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Was einem beim Spazieren begegnet
Sobald man die Höhenrückenebene des so genannten „Stauchitzer Berges“ überwunden hat, weitet sich der Blick nach Norden ins Jahnatal Bei klarem Wetter meint man, Oschatz, der Colm Berg, Riesa wären greifbar nahe Kleine Orte, mit zunehmend wieder roten Dächern der Häuser, farbenfroh getüncht, reihen sich im Jahnatal aneinander In seinem romantischen Radfahrer – und Wanderweg, seinen Parks, lässt es sich erholsam radeln, wandern und verweilen
Abseits von Mautitz drehen sich drei Windflügel, umweltfreundlich Energie erzeugend
Dicht hinter der Bahnlinie Riesa – Chemnitz flutet auf der B 169 der Verkehr Spielzeugauto gleich, jagen sich die unverbesserlichen Schnellfahrer

Wie oft endet die Jagd im Unglück Polizei und Feuerwehr rücken dann mit Tatü – Tata an, um menschliche und materielle Trümmer zu beseitigen
Die steigende Anzahl von Holzkreuzen an Straßenrändern, ist traurige Erinnerung an Fehlverhalten im Straßenverkehr
Der Spazierweg führt hinab an den Südrand des Jahnatals Im weiten Bogen nach Osten zum so genannten „Kreuzweg“, Richtung Gleina – Dobernitz, um sich dann nach Süden führend in einem einen Kilometer langen An – und Steilabstieg zurück zum Ausgangspunkt nach Staucha zu wenden

Vom Spazierwege aus bleibt der Blick an den, man möchte schon meinen, monumentalen Wohn- und Wirtschaftsbauten der ehemaligen, fast Tausend Bürgern des Territoriums Arbeit bietenden, gärtnerisch -landwirtschaftlichen Genossenschaft hängen.
Jedes Objekt ist mit Erinnerungen der Menschen, die hier arbeiteten, verknüpft

Ein SZ – Journalist betitelte am Freitag, dem 30 Juli 1999, auf der dritten Seite der Zeitung, einen Artikel mit
„Der Fall eines Imperiums“
Ein bescheidener Teil der Probleme wird darin mehr oder weniger sachlich, journalistisch aufgemacht, teilweise unrichtig, versucht darzustellen
Aus der Sicht, zehn Jahre nach der Wende, führt Reinhard D aus:

“ Der Fall eines Imperiums

Nach Liquidation der früheren GPG „Sonnenschein“ warten die Bauern auf dreizehn Millionen Mark

Ein Lebenswerk geht nun endgültig zugrunde. Die Reste der einstigen Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft (GPG) „Sonnenschein“ Staucha, bis zur Wende eine Großmacht im Kreis Riesa, werden liquidiert Karl Heinz Thomas, 30 Jahre Chef, hat sich immer wieder befohlen: Das geht dich nichts an. Das Kapitel ist beendet
Ende 1990 hatte er sich in Frührente zurückgezogen Gaertner und Bauern werfen ihm noch heute vor: Thomas habe zu früh aufgegeben. Das sei feige gewesen; unverantwortlich In den Wendewirren hätte es einer starken Hand bedurft. Vielleicht hätte man das Land und die Gemüsewirtschaft zusammenhalten können Aber nein, er war stur, verließ das sinkende Schiff
Thomas verteidigte sich: „Unsere Gemüseproduktion hatte keine Chance“
Außerdem gab es Leute, die ihn schon vor der Wende aus der Leitung drängen wollten Jetzt konnten sie das Ruder führen. Ein Lachen kollert in Thomas ‚ Brust Er scheint sich alter Kampflust zu erinnern Es ist ihnen nicht gelungen, ihn abzusetzen, trotz starken Parteiwinds im Rücken Selbst den Genossen in Riesa nicht. „Denn welche GPG führte im Jahr schon rund 14 Millionen Gewinn an den Staat ab“

Aufstieg zur „Grafschaft Staucha“

Über knapp 5000 Hektar erstreckte sich die GPG „Sonnenschein“ entlang der B169 vom Stadtrand Riesa bis kurz vor Ostrau
Im so genannten „sozialistischen Frühling“ gaben die Einzelgärtner dem politischen Druck nach und gründeten 1960 die Genossenschaft. Das Land schrie nach Gemüse, nach Tomaten, Gurken, Paprika, Blumenkohl. Das Geschäft florierte.

Wohlstand durch Blumenkohl

Bald sprach man von der Grafschaft Staucha Thomas regierte mit eiserner Hand und wurde zum „Grafen“ erhoben und als „sozialistischer Kapitalist “ gepriesen. Der Wohlstand der GPG wuchs. Das Mittagessen erhielten die Mitglieder geschenkt Urlaubsfahrten zur Krim und ins brüderliche Moskau wurden für alle als Prämie vergeben.. Bald standen 60 betriebseigene Bungalows zwischen Ostsee und Sächsischer Schweiz. Zur hohen Erntezeit zahlte die GPG einen Hunderter extra pro Wochenende Da kamen sogar Städter aus Riesa, gar aus Dresden zur Erntehilfe und sowjetische Offiziers Frauen aus der Riesaer Garnison. Die GPG investierte rund acht Millionen Mark im Jahr Sie hätte gern neue Traktoren, Maschinen gekauft, aber es wurde geflickt und geschustert bestochen und geschoben. Ein Mann namens Funke wurde „Neckermann“ genannt Er hatte nicht anderes zu tun, als durch die Republik zu reisen und zu besorgen: Ersatzteile, Badewannen, Zement, Fernseher, Waschmaschinen, Diesel. Meist bestach er mit Urlaubsplätzen. Manches kleine Funktionärsherz wurde weich
Vor allem der Anbau von Blumenkohl der staatlich angewiesen war, hatte die Grafschaft wohlhabend gemacht Aber der Raubbau hatte die Böden ruiniert. Die GPG benötigte Austauschflächen. Die wollten sie von den umliegenden Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Doch die lehnten ab, die reichen Gaertner waren den Bauern ein Dorn im Auge Es gab Neid und Verleumdungen. Im Rat des Kreises Riesa wurde der GPG schließlich befohlen, sich mit den Bauern zu einer Genossenschaft zusammenzuschließen. Zähneknirschend führten sie den Befehl aus. Die Gärtner und Bauern sind nicht wirklich zusammengewachsen Unter der Oberfläche rumorte es. Das war auch ein Grund warum die LPG gleich nach der Wende zusammenbrach
Die alten Gegensätze zwischen Bauern und Gärtnern brachen sofort aus. Im Juni 1990 nahm der erste Bauer sein Land aus der Genossenschaft, ihm folgten andere Sechs wurden wieder Einrichter
Interessenten aus den Altbundesländern sicherten sich schnell Pachtland Übrig blieben die leerstehenden Immobilien, die allmählich verrotten. Die Gärtner aber zögerten mit einem Neuanfang. „Das war richtig“, beharrt Thomas heute noch Sie hatten bereits 2000 Tonnen Tomaten vernichtet und keine Chance gegen Gemüse aus Holland, Spanien oder Portugal „Es war keine Feigheit, als ich aufgab“

Unverkäufliche Wirtschaftsgebäude

In den Dörfern um Staucha und Stösitz herrscht Wut. Schuldzuweisungen vergiften das Klima 33 Millionen Mark standen in der D- Mark-Eröffnungsbilanz. Wenigstens 30 Millionen erhofften sich rund 800 Genossenschaftler als Erlös Aber die Wirtschaftsgebäude erwiesen sich als unverkäuflich. Lediglich EDEKA mietete einen großen Komplex. Schließlich beschloss die Vollversammlung die Liquidation Jetzt hoffen die Gärtner und Bauern, dass wenigstens 13 Millionen erlöst und ausgezahlt werden Andreas Wilhelm, einstiger Produktionsleiter und stellvertretender Vorsitzender, wurde als Liquidation bestellt. Nur mühsam kann er seinen Ummut bändigen. Wir haben uns doch Selbst die Beine weggeschlagen. Und wir waren nicht fähig, ein Konzept, das Erfolg versprach, zu entwickeln“

In diesem Jahr gibt es keinen Pfennig

Die einzigen Pfunde, die Liquidatoren besitzen, sind die 200 Genossenschaftswohnungen. Einige sind bereits saniert und verkauft. Für mehrere ganze Blöcke gebe es Interessenten. Gelingt der Verkauf, dann könnten 10 Millionen zusammenkommen Aber noch ist es nicht so weit Wilhelm weis nur eines genau: In diesem Jahr wird es keinen Pfennig geben
In den Köpfen der Bauern bohrt es heftig: Wann gibt es Geld?
Und es fallen böse Worte: „Jetzt sind wir auf Gedeih und Verderb den Liquidationen ausgesetzt“. Andere, die das Geld schon abgeschrieben haben, höhnen: „Ihr habt ‚ s ja so gewollt“
Wendegeschichte mit langer Wirkung In Hof, nahe der früheren GPG – Zentrale, bringt es Gottfried, ein Schlosser, auf seinen Punkt: „In der Grafschaft herrschte eine Art kapitalistisch geführter Kommunismus. Nach der Wende waren sie zu gierig, wollten die große Westmark
Jetzt haben sie den Salat“

So las sich die mit Halbwahrheiten gehäufte „Grafschaft“ – Geschichte

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