hierher keine Probleme. Der Rucksack wurde wieder gesattelt und ab gehen sollte es bis zum Bahnhof, der etwas entfernt war. Auf dem Weg zur Straße plötzlich :“ Stoi, Dokument!“
Jetzt war’s passiert. Die Russen hatten aus sicherer Deckung den

Grenzübertritt beobachtet.
Mit einem Fahrzeug brachte man mich zur Schule, in der die Besatzungstruppen residierten. Irgend welchen Widerstand zu leisten, war sinnlos. Mit einem Fußtritt flog ich eine Kellertreppe hinunter. Sie war ziemlich steil und tief. Im Halbdunkel merkte ich, dass ich nicht der Einzige war, dem man dieses Verlies zumutete. Nach Befragung erfuhr ich, dass Manche schon tagelang hier saßen und auf ihre Aburteilung warteten.
Ich hatte wenig Lust, mich so ohne weiteres hier länger aufzuhalten. Als ich mich einigermaßen wieder aufgerappelt hatte, bin ich langsam die Treppe wieder nach oben gestiegen und postierte mich hinter der Tür.
Bei der Ankunft auf dem Schulhof sah ich, wie ein Sowjetsoldat mit einem Messer das Leder eines Sportgerätes, eines Pferdes, zerschnitt. Das schöne gelbe Leder wurde in größeren Stücken herausgetrennt.
Nach einiger Zeit bemerkte ich in dem Raum vor der Kellertür heftiges Stimmengewirr. Irgend etwas besonderes ereignete sich. Ich wagte es aus dem Keller herauszutreten und den Posten, der sich in der Nähe befand, zu bewegen, dass er mich zum Kommandanten brächte. Glück muss man haben ! Wahrscheinlich fand zufällig Besichtigung durch Vorgesetzte statt. Ich wurde vorgeführt. Durch einen Dolmetscher konnte ich erklären, dass mein Grenzübertritt erfolgte, weil ich meinen „todkranken“ Vater aufsuchen wolle. Nachdem man meine Klamotten Stück für Stück durchsuchte aber nichts Brauchbares fand, konnte ich meinen Kram zusammenpacken und tatsächlich zum Bahnhof gehen.
Von Stapelburg, so hieß der Ort, fuhr ich dann über Ilsenburg nach Leipzig, nach Riesa und Stauchitz.
Es war alles strapaziös, aber für einen jungen Menschen von 21 Jahren kein sonderliches Problem.
Zu Hause angekommen, war das Hallo groß. Mutter, Vater, Geschwister und Heimkehrer lagen sich glücklich in den Armen.
Nachdem die Erlebnisse beiderseits berichtet, ausführlich berichtet waren, wurde beraten, wie ich in den Ablauf des inzwischen väterlichen Unternehmens, Bewirtschaftung des 1.5 ha großen mit Obstbäumen bepflanzten Berges, einbezogen werden könne. Vier Wochen half ich zu Hause mit. Es war sehr schwere Arbeit, die der Vater und die Mutter auf sich nahmen. Die wenigen verfügbaren Mittel waren in die Obst-Anlage gesteckt worden. Es galt sie zu erhalten und zu pflegen und gleichzeitig Gemüse zu produzieren, um Leben zu können. Ein außerordentlich schweres Los, welches sich meine Eltern auferlegt hatten.
Mit unermüdlichem Fleiß und körperlicher Anstrengung arbeiteten sie daran.
Nach etwa vier Wochen musste an die
„Rückreise“ gedacht werden.

Das Ränzlein wurde geschnürt Mit allen möglichen Tricks hatte ich mir einen neuen Mantel, aus Igelith, beschaffen können. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Verfahren der Herstellung noch in den Kinderschuhen. Das Ding sah wunderschön aus. Es stank fürchterlich, wenn man damit in einen bestimmten Temperaturbereich kam. Bei bestimmten Temperaturgraden erstarrte das Material und wurde zerbrechlich. Die erträgliche Tragweise musste man ermitteln.
Bis Leipzig war ich bereits gereist. Dort erfuhr ich von Reisenden, dass die Russen die Grenzkontrollen derart verschärft hätten, dass ein Durchkommen unmöglich sei. Ich entschloss mich zunächst die Abreise abzubrechen und mich noch ‚mal richtig kundig zu machen. Nach paar Tagen riskierte ich den Grenzdurchbruch von neuem. Ich hätte ja meinen Berufsabschluss in Frage gestellt, wenn ich nicht wieder im Lehrbetrieb erschienen wäre. In überfülltem Zug kam ich schließlich wieder in Stapelburg an. Man wählte einen Zug, der bei Dunkelheit ankam. Wenn die Leute, die alle aus dem Zug ausstiegen das Gleiche wie ich vor hatten, konnte nur in breiter Front ein Grenzübertritt gewagt werden.
Ältere Leute hingen sich wie Kletten an jüngere und flehten herzzerreißend, man möge sie doch mitnehmen und ihnen zeigen, wie man ungeschoren über die Grenze käme.
Schließlich hatte sich eine bedenklich große Mannschaft versammelt, die nach dem Westen wollten. Das Unterfangen war zum Scheitern verurteilt, wenn ich daran dachte, wie mir beim Herkommen geschah.
Was half es, den Leidensgenossen wurde eindringlich erklärt, dass nur mit größter Vorsicht, möglichst lautlos, wenn überhaupt, ein Durchkommen möglich sei. Vom Dorf bis zum Wald wurde die schmalste Stelle gewählt.
Der Herrgott hatte mit uns ein Einsehen und tatsächlich standen wir unbemerkt vor der „Ilse“. Nur noch wenige Meter und die Freiheit war nahe. Den meisten gelang es, mit trockenen Füßen hinüber zu kommen. Die Menschen lagen sich drüben angekommen in den Armen. Mir dankte man, dass ich sie rübergebracht hätte.
Es glich einem Wunder, dass dieser Grenzdurchbruch so ungeschoren abgegangen war. Warum die Russen uns nicht schnappten, ist mir heute noch unerfindlich. Wahrscheinlich waren solche Massen zu bewältigen, dass wir das Glück hatten, nicht erwischt zu werden.
In strapaziösen Fußmarsch musste man bis Harzburg und Goslar gelangen.
Schließlich konnte ich mich wieder in meinem Lehrbetrieb melden.
Die Grenzübertrittserlebnisse mussten ausgiebig wiedergegeben werden.

Zweite Reise in die Ostzone

Irgendwie beschäftigte mich das Los meiner Eltern derart, dass ich mich entschloss, nach Hause überzusiedeln. Ob dabei auch das „Bedrängt werden“ durch eine Bekannte eine Rolle spielte, die mich per Telegrammen bis in die Heimat verfolgte, ist durchaus möglich.
Zunächst musste bei den amtlichen Stellen eine legale Übersiedelung beantragt werden. Mit Mühe gelang es. Eines Tages stand der Abschied von Liebenburg bevor.
Erleichtert wurde das Weggehen dadurch, dass mir die Art und Weise des Umgangs mit mir und das finanzielle Angebot nicht schmeckte.
Über Kassel und das so genannte Sennelager erfolgte die Repatriierung. Überall musste mit erheblichen Wartezeiten gerechnet werden, da sich die austauschenden Seiten ausgiebig vergewisserten, ob denn die Übersiedler auch nicht Spioneure und Sapogenten seien. Entlausungsprozeduren musste man über sich ergehen lassen.
Schließlich gelang es mir, den Aufenthalt im Sennelager in Grenzen zu halten. Auch in Riesa kam ich ohne größere Probleme ohne so genannte Quarantäne davon. Nach einer bestimmten Zeit durfte ich mich noch einmal melden. So war ich zum ostzonalen Menschen geworden.

Der Böttcherberg

Ohne große Umschweife wurde ich in den elterlichen Betrieb integriert. Bei freier Kost und Logis und einer monatlichen Abfindung von 75 Mark arbeitete ich dann ab 1947 bis zu meiner Eheschließung bei den Eltern.
Schon weiter oben erwähnte ich, dass die Arbeit sehr schwer war.
Wirtschaftlich stand die DDR an den Anfängen. Der Landwirtschaft und dem Gartenbau fiel zunehmend Bedeutung zu, da man sich selbst versorgen musste. Autarkie – Bestrebungen der DDR verfolgten mich und uns bis zur Wende, mit ihren Nach – und Vorteilen.
Mit Mühe gelang es, durch Gemüsebau und den Absatz, der durch Sollvorgaben gesichert war, ein ständig sich verbessertes Ergebnis zu erzielen.
Beinahe hätte das ungewöhnlich trockene Jahr 1947 alle Anstrengungen zum Scheitern verurteilt. Mit unermüdlichen Anstrengungen wurden die fast vertrocknenden Bäumchen am Leben erhalten. Zugleich begannen wir an den gefährdeten Stellen des Steilhanges tiefe Gräben zu schachten, um bei Wolkenbrüchen den Boden und das Wasser erhalten zu können. Für den Außenstehenden nicht begreifbar, welche Mühen damit verbunden waren.
Wenn am Jahresende der Vater dann seine Buchführungsergebnisse veröffentlichte und festgestellt werden konnte, dass wiederum ein besseres Ergebnis erreicht worden war, konnte für das kommende Jahr neue Hoffnung geschöpft werden.
Für mich bedeutete die Mithilfe bei den Eltern keine Perspektive. Wollte ich einmal eine Familie gründen, musste eine berufliche Entwicklung begonnen werden.
Als junger Mann, Anfang der 20ziger Jahre, sah ich mich also um.
Es hätte die Möglichkeit bestanden, den Lehrerberuf zu ergreifen. Die politischen Abhängigkeiten ließen mich davon absehen, eingedenk dessen, wie’s dem Vater ergangen war und meine fehlgeschlagene militärische Laufbahn augenscheinlich verdeutlichte.

Einer politischen Partei beizutreten,

konnte und wollte ich mich zunächst nicht entscheiden.
Um eine im Ort aus Altersgründen freiwerdende Aufkaufstelle für Obst und Gemüse bewarb ich mich und erhielt schließlich aus mehreren Bewerbern heraus die Lizenz, freiberuflich den Aufkauf auszuführen.
Die Probleme häuften sich. Vorhandene Räumlichkeiten mussten angemietet werden. Sie waren außerordentlich unzulänglich.
Die Tätigkeit des Aufkaufs verlief nicht ohne Schwierigkeiten, da neben den staatlichen Aufkaufstellen noch private Großhändler bei den Gemüse- und Obsterzeugern aufzukaufen versuchten.
Als so genanntes Büro wurde ein ehemaliger Hühnerstall hergerichtet. Probleme über Probleme waren zu bewältigen.
Zu Beginn meiner neuen Tätigkeit bildeten sich die Preise noch nach Angebot und Nachfrage. Ausreichende Erfahrungen auf diesen Gebiet mussten gesammelt werden. Mangels ausreichender Verdienstmöglichkeiten auf Grund einer knapp bemessenen Provision, konnte die Belade – und Abrechnungstätigkeit nur selbst ausgeführt werden. In erschöpfender Tag -und Nachtarbeit, später mit einer Buchführungshilfe und unter Mithilfe meiner Gattin.
Privatinitiative wurde von der DDR nicht unbedingt gefördert.
Vor mir stand die Frage, Beschäftigter eines Volkseigenen Erfassungs – und Aufkaufbetriebes zu werden.
Der ständig steigende Gemüseanbau bedingte die Vergrößerung der Aufkaufstelle. Mit meiner sehr arbeitsamen Kollegin R. verband mich jahrzehntelange gemeinsame Arbeit, die darin mündete, dass sie die Aufkauftätigkeit später in der Genossenschaft leitete. In vorhergehenden Ausführungen ist darauf bereits erschöpfend eingegangen worden.

Nach der Wende

verabschiedeten wir uns von unserem „Wartburg“.
Eigentlich wollte ich mich nicht von ihm trennen.
Schon mit VW-Motor, hätte er mich eigentlich „aushalten“ können.
Ein annehmbares Angebot von meiner Werkstatt in Lommatzsch ließ mich dann aber doch einen „VW – Golf – Europe“ kaufen.

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