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Ein gedanklicher Rücksprung ins Jahr 1945
lässt mich an folgendes erinnern:
Den Kriegswirren im Osten, der so genannten Frontbewährung, konnte ich einigermassen ungeschoren entrinnen.
Der Weg führte mich von Berlin-Stahnsdorf über Wien nach Iassy in Rumänien zur 24.Panzerdivision.
Reichsfreiherr von Edelsheim hatte sie in verlustreichen Kämpfen bis dahin geführt.
Aus einer ehemals Kavallerietradition bewahrenden stolzen Truppe, war ein geschundenes Häuflein mit nur noch wenigen intakten Panzern geworden.
Ein Hoffnungsschimmer bestand: Zur Neuaufstellung sollte es von Südosteuropa nach Nordosteuropa,nach Ostpreussen,gehen. Offensichtlich wollte man dem geschundenem Haufen die Tage während des Transports als Atempause gönnen.
Dramatische Kriegsereignisse vereitelten diesen Plan.
Nach dem misslungenen Anschlag auf Hitler, hatte sich im Mittelabschnitt der Ostfront eine Frontlücke gebildet. Alle irgendwie verfügbaren Truppen warf man in diesen Abschnitt. Auf Transportzügen verladen, befand sich die 24. Panzerdivision zu diesem Zeitpunkt etwa in Mittelungarn. Ungeachtet der kaum noch vorhandenen Kampffähigkeit, wurde diese Einheit über den Karpaten – Dukla – Pass nach Lemberg(Wlov)geleitet.
Im letzten Moment vor dem Eintreffen der Russen in Lemberg gelang es, die Bahnentladung zu beenden und sich neu zu formieren. In verlustreichen Rückzugsgefechten kämpfte sich die 24. Panzerdivission über die Weichsel bis zur Slowakei hindurch. Dort hat sie nach einem Aufstand regulierend einwirken müssen.
Meine Frontbewährung ging zwischenzeitlich zu Ende. In Berlin-Stahnsdorf sammelten sich die frontbewährten Fahnenjunker zur weiteren Ausbildung. Nach Freienwalde an der Oder versetzt, erhielt die Sondertruppe den Auftrag, die inzwischen an der Oder angelangten Russen in einem Brückenkopf bis nach Bad-Schönfliess zurückzudrängen.
Dort am 30.1.1945 von den Russen eingeschlossen, erhielten wir den Auftrag, uns an die 50 km entfernte Oder durchzukämpfen und über das Eis der zugefrorenen Oder die deutschen Linien wieder zu erreichen.
Mit Frostschäden an den Beinen gelang uns dieses Abenteuer.
In einem Kommandounternehmen über eine noch intakte Brücke unter dem Beschuss von russischen Scharfschützen wurde eine Kuhherde über die Oder getrieben, um sie den Russen nicht in die Hände fallen zu lassen. Nach Berlin zurückbeordert, erhielten wir den Auftrag, Volkssturmmänner auszubilden.
Die alten Herren sollten das waidwunde Deutschland retten.
Nach Bombenangriffen mussten wir verschüttete Bürger in Berlin aus den Trümmern ihrer Häuser befreien. Im Zoobunker waren wir während alliierter Angriffe zu Hilfsarbeiten eingesetzt.
Schliesslich erhielten wir die Versetzung nach Haderslev in Dänemark zur weiteren Waffenschulausbildung.
An anderer Stelle ging ich auf diese Ereignisse und Hintergründe näher ein. Den Kriegsereignissen und Abenteuern einigermassen glimpflich entronnen, lernte ich in Dänemark

Tante Frieda

kennen.
Mein späteres Leben wurde dadurch in sehr herzlicher Weise berührt.
Nach der strapaziösen täglichen Ausbildung als Fahnenjunker in Haderslev in Dänemark hatte man Muse, seine Freizeit einigermaßen sinnvoll zu gestalten. Ein Kamerad und ich, er hieß Abraham, hatten eine deutsche Bücherei ausgekundschaftet und liehen uns Bücher aus.
Er, mein Kamerad Abraham, hat sich seines Namens wegen mehrerer arischer Nachweise befleißigen müssen.

Sehr freundlich und deutschsprechend lernten wir eine ältere Dame, die Bibliothekarin, Fräulein Frieda Langlo, kennen. Aus der Bekanntschaft entwickelte sich eine Freundschaft Schließlich lud sie uns zu sich in die Prästegade 12 (Priestergasse) ein. Es war ein von der Deutschen Minderheit als Wohnhaus umgebautes ehemaliges Schulhaus. Die Wohnung war für eine ledige alte Dame geräumig. Ihre uns gebotenen Abendessen bleiben unvergesslich. Die kulinarischen Genüsse waren umwerfend. Das Fleisch darauf, was sie uns bot, hatte kaum Platz auf dem Teller. Für uns aus dem karg mit Lebensmitteln versorgten Deutschland kommenden hungrigen jungen Männern, geradezu paradiesische Lukullitäten. Als wir dann Haderslev eines Tages im Mai oder Juni 1945 verließen, füllte sie uns unsere Packtaschen, außer anderen Lebensmitteln, mit einem großen mehrere Kilogramm schweren regelrechten Rad dänischem Käse. Er trug später dazu bei, dass die Überlebenschance größer war.
Die Dankbarkeit, der später als „Tante Frieda“ bezeichneten alten Dame gegenüber, bewegte mich dazu, nach einiger Zeit Ihr zu schreiben. Von meinem Schicksal erzählend, begann eine jahrelange herzliche Freundschaft auch zu meiner sich später entwickelnden Familie.
Ungeachtet der Chronologie springe ich mit der Wiedergabe eines Briefes in das Jahr 1960.
Frl. Langlo schreibt in sehr gutem Deutsch und einer geradezu fabelhaften Schrift Man konnte sich ein Beispiel daran nehmen:

„Kiel, 22.12.1960
Frieda Langlo
Haderslev

Liebe Familie B,

erst möchte ich mich entschuldigen, dass ich Ihnen noch nicht mein Beileid ausdrückte, aber ich war vor meiner Reise so sehr beschäftigt, so dass mir tatsächlich keine Zeit dazu blieb, und ich warten musste, bis ich in Kiel war.
(Ich hatte ihr vom Tode meines Vaters geschrieben)
Wie schwer es ist, einen lieben Menschen zu verlieren, weis ich aus eig’ner Erfahrung; vorher denkt man wohl, dass es schwer sein wird und weis doch nicht, wie schwer es ist. Musste Ihr Vater sehr leiden? Ich hoffe für Sie, dass er einen leichten Tod bekommen hat und dann muss man schon dankbar sein. Mir ist es so ergangen, dass ich, wenn ich zur Ruhe kam, doch einsah, dass der Herrgott es so gemacht hatte, wie es für uns richtig war. Es ist ja nur so schade, dass der Fall in die Vorweihnachtszeit fiel,

Und nun möchte ich Ihnen, Hr.B. recht vielmals für den langen sehr schönen Brief danken, er war mir so ganz aus dem Herzen gesprochen. Es hat mich sehr gefreut, Ihre Ansichten zu hören. Ja, man kann wohl sagen, dass es ein großer Jammer ist, wie die Dinge heute liegen. Wir könnten bestimmt alle gut leben, wenn die Menschen nur vernünftig wären, was soll das alles? Ich begreife ja auch nicht, weshalb so ein großes Reich wie Russl.noch mehr Land haben will, wozu? Aber, wie Sie schreiben, wir kleinen „Hopser“ können nichts d’ran ändern, nein, dann würden wir bestimmt mit all ‚ dem sofort Schluss machen, weil wir unseren „Frieden“ haben wollen. Ein wie herrliches Dasein würden Sie mit Ihrer kleinen, lieben Familie leben!
Es freut mich, dass Sie schon die Ankunft meines Paketes melden konnten, u. ich hoffe, dass es Ihnen gut schmecken wird. Sie schreiben, dass es Ihnen peinlich sei, wenn Sie über die Kinder- Geschenke schreiben sollten, das braucht es nicht zu sein, denn, versetzen Sie sich in meine Lage, da möchten Sie auch lieber, dass das Geschickte Freude macht, nicht wahr?
Bei meiner Ankunft in Kiel habe ich ein Päckchen „LegO“ in den Kasten gesteckt, da werden die Jungens sich dann freuen, denn es ist doch ein sehr nettes Spielzeug, was für große Gebäude bauen sie daraus!
Ja, HrB, so müsste es sein, wie es früher war, dass man gern gemeinsam arbeitet und sich dann nach und nach etwas neues Brauchbares anschafft. Aber heute sind die Menschen so übersatt, dass sie sich an nichts mehr erfreuen können, jeder will immer höher hinauf. Sie erwähnen, dass es bei Ihnen nicht mühelos vonstatten gegangen ist, nein, Hr. B, das weis ich, dass dazu Energie u Ausdauer gehört. Und ich freue mich immer wieder mit Ihnen, wenn Sie eine Neu-Anschaffung gemacht haben. Ich gehöre ja zur alten Schule und habe Verständnis und Sinn für solches.
Sie meinen, dass es viel ist, dass ich unbekannten Leuten schicke, ja das ist damals durch Ihren Brief gekommen u. hat sich dann weiterentwickelt. Ich habe noch 2 Familien in der Ostzone, die ich zu Weihnachten betreue. Sie u. eine Frau Rudnick in Sonneberg/Thür H.Rudnick kam häufiger zu mir, aber leider musste er bei seiner Heimkehr eine schwere Magen-Operation durchmachen u. starb. Nun blieb seine Frau mit zwei kleinen Kindern zurück, ihr habe ich da auch immer geschickt, auch zur Konfirmation usw. Aber ich habe immer meine Freude daran gehabt, die Tochter heiratete schon mit 18 Jahren, und sie schreibt immer so niedlich, sie vergisst nie, g’rade wie sie, von einem Ausflug einen Gruß zu senden.
Sie wissen doch, die Freude fällt in’s eigene Herz zurück.
Weil ich nun sah, dass es Ihnen, Frau B, gut ging, da war es mir eigentlich peinlich, Ihnen Lebensmittel zu senden u. fragte sie’mal danach, denn ich möchte Sie doch nicht beleidigen. Aber Sie antworteten mir, dass Sie sich zum Päckchen freuten usw. werde ich beibleiben, solange ich kann. Ich bin heute 75 Jahre alt u. bis auf Gichtbeschwerden gesund, aber man weis ja nicht wie lange?
Im übrigen ist mein Leben auch nicht lauter Sonnenschein gewesen, daher fühle ich wohl mit den Leuten, die nicht auf Rosen gebettet sind u. gebe gern von meiner nicht all zu großen Einnahmen.
Bis nach dem 1. Weltkrieg ging es mir sehr gut, aber dann fing es an. Wir hatten eine goldene Kinderzeit, ein großes Geschäft (Bäckerei), tägl. 20 Leute, aber dann kam die Abtretung u. wer von den Deutschen nicht ein großes Maul hatte, der wurde rasiert, u. so ging es abwärts. Meine Mutter, die viel kränkelte, starb 19. Ihre Mutter blieb bei uns bis sie 1930 102 Jahre alt, starb. Meine beiden Schwestern waren verheiratet und zogen nach Deutschland. Ich war seit 1910 bei meinem unverheirateten Bruder als Wirtschafterin. Unser schönes großes Gewese musste verkauft werden, mein Bruder kränkelte u. starb dann 1934. Nun war ich allein u. es galt, mich durchzusetzen, welches mir auch mit Energie gelang. Wir waren immer eine angesehene Familie, u. da trat man an mich heran, ob ich die Leitung der deutschen Bücherei übernehmen wollte, auch das habe ich gemeistert, aber das Gehalt war nur 50 Kronen monatl, so dass ich dann zur Nadel griff, daher hatte ich bald einen großen Kundenkreis, aber ich konnte wieder sparen und konnte meinen Schwestern in der Notzeit helfen.
Heute geht es mir wieder gut. Sie kennen ja meine Wohnung, Hr. B. Ich habe wieder ein nettes Zuhause. Weil sie mir so offen schrieben, wollte ich Ihnen ‚mal etwas aus meinem Leben erzählen. Als mein Bruder starb, wäre ich am liebsten mitgegangen, weil das Leben keinen Sinn mehr für mich hatte, aber ich rappelte mich auf u. habe ja auch gesehen, dass ich doch noch gebraucht wurde. Manchmal schicke ich monatlich bis zu 7 gr. Pakete nach Deutschland, und außerdem habe ich vielen Flüchtlingen geholfen. Wenn man die armen Leute ankommen sah, blutete einem das Herz. Und durch die Bücherei erfuhren die Leute, dass sie Zeug zu mir bringen konnten. Ich hatte auch eine Frau zum Saubermachen, aber wenn ich in die Bücherei ging, dann kamen sie von überall, so dass die Zimmer voll waren. Ich habe dann abends die Sachen zugeschnitten, ja, das war eine auf- und anregende Zeit! Und wie ist es heute? Es kann nicht fein genug werden. Damals waren sie selig, wenn sie alte Sachen bekamen.
Nun bin ich in’s Schreiben geraten, aber nun wissen Sie etwas von meinem Leben, Sie sehen, dass bei mir auch nicht mühelos kam, aber merkwürdig, die meisten denken noch heute, dass ich voll Geld stecke, obgleich dem nicht so ist. Aber ich bin zufrieden, ich habe, was ich brauche u. wenn ich richtig wirtschafte, kann ich auch heute noch and’re Menschen erfreuen.
Nehmen Sie mir mein langes Geschreibsel nicht übel, es kam so über mich! Und nun danke ich nochmals für beide Briefe und wünsche der ganzen Familie ein schönes Weihnachtsfest, sowie ein gesundes, neues Jahr. Immer Ihre Frieda Langlo “

Aus diesen beeindruckenden Zeilen kommt die tiefe humanistische Haltung der mit uns bis zu ihrem Tode in herzlicher Freundschaft verbundenen Deutsch-Dänischen Dame zum Ausdruck. Nie nutzte ich die uneigennützige Hilfsbereitschaft unserer „Tante Frieda“ aus.
Im Gegenteil, ständig musste ich mich der nachdrücklichen Ermahnungen erwehren, dass ich ihr doch schreiben solle, was sie mir schicken könnte.
Mein Anliegen war es, ein wenig Dank durch meine Korrespondenz abzustatten. Über 20 Jahre währte unsere freundschaftliche Verbundenheit.

Eine kleine Begebenheit fällt mir dazu noch ein:

Nachdem ich 1947 endgültig wieder in die damalige Ostzone übergesiedelt war, kam eines Tages ein großes Päckchen aus Dänemark an. Inhalt: Lebensmittel, die es zu dieser Zeit auch bei uns auf dem Lande entweder nicht oder nur auf kärgliche Zuteilung gab.
Auf dem Tisch hatten wir die Kostbarkeiten ausgebreitet und betrachteten staunend die unverhoffte Bereicherung .
Plötzlich klopfte es an der Tür. Nach dem „Herein“ meines Vaters, trat der Bürgermeister ins Wohnzimmer.
Zur Erklärung sei gesagt, dass mein Vater inzwischen wieder den Auftrag erhielt, das Standesamt weiterzuführen. Der Bürgermeister war eine biederer Alt-SPDler, dem man die Aufgabe als Bürgermeister nach den „Nazis“ aufgetragen hatte.
Als Vertreter der Staatsmacht hatte er für die durch die allgemeine Not ins wanken geratene Ordnung zu sorgen.
Eine dienstliche Angelegenheit begründete sein Erscheinen.
Als er nun die für die damalige Zeit ungewöhnliche Anhäufung von Dingen auf dem Tisch entdeckte, die es eigentlich gar nicht gab, sagte er zu meinem Vater: „Max, du bist doch nicht etwa unter die Schieber geraten? Hierzu musst du mir schon eine Erklärung abgeben!“
Ob meine Bemühungen, dem betagten Herrn die Zusammenhänge mit der „Tante Frieda“ zu erklären, erfolgreich waren, weis ich nicht. Vorherrschend war zu dieser Zeit in diesen Kreisen noch die Meinung, dass sich deutsche Soldaten in den besetzten Ausländern nicht so aufgeführt hätten, dass sie Pakete geschickt bekämen. Kopfschüttelnd verlies er uns wieder.
Später hat er den Vater noch ‚mal befragt: „Max, wie das mit dem ganzen Zeug bei euch auf dem Tisch war, musst du mir noch ‚mal erzählen!“

Einen Ausschnitt aus einem Brief vom 24.11.1961 will ich noch einfügen. Er drückt die Betrachtungsweise einer

Ausländern zu den Ereignissen am 13. August

aus. Zugleich aber auch, wie man versuchte die Hilfsbereitschaft auszunutzen

“ Sehen Sie, als am 13.August dies Unmögliche geschah, da war eine West-Berlinerin g’rade eine Zeitlang bei mir. Sie schickt jeden Monat Päckchen an ihre Geschwister in Ost-Berlin u. behauptet, dass die Menschen dort absolut unterstützt werden müssen. Aber, was liest man nicht alles in den dänischen Zeitungen, da kann einem wohl das Grausen kommen!
Kürzlich sprach ich mit Bekannten, die eben in der Zone waren. Sie erzählten, dass sie von den schlechten Lebensmitteln krank geworden wären, Butter und alles in Zeitungspapier, wie unappetitlich!
Nun schreiben Sie dagegen, liebe Frau B, dass Sie monatlich pro Kopf 1 kg Butter kaufen können, Fett und Margarine genügend da ist.
Nun sagen Sie ‚mal, was soll man da glauben? “

Mir scheint, die Hilfsbereitschaft der alten Dame ist unredlich ausgenutzt worden.
Unsere Darstellung, dass wir von den Grundnahrungsmitteln her gesehen, keine Not litten, zweifelte sie immer an, weil ihr andere Bekannte offensichtlich ganz anderes schrieben.

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